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Schulleiter Helmut Kühnberger hat an seinem Gymnasium Riedberg alles Notwendige für die wiederkehrenden Schüler organisiert.  

Porträt

Frankfurter Gymnasium: Mit kühlem Kopf durch die Corona-Krise

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Schulleiter Helmut Kühnberger bereitet sein Frankfurter Gymnasium auf die Rückkehr seiner Schüler vor.  

Helmut Kühnberger sieht tiefenentspannt aus, als er am Freitag in seinem Büro im Gymnasium Riedberg sitzt. Laut eigener Aussage ist er das auch. Trotz Corona und wochenlanger Schulschließung. Doch ab heute kehrt wieder Leben in das Gymnasium im Frankfurter Norden ein. Zunächst wird zwar nur ein Zehntel der Schülerinnen und Schüler zurückkehren, doch es ist ein erster Schritt in Richtung Normalität. Auch wenn Kühnberger weiß: „Corona werden wir noch lange haben.“

Das Gymnasium jedenfalls ist präpariert, um den ersten wiederkehrenden Schülern eine möglichst sichere Umgebung zu bieten. Es gibt einen Vorrat an Masken und jeder Raum habe Desinfektionsmittel. Auf den Fluren gibt es ein Leitsystem, die Treppen sind Einbahnstraßen, die entweder nach unten oder oben führen. Auf dem Boden weisen blaue Pfeile den Jugendlichen der Qualifikationsphase (Q2) den Weg. Wo zwei Spuren aneinander vorbeiführen, trennt rot-weißes Absperrband die Wege. 140 Schüler in sieben Gruppen werden ab dem heutigen Montag wieder durch die Flure laufen und am Unterricht teilnehmen. Zumindest an je 20 Stunden pro Woche. Der 58-jährige Schulleiter ist sich sicher, dass sich die Gruppen auf den Fluren kaum begegnen werden. Das weitläufige Gymnasium biete ausreichend Platz. Der Direktor sagt, dass sich auch 700 Jungen und Mädchen im Schulhaus ohne viele Begegnungen bewegen könnten. Zudem wurden die genutzten Klassenräume weit auseinander gelegt.

Maximal 13 Schüler pro Raum

Apropos Klassenräume. In diesen werden maximal 13 Schülerinnen und Schüler sitzen. Zwei Meter Abstand zwischen jedem Tisch und einen noch größeren Abstand zur Lehrkraft, die unterrichtet. Denn, so Kühnberger: „Die Lehrkräfte sind die Hauptgefährdeten, aber auch die wahrscheinlichsten Multiplikatoren.“ Werden sie infiziert, kommen sie mit Hunderten Schülern in Kontakt, bevor die Ansteckung realisiert würde. Und wenn die Lehrer ausfielen, breche das System zusammen. Denn ohne Lehrer kein Unterricht. „Die Öffnung der Schulen ist natürlich ein Risiko, aber die Kinder sollen eben auch etwas lernen. Wir würden gern wieder ein möglichst normales Leben aufnehmen, das beides berücksichtigt.“

Doch Kühnberger weiß, dass die kommenden Wochen nicht normal werden können. Denn zeitgleich könnten maximal 500 Schüler im Riedberg-Gymnasium sein. Es werde also ein Schichtplan gebraucht. Bei zwei Schichten seien höchstens 15 Stunden Präsenzzeit machbar, bei drei Schichten noch weniger. Für mehr würde seine Lehrerschaft nicht ausreichen. Denn einige Lehrer zählten zur Risikogruppe und könnten gar keinen Direktunterricht abhalten. Die Zeit, bis eine Herdenimmunität gegen das Virus vorhanden wäre, würde Jahrzehnte betragen. Der Direktor glaubt, dass ein Impfstoff oder ein Medikament die wahrscheinlichste Lösung ist.

Zur Person

Helmut Kühnberger (58) ist Schulleiter des Gymnasiums Riedberg.

Der Frankfurter ist seit der Gründung der Schule 2009 als Direktor dabei.
Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Das Gymnasium hat 1450 Schüler von der fünften Klasse bis zum Abitur. mic

In den vergangenen Wochen waren die Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler aber trotz aller Umstände nicht untätig. Per Video gab es E-Unterricht, also alles digital und auf modernstem Niveau. Kühnberger, der selbst noch Physik unterrichtet, sagt, bei ihm sei so gut wie kein Stoff ausgefallen. Während seine Schülerinnen und Schüler ihn gefragt hätten, warum sie überhaupt wieder zur Schule kommen müssten, es klappe doch alles digital, sieht der Schulleiter das etwas anders. „Die Emotion der Gruppe fehlt einem. Man spürt nicht, ob alle es wirklich verstanden haben. Aber genau davon hängt der Lernfortschritt bei jedem einzelnen ab.“

Die Corona-Krise hat viel Negatives mit sich gebracht. Trotzdem kann der 58-Jährige der Situation auch etwas Positives abgewinnen. „Ich sehe die Corona-Krise auch als große Chance. Zum Beispiel lernen wir im Moment in sehr kurzer Zeit sehr viel über die Vor- und Nachteile des digitalen Unterrichts. Organisation und Kommunikation werden optimiert. Auch die gestärkten sozialen Beziehungen werden uns noch lange gut tun.“ Und auch für ihn persönlich hatte die schwere Zeit etwas Bereicherndes. Kühnberger blüht auf, wenn er etwas organisieren darf, wenn er Lösungen für alltägliche Probleme finden muss. Und von beidem gab es in den zurückliegenden Wochen jede Menge.

Kühnberger ist Diplom-Physiker, der anfangs nicht an eine Schullaufbahn gedacht hat. Irgendwann kombinierte er seine Liebe zur Physik aber mit dem pädagogischen Aspekt seiner Jugendarbeit beim evangelischen Jugendwerk, die er 17 Jahre lang ausübte. So wurde er doch noch Lehrer. Anfangs an der Schillerschule, zwischendurch auch an der Deutschen Schule in London. Als das Gymnasium auf dem Riedberg eröffnet wurde, begann er dort als Schulleiter. Im vorigen Jahr konnte die Schule noch ihr zehnjähriges Bestehen feiern. Gemeinsame Feste, Ausflüge und Austausch sind dem Schulleiter besonders wichtig. Das Gymnasium unterhält zahlreiche internationale Partnerschaften, die nun natürlich ruhen müssen. Kühnberger kennt aber deren Bedeutung für den respektvollen Umgang der Schülerschaft mit anderen Kulturen.

Lob für Kultusministerium

Der 58-Jährige lobt das bisherige Vorgehen des Kultusministeriums. „Es hat die Sache gut gehandhabt.“ Nun hofft er, dass weiterhin nur notwendige Regelungen erlassen werden. „Jede Schule sollte ihre eigenen passenden Lösungen finden können. Dafür braucht man Spielraum.“ Das Gymnasium scheint den für sich besten Weg gefunden zu haben.

Alleine hätte der Direktor aber wenig auf die Beine stellen können. Alle an der Schule hätten ihn tatkräftig unterstützt. „Wir sind ein Team“, sagt Kühnberger. Und man hat den Eindruck, dass der Gelassenheit ausstrahlende 58-Jährige gemeinsam mit seinen Kollegen auch die kommenden Monate genauso tiefenentspannt wie die zurückliegende Wochen meistern wird.

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