Nicht witzig. Das angeschmierte Grüngürteltier auf der Niddabrücke in Bonames. Auch andere Kunstwerke wurden beschädigt.
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Nicht witzig. Das angeschmierte Grüngürteltier auf der Niddabrücke in Bonames. Auch andere Kunstwerke wurden beschädigt.

Vandalismus

Wer hat das Frankfurter Grüngürteltier angemalt?

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Gernhardts Fabelwesen wurde schon wieder beschmiert. Es war nicht der erste Anschlag auf die Komische Kunst im Freien.

Voriges Jahr haben sie es grün angestrichen. Das war auch schon eine Sauerei. Zwar eine, die sich inhaltlich vielleicht noch halbwegs begründen ließ – es ist ja schließlich das Grüngürteltier. Aber man malt es trotzdem nicht an. Auch nicht grün. Das gehört sich nicht. Und jetzt stellt sich die ganze Tragweite dieses Problems heraus. Das Umweltamt ist extrem genervt.

Dann was in diesem Frühjahr zwischen dem 13. und dem 18. Mai geschah, ist auch farblich nicht zu rechtfertigen. Da kamen unbekannte Täter und pinselten das Lieblingstier der Frankfurterinnen und Frankfurter komplett bunt an. Den Körper grellgelb. Nase, Augen und Ohren grün. Die Flügel innen grün und außen rot. Diese Leute müssen eimerweise Farbe dabeigehabt haben. Kurz gesagt: Das ehrwürdige Grüngürteltier, wichtigster Vertreter der Reihe „Komische Kunst im Grüngürtel“, wurde zum Clown gemacht. Alle anständigen Menschen sagen: pfui! Einer von ihnen, Thomas Hartmanshenn vom Umweltamt, sagt außerdem: „Das ist nicht witzig. Ich bin’s leid.“

Das Grüngürteltier (Dasipus franconia), 2001 vom größten Frankfurter Dichter des 20. und 21. Jahrhunderts, Robert Gernhardt, zum Leben erweckt, ziert mehrere Stellen in seiner Heimat. In limitierter Auflage wohnt seine ausgesprochen grüne Stoffversion mit Knopf im Ohr in privilegierten Haushalten der Stadt.

Sein wichtigster Standort ist aber seit 2007 die Niddabrücke am Alten Flugplatz in Bonames. Dort ist das von seinen Freunden liebevoll GGT oder auch Grütel genannte Fabelwesen ganz in Bronze gehalten und ruht auf der Brückenbrüstung. Wer seine Nase berührt, hat fortan Glück, denn er genießt den Schutz des Geschöpfs, einer Mischung aus Wutz, Molch und Star, wie es der Schöpfer einst klassifizierte.

Geständnis in Riesenlettern

Voriges Jahr also fühlte sich wer von der Liebe derart übermannt, dass er sein Geständnis in Riesenlettern auf die Niddabrücke schreiben und zudem das GGT grün anmalen musste. „Die Farbe war so dick und fest, dass wir wochenlang überlegt haben, wie wir sie wegkriegen“, sagt Hartmanshenn, Leiter der städtischen Umweltvorsorge. Üblicherweise regele der Rahmenvertrag mit einer Spezialfirma die Entfernung etwa von Graffiti für einen erklecklichen, aber immer noch vertretbaren Preis. „Meist ist es für, sagen wir, 480 Euro zu lösen.“

Im Fall des Grüngürteltiers war die verwendete Farbe aber so widerspenstig, dass die Firma ein organisches Lösungsmittel hätte einsetzen und die gesamte Umgebung zwecks Naturschutz hätte abdecken müssen. 6800 Euro.

„Deshalb haben wir uns für ein mechanisches Verfahren entschieden“, sagt Hartmanshenn. Die Folge: Jetzt habe das Grütel Kratzspuren, weil es so verwinkelt und voller „tiefliegender Räume“ sei: „Es hat definitiv an künstlerischem Wert verloren.“

Das war auch die Zeit, als sehr lustige Menschen glaubten, sie müssten das Ich-Denkmal von Hans Traxler und Reiner Uhl an der Gerbermühle verzieren.

Weil Farbe tief eindrang, wurde es nötig, den Sockel abzuschleifen und die Inschriften neu anzufertigen. 4800 Euro. Zwischenzeitlich geruhten Inhaber eines marginalen Restbestands an Hirnzellen, der Sondermann-Figur im Nordpark ein Ohr abzuschlagen.

Unholde und Strauchdiebe

Und nun, im Mai, kamen Unholde und Strauchdiebe, um das gutmütige Grüngürteltier erneut zu beschmieren. Empörte Mitbürger konnten den Zeitpunkt der Missetat recht präzise eingrenzen anhand der Fotos, die im Kurznachrichtendienst Twitter regelmäßig gepostet werden. Dort treffen sich ehrbare Bewahrer des Schönen, Guten und Bronzenen und passen auf das Grütel auf.

Bald nach Bekanntwerden des Anschlags wurden Rufe laut, nicht nur den Schuldigen das Handwerk zu legen, sondern auch den allzu bunten Freund in seine ursprüngliche Verfassung zurückzuversetzen. „Das arme Grüngürteltier“, schrieb eine Mitleidige, von „Entsetzen“ war bei einem gutherzigen Chronisten die Rede.

Was sagt Thomas Hartmanshenn? „Ein weiterer freischaffender Künstler hat an seiner persönlichen Interpretation dieses Werks gearbeitet“, sagt er, und ein wenig klingt es, als würde er sich gern anders ausdrücken, irgendwie drastischer. „Es ist eindeutig Sachbeschädigung.“

Im Umweltamt ist eine Mitarbeiterin speziell für die komische Grüngürtelkunst zuständig, „eigentlich proaktiv, nicht reaktiv“, sagt Hartmanshenn. „Jetzt muss sie sich mit so einem Mist beschäftigen.“ In Zeiten, in denen die Stadt andere Sorgen hat als das unterirdische Ästhetikverständnis mancher Zeitgenossen.

Was nun? Erst mal: nichts. Ja, die Schmiererei am GGT werde entfernt, sagt der Mann vom Umweltamt. Und nein, er wisse noch nicht, wann. „Es ist wie der Wettlauf Hase gegen Igel.“

Freunde der komischen Kunst haben für potenzielle Nachahmer übrigens eine Botschaft: Farbfrevler leiden kurz nach der Tat stets unter argem Liebeskummer. Ein alter Fluch des Grüngürteltiers.

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