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Unipräsidentin Birgitta Wolff (li.) und Asta-Vorsitzende Kyra Beninga diskutieren auch mal heftiger, schätzen sie sich aber.

Goethe-Universität

Frankfurter Goethe-Universität: „Die Regelstudienzeit entspricht nicht der Lebensrealität“

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Die Asta-Vorsitzende Kyra Beninga fordert von der Frankfurter Unipräsidentin eine Lockerung der Präsenzpflicht, ein Bekenntnis zum Antifaschismus und auch eine klimaneutrale Hochschule.

Wie verstehen Sie sich eigentlich Frau Wolff, Frau Beninga?
Wolff:Grundsätzlich gut, aber manchmal stecken wir einfach in unseren Rollen fest. Unsere persönliche Beziehung hält es aber aus, wenn mal Frau Beninga und umgekehrt auch mal ich im Senat auf den Putz hauen.
Beninga:Persönlich schätze ich Frau Wolff sehr. Es gibt Themen, bei denen wir große Schnittstellen haben, wie den Wunsch nach einer U-Bahn-Haltestelle für den IG-Farben-Campus. Dagegen treten bei anderen Themen die verschiedenen politischen Ansichten deutlich zutage, was die Zusammenarbeit erschwert – etwa beim großen Streit, als der Asta und der Senat den Umgang des Präsidiums mit der NS-Vergangenheit der Adolf-Messer-Stiftung kritisierten. Der nach dem umstrittenen Industriellen Adolf Messer benannte Aufenthaltsraum auf dem Campus Riedberg heißt jetzt nach vierjährigen Protest wieder Common Room.

Was fehlt den Studierenden?
Beninga:Ein großer Punkt ist, dass die Regelstudienzeit nicht mehr der Lebensrealität entspricht. Viele Studierende müssen arbeiten, und studieren deshalb über die Regelstudienzeit hinaus. 2017 haben 70 Prozent der Studierenden nicht innerhalb der Regelstudienzeit ihren Abschluss gemacht. Sie wünschen sich, dass Präsenzpflichten und die Regelstudienzeit abgeschafft werden. Außerdem sollten Abgabefristen gelockert werden, und es sollte weniger Prüfungen geben.
Wolff:Bei der Präsenzpflicht betonen die Studiendekane, dass Seminare Interaktion brauchen – und das funktioniert nur, wenn die Studierenden verlässlich anwesend sind. Studium ist eben auch Commitment.

Was ist Ihre Meinung zur Ausweitung der Regelstudienzeit, Frau Wolff?
Wolff:Bei der Problemanalyse zur Regelstudienzeit sind wir uns mit dem Asta einig. Wir wissen aus unseren repräsentativen Befragungen, dass zwei Drittel unserer Studis neben dem Studium arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Nach dem laufenden Hochschulpakt gibt es nur Geld vom Land für Erstsemester und Studierende in der Regelstudienzeit sowie ein Plus für Absolventen. Es gehen die Meinungen darüber auseinander, ob jemand, der länger studiert, mehr Arbeit macht. Wenn es aber keine zugangsbeschränkten Kurse sind, dann ist es doch egal, ob da einer mehr oder weniger sitzt. Wir sollten zusammen mit der Politik überlegen, ob die Regelstudienzeit noch ein sinnvoller Parameter für die Hochschulfinanzierung ist, oder ob man nicht besser auf aussagekräftigere Parameter umsteigen sollte. Ist es wirklich noch sinnvoll, den Hochschulen Anreize zu setzten, die Studierende zu einem schnellen Studium zu drängen, wenn das weder zu deren überwiegenden Lebenssituation passt noch der Schlüssel zu einem guten Studienerfolg zu sein scheint?

Was passiert bei der Digitalisierung?
Wolff:Wir sind eine digital unterstützte Präsenzuniversität, keine digitale Universität. Wir setzen weiter auf persönlichen Austausch. Insgesamt haben wir im vergangenen Jahr rund 1500 Vorlesungen aufgezeichnet. Die können sich Studierende beliebig oft anschauen. Die Idee ist, Präsenzveranstaltungen durch Digitalisierung besser zu machen, nicht zu ersetzen.

Beninga:Das unterstütze ich. Digitalisiertes Lernen kann nur eine sinnvolle Ergänzung sein. An der Uni sollten Menschen voneinander lernen und kritisch miteinander diskutieren.

Wie klimafreundlich ist die Uni in Zeiten von Fridays for Future?

Zurzeit laufen an der Frankfurter Goethe-Universität zwölf Bauprojekte, darunter die Sporthallen in Ginnheim und drei Projekte am Campus Riedberg. Am Campus Niederrad wird die zentrale Forschungseinrichtung neu gebaut, auf dem Campus Westend entsteht zudem das Gebäude für Sprach- und Kulturwissenschaft. 

Ein weiteres Großprojekt auf dem Campus Westend ist das IG-Farben-Haus. Die Travertinplatten sind mit den Jahren porös geworden. Zum Schutz der Nutzer wurde das Gebäude eingezäunt. Außerdem muss es klimatechnisch überarbeitet werden. Allein dieser Umbau soll mittlerweile 25 Millionen Euro kosten. Der Umzug der Unibibliothek von Bockenheim zum Campus Westend wird nicht vor 2025 beginnen, weil dort noch eine provisorische Schule des Adorno-Gymnasiums steht. Die Planungsmittel für den ersten Bauabschnitt sind freigegeben.

Beim geplanten Studierendenhaus auf dem Campus Westend läuft noch das Gerichtsverfahren um das Nutzungskonzept, bei dem die Interessen der Studierenden und der Anwohner berücksichtigt werden. Verlegt wurden daher etwa schon die Terrassen, sodass es keine Ruhestörung gibt. Der Asta wehrt sich gegen die eingeschränkte Nutzung zwischen 22 und 6 Uhr, denn abends finden Sitzungen des Studierendenparlaments, Vorträge und Pupille-Kinovorführungen statt. Der Asta fordert Raum für studentische Kultur wie Fachschaftspartys oder Barabende.

An der größten hessischen Hochschule studieren rund 46 246 Menschen. isk/rose

Wolff:Wir haben zurzeit ein 35-Millionen-Projekt, das das Land teilweise unterstützt. Darin geht es vor allem um energetische Sanierungen und Nachrüstungen. Unseren Strom beziehen wir bereits jetzt komplett aus erneuerbaren Energien. Beispielsweise werden auf dafür geeigneten Dächern der Universität Photovoltaikanlagen errichtet, um einen Teil der Energie selbst zu erzeugen. Im Fuhrpark nutzen wir Elektro- und Hybridfahrzeuge, es gibt eine wachsende Zahl von Ladestationen für E-Autos. Und wir haben das kostenlose Hessenticket für alle Uni-Mitarbeiter. Wir wünschen uns, eine solche Lösung auch für Studierende zu erreichen, die bisher ihr Semesterticket bezahlen müssen.
Beninga:Es mangelt an einem öffentlichen Nachhaltigkeitsbericht. Es gibt viele Nachhaltigkeitsprojekte und Initiativen, allerdings fehlt eine zentrale Koordinationsstelle, wie das von Studierenden initiierte Green Office. Außerdem wünschen wir uns unter anderem Biomülltonnen, recyceltes Toiletten- und Druckerpapier. Das geringe vegane Angebot in der Mensa und die Unmengen an Verpackungsmüll schlagen sich negativ auf die Klimabilanz nieder. Langfristig sollte eine klimaneutrale Universität das Ziel sein.

Wolff:Das sind alles schöne Wünsche, die wir teilen. Nachhaltigkeit hat aber auch eine soziale und eine ökonomische Dimension. Ein übergeordnetes Office werden wir einrichten. Letztlich geht es auch um Verhaltensänderungen: Es hilft auch, wenn alle ihren eigenen Becher an die Uni mitbringen, statt sich den Pappbecher geben zu lassen. Dafür müssen wir noch mehr werben.

Seit Jahren mangelt es an Wohnraum für Studis. Wie sieht es bei den Wohnheimplätzen aus?
Beninga:Die Wartelisten sind mit rund 3000 Bewerbern viel zu lang, denn für nur knapp sieben Prozent der Studierenden im Rhein-Main-Gebiet gibt es Wohnheimplätze. Es ist notwendig, dass die schwarz-grüne Landesregierung die Zuschüsse für das Studierendenwerk erhöht, damit mehr geförderter Wohnraum entsteht. Ein Problem ist, dass immer mehr private Wohnheime entstehen. Viele Studierende müssen Nebenjobs annehmen oder ins Umland ziehen, um sich die Miete leisten zu können. Der Asta fordert, dass ein Studium in Frankfurt nicht vom Einkommen der Eltern abhängig sein darf. Deshalb unterstützen wir den Mietentscheid.

Der Terroranschlag von Halle vergangene Woche hat die Debatte um Antisemitismus neu entfacht. Tut die Uni genug gegen Ausgrenzung?
Beninga:Wichtig ist, dass jüdisches Leben an der Uni nicht gefährdet sein darf. Der Asta versteht sich als solidarisch mit Israel. Nach dem Fund rechtsextremer Flyer im Mai sollte das Leitbild dahingehend erweitert werden, dass die Uni für einen konsequenten Antifaschismus einsteht. Das Studierendenparlament verurteilt zudem jegliche Zusammenarbeit mit der antisemitischen und israelfeindlichen BDS-Kampagne und fordert, BDS-Unterstützer*innen keine Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Diese wurden wiederholt vom Cornelia-Goethe-Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse eingeladen.
Wolff:Im Ziel sind wir uns einig, aber in den Mitteln nicht immer. Die Freiheit von Forschung und Lehre ist im Grundgesetz verankert. Und daraus ergibt sich für uns ein Dilemma: Denn die Unileitung stünde unter Zensurverdacht, wenn sie verlangte, Personen mit solchen Kontakten nicht mehr einzuladen. Sollte es nicht gerade auch Aufgabe von Wissenschaft sein, Antisemitismus argumentativ zu enttarnen?

Wie steht es um die Gleichberechtigung von Frauen an der Uni?
Beninga:Frauen stellen die größte Gruppe der Studierenden, aber nur 27 Prozent der Professoren sind weiblich. Für die meisten Frauen ist die akademische Karriere nach der Promotion vorbei. Das muss sich dringend ändern.
Wolff:Bei Berufungsverfahren wird im Senat inzwischen oft gefragt, ob Frauen aktiv rekrutiert wurden. Nicht immer gelingt das schon. Wir müssen uns noch mehr anstrengen, um die wissenschaftlichen Karrierewege von Frauen besser zu ebnen, zum Beispiel, indem wir noch mehr für Stereotypisierungen und Rollenzuschreibungen sensibilisieren.

Interview: Kathrin Rosendorff und Franziska Schubert

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