Das Café Kante hat einen Zaun mit Bastmatten verkleidet, um den Wind abzuhalten, Heizpilze aufgestellt und Decken bereitgelegt.
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Das Café Kante hat einen Zaun mit Bastmatten verkleidet, um den Wind abzuhalten, Heizpilze aufgestellt und Decken bereitgelegt.

Interview

„Es wäre tödlich, wenn die wenigen Sitzplätze leer bleiben“

  • Helen Schindler
    vonHelen Schindler
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James Ardinast, Vorstand der Initiative Gastronomie Frankfurt, über Eilanträge gegen die Sperrstunde, unglückliche Kommunikation der Stadt und Ängste in Hinblick auf den Winter.

Die Stadt Frankfurt hat eine Sperrstunde zwischen 23 Uhr und 6 Uhr verhängt. Wie beurteilen Sie diese?

Grundsätzlich sehen wir die Sperrstunde kritisch. Zum einen kann man zurzeit nicht wirklich sagen, dass es ein erhöhtes Infektionsrisiko in der Gastronomie gibt. Dadurch, dass die Sperrstunde zusammen mit dem Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen verhängt wurde, werden wir in eine Schublade gesteckt. Der Gastronomie wird der Miesepeter zugeschoben. Natürlich gibt es schwarze Schafe, aber die meisten sind sich der Verantwortung bewusst. Viele Gastronomen haben Geld in die Hand genommen, um weitere Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Zum anderen denken wir, dass man nach der Erfahrung des Sommers sagen kann, dass wir sichere und kontrollierbare Räume schaffen. Unsere Sorge ist, dass die Menschen, die gesellschaftlich zusammenkommen wollen, durch die Sperrstunde in private Räume gedrängt werden. Und dort gibt es eben keine Sicherheitsvorkehrungen.

Die IGF (Initiative Gastronomie Frankfurt e.V.) hat angekündigt, Gastronomen, die mit ihren Eilanträgen gegen die Sperrstunde vorgehen wollen, zu unterstützen. Erste Eilanträge sind vom Verwaltungsgericht abgelehnt worden. Denken Sie, dass weitere Eilanträge Erfolg haben werden?

Der erste abgelehnte Eilantrag ist auf der falschen Basis getätigt worden. Da ging es darum, die Sperrstunde eine Stunde nach hinten zu verlegen, das wurde vom Gericht nicht als Einschränkung gesehen. Der Antrag hat gezeigt, wo die Schwachstellen lagen. Es gibt weitere Gastronomen, die gegen die Sperrstunde vorgehen wollen. Nachdem das Berliner Verwaltungsgericht die Sperrstunde in der Hauptstadt gekippt hat, rechnen wir uns gute Chancen aus. Wir gehen davon aus, dass wir in erster Instanz gewinnen werden. Aber je nachdem, wie sich das Infektionsgeschehen entwickelt, könnte es in einigen Wochen wieder eine Sperrstunde geben. Aber der Weg, den wir und die Dehoga suchen, ist der Dialog mit der Stadt. Wir sehen ja, dass die Fallzahlen nach oben gehen. Aber im Gegensatz zum März kann und muss man jetzt mit Erfahrungswerten arbeiten. Man muss schauen, wie man einem Lockdown entgehen kann, aber auch Wege schaffen, wie man mit dem Virus leben kann. Uns geht es um nachhaltige Lösungsansätze, die sowohl das Gesundheitliche als auch das Wirtschaftliche miteinbeziehen.

Abgesehen von der Sperrstunde: Was sind die Probleme, vor denen die Gastronomie in Hinblick auf den Winter steht?

Dass sich die Situation im Herbst wieder verschärft, war schon im Vorfeld bekannt. Die Menschen haben eine gewisse Angst und ziehen sich auch von sich aus wieder ein Stück weit zurück. Das ist unsere größte Sorge, denn wir arbeiten ja sowieso schon mit geringeren Kapazitäten wegen der Abstandsregeln. Wir versuchen dem vorzubeugen – mit zusätzlichen Maßnahmen. Auch haben wir Angst vor einer unglücklichen Kommunikation – wie bei der Sperrstunde. Für die Gäste ist nicht nachzuvollziehen, wo diese Idee herkam. Die Sperrstunde ist dazu da, um nach 23 Uhr keinen Alkohol mehr auszuschenken. Das zu kommunizieren, wurde versäumt. Jetzt sieht es so aus, als wären Gastronomieflächen „Satansflächen“, als würde etwas Böses passieren, wenn man sich dort zu lange aufhält. Überhastete und ungünstige Kommunikation schürt Angst in der Bevölkerung.

Zur Person

James Ardinast (48) ist stellvertretender Vorsitzender der IGF, Mitglied im Vorstand des Kreisverbands der Dehoga Frankfurt und Betreiber der Bar Shuka und des Stanley in Frankfurt.

Die IGF hat sich im Dezember 2015 gegründet. Zurzeit hat sie 60 Mitglieder, die 105 Betriebe repräsentieren. hsr

Vergangene Woche hat erstmals der Gastrogipfel getagt, bei dem Vertreter der Stadt und der Gastronomie sowie Mediziner zusammenkamen; auch Sie waren dabei. Ist das die Art der Kommunikation, die Sie sich wünschen?

Es ist immer gut und wichtig, wenn Politik sich gemeinsam mit den zuständigen Verbänden und Interessenvertretern austauscht, das ist Bestandteil unserer Demokratie und gerade jetzt in Krisenzeiten unabdingbar. In der Tat möchten wir mit der Dehoga Frankfurt weiterhin aktiv in das Geschehen einbezogen werden – das hat ja auch in der Vergangenheit sehr gut funktioniert.

Welche Vorkehrungen treffen Gastronomen, um den Hygieneschutz auch im Winter bieten zu können?

Viele Gastronomen beschäftigten sich mit Lüftungsanlagen oder Virenfiltern. Wie viele es wirklich umsetzen, weiß ich nicht, ich kann aber sagen, dass in der IGF alle Mitglieder entsprechende Vorkehrungen getroffen haben. Lüftungsanlagen und Virenfilter sind mit erheblichen Investitionskosten verbunden. Allerdings gibt es in vielen, gerade moderneren Gastronomien ohnehin schon Frischluftanlagen, die das Soll erfüllen. Wozu fast jeder Gastronom die Möglichkeit hat, ist, die Außenbereiche, sofern vorhanden, winterfest zu machen. Winterfest machen heißt Regenschutz, Windschutz und eine Form der Wärmequelle. Viele machen das mit Heizgasstrahlern, aber einige versuchen auch umweltschonendere Varianten wie Infrarotstrahler oder Heizkissen mit Akkus. Es gibt aber auch den ein oder anderen Gastronomen, der jetzt ein Zelt aufstellt. Davon raten wir ab, weil es zum einen nicht unter die Duldung der Stadt fällt und zum anderen wieder ein geschlossener Raum geschaffen wird.

Sie selbst betreiben gemeinsam mit ihrem Bruder David die Bar Shuka und das Stanley. Welche Vorkehrungen haben Sie getroffen?

In beiden Lokalen hatten wir bereits Frischluftanlagen. Neu bestellt haben wir Entkeimungssysteme, die an die Decke gehängt werden und die mit UVC-Licht arbeiten. In der Bar Shuka haben wir davon vier, im Stanley drei. Diese Systeme werden normalerweise in OP-Sälen eingesetzt, sie reinigen die Luft zu 99,9 Prozent von Bakterien und Viren. Davon erhoffen wir uns, dass sich die Gäste sicher fühlen. In den Außenbereichen haben wir Infrarotstrahler und Windschutz aufgestellt.

Wie viel haben Sie investiert?

Pro Lokal um die 10 000 bis 15 000 Euro. Wir sehen das als Investition in die Zukunft, wir gehen davon aus, dass wir noch lange mit dem Virus leben werden müssen. Tödlich wäre es für uns, wenn die wenigen Sitzplätze, die wir haben, leer bleiben würden.

Wird es Restaurants geben, die die Investition nicht tätigen und dementsprechend im Winter geschlossen bleiben müssen?

Nach wie vor ist die effektivste Form das Stoßlüften. Das kann jeder machen. Es gibt Wege, egal wie, um aufzubleiben für Gastronomien. Wenn man sich an die Auflagen hält, gibt es keinen Grund, warum Gastronomien schließen sollten. Außerdem prüfen wir gerade eine günstige Alternative: Feinverneblung. Das ist eine Art Desinfektionsmittel, das das Virus direkt angreift. Wenn man damit den Raum sättigt, kann man die Aerosole aus der Luft holen. Das würde im Schnitt acht Euro am Abend kosten. Man kann das Risiko nicht auf null reduzieren, aber man kann es reduzieren. Das ist die Zielsetzung.

Rechnen Sie im Winter mit einem Rückgang der Gästezahlen?

Wir merken jetzt schon, dass die Besucherzahlen verglichen zum Sommer zurückgehen. Die werden im Winter sicherlich rückläufig sein. Die Sperrstunde, die steigenden Infektionszahlen und das Beherbergungsverbot, das hoffentlich jetzt auch bei uns aufgehoben wird, sorgen für unglaublich viel Irritation und Unsicherheit. Man weiß nicht mehr was man darf und was nicht. Das hat bereits dazu geführt, dass am vergangenen Wochenende 20 bis 30 Prozent weniger Umsatz gemacht wurde als am vorvergangenen Wochenende. Wir gehen im Winter von einem wellenartigen Verlauf aus. Es wird bessere und schlechtere Wochen geben. Das kommt auch auf die Kommunikation und die Entwicklung der Zahlen an. Ich hoffe, dass wir ein gesundes Maß schaffen, dass wir auf der einen Seite schauen, dass die Ausbreitung des Virus bestmöglich eingeschränkt wird. Dass wir auf der anderen Seite aber auch Wege finden, wie man mit dem Virus lebt, sodass wir halbwegs über den Winter kommen.

Interview: Helen Schindler

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