Römerbriefe

Frankfurter Gastfreundschaft

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Die Stadtverordneten laden den Polizeipräsidenten ein und ignorieren ihn dann. Reife Leistung. Die FR-Glosse aus dem Frankfurter Rathaus.

Leppert:Wir haben ja einen Gast, der heute zu Beginn der Römerbriefe etwas mitteilen will. Aber erst einmal lass dir sagen, dass dir die kurzen Haare gut stehen.

Göpfert:Und ich sage dir erst einmal, dass ich dich vermisst habe im Urlaub.

Leppert:Dann sage ich dir noch, dass es mir genauso geht.

Göpfert:Wie? Du hast dich also auch vermisst? Verstehe ich nicht. Aber egal. Nur für unseren Gast ist jetzt leider kein Platz mehr.

Bitte entschuldigen Sie den kryptischen Dialog zum Einstieg in Ihre wöchentliche Lieblingskolumne, liebe Freundinnen und Freunde der Kommunalpolitik. Aber wir haben uns ein Beispiel an Jessica Purkhardt von den Grünen im Stadtparlament genommen. Die hat nämlich am Montagabend gezeigt, wie man als Leiterin eines Ausschusses ganz souverän sein Programm abspult und sich nicht von irgendwelchen Gästen irritieren lässt.

Der Ausschuss für Recht und Sicherheit hatte Polizeipräsident Gerhard Bereswill eingeladen. Hintergrund war ein Einsatz der sehr ruppigen Art auf der Zeil, zu dem sich Bereswill äußern sollte. Nun muss man mal sagen: Auch wenn die Antifa und die Eintracht-Ultras das anders sehen, ist Bereswill ein guter Polizeipräsident. Und wenn die Stadtpolitiker rufen, dann kommt er. Blöderweise wusste am Montagabend niemand so recht etwas mit ihm anzufangen. Am allerwenigsten Purkhardt, die die Sitzung in Vertretung von Ursula Busch leitete.

Nun ist es eigentlich üblich, dass Gäste wie Bereswill gleich zu Beginn des Abends zu Wort kommen. Und es gab in der Geschichte der Frankfurter Polizei schon Präsidenten, die nach fünf Minuten gebrüllt hätten: „Unverschämtheit, mich hier warten zu lassen, und außerdem sind das alles laufende Ermittlungen, zu denen kann ich mich nicht äußern.“ Aber Bereswill ist da anders. Er wartete ab und ließ in Preußischer Disziplin einen Tagesordnungspunkt nach dem anderen über sich ergehen. So hörte er etwas über die IT-Kapazitäten der Stadt, über Schutzzonen vor der Beratungsstelle für schwangere Frauen, über den Umbau des Bürgeramts im Frankfurter Nordwesten und über den Andrang in der Ausländerbehörde. Und während peinlich berührte Stadträte probierten, die Situation zu retten, und deshalb gestikulierten und/oder SMS schrieben, änderte sich weder bei Bereswill noch bei Purkhardt irgendetwas. Purkhardt rief ungerührt Tagesordnungspunkte auf, und Bereswill hörte zu. Nur einmal hat er tatsächlich ganz kurz gegähnt. Aber vielleicht war das genau das Zeichen, das Purkhardt brauchte. Nach 80 (in Worten: achtzig) Minuten erteilte sie dem Polizeipräsidenten das Wort.

Was er dann zu sagen hatte, war durchaus interessant, so dass der Abend doch noch spannend wurde. Auch die latent irritiert wirkenden Reporter der Frankfurter Tageszeitungen hatten etwas zu schreiben. Und als die Sonne schon unterging, hat sich noch Sicherheitsdezernent Markus Frank (CDU) auf Facebook zum Polizeieinsatz geäußert – mit einem hämischen Kommentar, der aber leider die intellektuellen Mindestanforderungen der Römerbriefe um 1,4 Prozent unterschreitet und deshalb nicht zitiert werden kann. Wir jedenfalls haben von Jessica Purkhardt an diesem Abend etwas gelernt: Beharrlichkeit.

Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert berichten für die Frankfurter Rundschau aus dem Römer.

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