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Es gibt kein schlechtes Wetter. Aber ein freies Sportgerät.
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Es gibt kein schlechtes Wetter. Aber ein freies Sportgerät.

Serie

Frankfurter Freiräume dringend gesucht

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Wie lässt sich nach den Erfahrungen mit Corona mehr Platz in Frankfurt herausschlagen, mehr Raum für das Leben draußen?

Das edelste Gut auf der Welt? Geld? Nein, Zeit ist viel wertvoller – und auch: Raum. Wohl denen, die viel Platz haben, gerade in der Pandemie fiel das besonders ins Gewicht. Nicht nur in den eigenen vier Wänden. Freiräume in der Stadt waren auf einmal begehrt wie nie.

„Wir haben gemerkt, dass plötzlich viel mehr im Freien stattfindet“, sagt Jutta Deffner. Sie erforscht Mobilität und urbane Räume beim Frankfurter Institut für sozial-ökologische Forschung (Isoe). „Viele haben für sich neue Nutzungen entdeckt wie etwa Picknicks.“

Es passierte mehr als vorher in den Parks und Grünanlagen. Die Menschen hätten sich besonders die wohnungsnahen Flächen stärker angeeignet, sagt Deffner. Diese Freiräume gelte es jetzt zu verändern und zu vergrößern. Aber geht das überhaupt? „Uns ist schon im vorigen Jahr aufgefallen, dass Radwege am Mainufer und an der Nidda stellenweise vollkommen überfüllt waren“, sagt Susanne Neumann vom Frankfurter ADFC. „Unmöglich, da am Wochenende durchzukommen.“ Inzwischen habe sich die Lage ein wenig entspannt, seit der Zoo und andere Freizeiteinrichtungen wieder geöffnet hätten.

Trotzdem kommt es, so der Eindruck, häufiger als früher zu Engpässen. Das führt mitunter zu kuriosen Überlegungen. „Soll ich klingeln?“, fragt sich die Fahrradclub-Sprecherin, wenn sie an Fußgängergruppen heranfährt, „oder nicht?“ Die einen fassen das Signal als Drängelei auf, die anderen erschrecken, wenn ein Fahrrad vorbeirollt, ohne sich anzukündigen: „Haste keine Klingel?“ Wie man’s macht, man macht’s verkehrt. Fest steht: „Es kommt nicht infrage, mit dem Rennrad auf den Grüngürtelwanderwegen den besten Schnitt herauszufahren und die Leute wegzuklingeln“, sagt Susanne Neumann.

Verändertes Leben. Auch die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) hat bei sich selbst gewandelte Gewohnheiten festgestellt. „Ich gehe jetzt nicht mehr wie früher in den Günthersburgpark. Im Huthpark ist es wesentlich entspannter.“ Weniger Betrieb dort. Weniger junge Leute mit dem – völlig verständlichen – Drang nach Gemeinschaft und nach Flirts.

Hitze und Corona hätten im vorigen Sommer zusammengewirkt, sagt Jutta Deffner vom Isoe. „Wichtig ist bei hohen Temperaturen, dass es Schattenräume zum Draußensein gibt.“ Und gibt es davon genug in Frankfurt? „Wir sehen, dass es Ansätze gibt.“ Fassaden- und Dachgrün aus dem städtischen Zuschussprogramm „Frankfurt frischt auf“ beispielsweise. Städte in dieser Hinsicht nutzbar zu machen, stehe jetzt ganz oben auf der Liste. „Man sieht, wie etwa Dachgärten geöffnet werden.“ Ein Sportplatz auf dem Dach, ein öffentliches Grüngelände in der Höhe wie auf dem Einkaufszentrum Skyline Plaza: „In so eine Richtung müsste es mehr gehen.“

Das Bewusstsein für die Notwendigkeit grüner Freiräume gebe es Frankfurt zweifellos, sagt die Isoe-Raumforscherin. Oft setze die Stadtplanung aber noch andere Prioritäten, wenn es kleinteilig werde, wenn Immobilienflächen durch private Unternehmen verplant würden. Stichwort Europaviertel: Dort, sagt Jutta Deffner, seien öffentliche Grünflächen schlecht vorbereitet worden. „Erstaunlich, dass ein Gelände wie der Europagarten über Jahre nicht nutzbar ist, wo es doch der grüne Kern dieser Siedlung werden sollte.“ Im Nordend dagegen sei der Weg hin zum erwünschten Format der Günthersburghöfe ein wichtiger Prozess. „Wir sehen, dass es möglich ist – dass sich eine Planung verändern lässt.“ Es gelte, die richtige Balance zu finden zwischen genug Grünflächen für alle und Wohnraum in der Stadt.

Und die engen Flussufer? Wie wäre es, die Wege breiter zu machen, um Streifen fürs Radfahren und fürs Spazieren voneinander zu trennen? „Das haben die Ortsbeiräte 6 und 7 schon mal vorgeschlagen“, sagt Susanne Neumann. „Aber das wäre ein Eingriff ins Landschaftsschutzgebiet, da zählt die Rücksicht auf die Natur, und das finde ich auch nachvollziehbar.“ In Rödelheim lag der Vorschlag auf dem Tisch: die eine Niddaseite fürs Radeln, die andere fürs Flanieren, so wie es auch zwischen Bad Vilbel und Karben teilweise ausgeschildert ist. Auch daraus wurde bislang nichts. Neumann: „In der Großstadt lassen sich die Nutzungen schwer auseinanderdividieren. Wir warten noch auf passende Lösungen.“

Die werden nicht in breiteren Wegen bestehen, sagt Rosemarie Heilig. „Das haben wir nicht vor.“ Eingriffe ins Grün stünden nicht zur Debatte – aber auch nicht, im Gänsemarsch spazierenzugehen. „Warum nicht Rücksicht aufeinander nehmen?“

Die Stadträtin hat eine allgemeine Tendenz zum Egoismus festgestellt, den Drang, die Rücksicht aufs Gemeinwohl zurückzustellen, weil man ja lange genug gelitten hat unter den Einschränkungen durch die Corona-Bestimmungen. Alles dränge zu den beliebten Plätzen, die Flaschen flögen, der Müll bleibe liegen. Sie habe darüber mit einem Polizeipsychologen gesprochen, sagt Heilig. Der habe ihr erklärt: Die Menschen reagierten weit heftiger als vor Corona, wenn sie das Gefühl hätten, ihre Freiheit werde eingeschränkt. Generell, sagt die Dezernentin, habe die Stadt genug Platz für die persönliche Freiheit, nur nicht immer für die Freiheit aller auf einmal an den besonders beliebten Orten.

Wie steht es um die persönlichen Freiräume der Forscherin? „Bei mir hat sich das auch durch Corona verändert“, sagt Jutta Deffner. „Viele Freiräume waren mir zu voll – ich habe mich am Main mehr Richtung Niederräder Ufer und Schwanheim orientiert und an der Nidda in die naturnahen Bereiche. Ansonsten bin ich eher der Hinterhoftyp, gerne mit Freunden.“ Was sie sich wünschte: temporäre Flächen stärker zu besetzen. Wo ein Haus abgerissen wurde, die Zwischenzeit bis zum Neubau nutzen, Brachen bepflanzen, Urban Gardening, wo immer es geht.

Die Stadt, zumal eine so enge Metropole wie Frankfurt, muss jeden Quadratmeter nutzen, um sich den nötigen Raum für die Freiheit zu verschaffen, auch im Interesse des Kampfs gegen die Folgen des Klimawandels. Es wird Zeit.

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