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Frankfurter Frauendezernentin Rosemarie Heilig: „Damals war ich cool, heute hält man mich für lesbisch“

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Von: Kathrin Rosendorff

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Frauendezernentin Rosemarie Heilig wusste schon früh, dass sie keine eigene Familie gründen will. Foto: Katharina Dubno
Frauendezernentin Rosemarie Heilig wusste schon früh, dass sie keine eigene Familie gründen will. © Katharina Dubno

Die Frankfurter Frauendezerntin Rosemarie Heilig (Grüne) spricht am Internationalen Frauentag über veränderte Frauenbilder, Abtreibungegner:innen und warum sie sich die Abschaffung des Paragrafen 218 wünscht.

Die Frankfurter Frauendezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) war schon Feministin, bevor sie wusste, dass sie eine ist. Im Interview erzählt die 65-Jährige, wieso sie sich gegen eigene Kinder entschieden hat und wie sehr sie sich sorgt, dass die tradierten Frauenrollen durch einen Rechtsruck in Europa zurückkommen. „Dagegen müssen wir uns ganz dringend wehren“, sagt Heilig. Dazu gehöre es eben, am 8. März, dem Internationalen Frauentag, auf die Straße zu gehen.

Sie sind als das sechste von acht Kindern geboren worden. Sie waren vier Mädchen und vier Jungs. War Gleichberechtigung bei der Erziehung ein Thema, Frau Heilig?

Nein. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und bin absolut traditionell aufgewachsen. Nach dem Essen haben die Männer Skat gespielt und die Mädchen abgewaschen. Mein Vater hatte die Rolle des Machos in der Familie. Er hatte für alle Kinder Pläne, was wir beruflich werden sollten. Aber die habe ich durchgekreuzt, weil ich sagte: „Ich will Abitur machen.“ Das fand er nicht witzig. Er sagte: „Du bist ein Arbeiterkind. Du brauchst kein Abitur zu machen. Und du bist ein Mädchen, und du heiratest sowieso.“ Ich wusste aber schon sehr früh, ich wollte auf keinen Fall dieses Leben, das meine Mutter führte.

Das heißt konkret?

Mich haben Hausarbeiten nie interessiert. Ich habe lieber mit zwölf Jahren mein Mofa auseinander- und wieder zusammengebaut. Für mich war mit dieser Erfahrung in der Großfamilie schon zu dem Zeitpunkt klar: „Kinder will ich nicht. Ich will arbeiten.“ Mein Vater bestimmte, dass eine meiner Schwestern eine Hotellehre machte, eine wurde Friseurin, die andere Kindergärtnerin. Mich wollte er in die Apotheke stecken. Mädchen im weißen Kittel fand er irgendwie gut. Nur ich habe gesagt: „Nö, das mache ich nicht.“ Dieses Auflehnen ist in mir. Ich bin dann mit 14 Jahren ausgezogen. Meine ältere Schwester wohnte schon nicht mehr zu Hause und zu ihr bin ich dann von Oberursel nach Bad Homburg richtig geflüchtet. Ich habe mit meinen Eltern ein paar Jahre gebrochen. Ich habe meine Mutter auch nicht verstanden, warum sie mich nicht unterstützt hat.

Sie waren also schon früh Feministin …

Ja, ich hätte es nur nie so genannt, sondern ich hatte schon immer eine relativ klare Vorstellung, was ich werden will. Ich wollte meine Neugierde befriedigen. Naturwissenschaften, also Biologie oder auch Mathe, haben mich immer schon sehr interessiert. Ich war nach der Hauptschule auf einer Gesamtschule. Ich hatte dort einen Lehrer, der mich unterstützte. Er sagte: „Es gibt Erziehungshilfe, ich helfe dir.“ Aber die 200 DM, die ich erkämpft hatte, reichten vorne und hinten nicht. Meine Schwester konnte mich nicht finanzieren, ich brauchte auch Bücher. Also habe ich mit 14 Jahren angefangen, in einem Unternehmen in Oberursel zu arbeiten. Die haben Lampen für Autogläser hergestellt, da habe ich so kleine Federn in Lämpchen eingesetzt. Nach dem Abitur habe ich angefangen, Biologie in Frankfurt zu studieren.

Mussten Sie sich rechtfertigen, dass Sie keine Kinder wollten?

Mein erster Freund wollte Kinder, den musste ich dann enttäuschen. Aber ansonsten war das kein Problem. Ich war in einer Frauenfachschaft während meines Biologiestudiums, und wir waren uns alle relativ einig, dass wir keine Kinder wollten. Es war eher so, dass wenn eine dann doch geheiratet hat und Kinder wollte, die hat es dann nicht unbedingt erzählt. Denn heiraten war mega out. „Don’t marry, stay happy“ war unser Motto. Das sage ich heute noch.

Aber Sie waren doch mal verheiratet …

Es war ein kurzer Ausflug in die Ehe. Aber ich habe schnell gemerkt, das war Blödsinn. Ich bin glücklicher als Single. Damals war ich cool, heute hält man mich für lesbisch. Denn wenn man sich bewusst als Frau fürs Single-Leben entscheidet, wird einem gleich unterstellt: „Da kann was mit ihr doch nicht stimmen.“ Heutzutage ist auch der Trend zur Familie wieder da, viele Frauen suchen die Glückseligkeit nicht mehr im Beruf. Denn das Kinderkriegen, die Ehe spielt plötzlich eine viel größere Rolle als in meiner Generation. Es fehlen heutzutage Vorbilder von glücklichen Single-Frauen.

Zur Person

Rosemarie Heilig wird 1956 in Limburg an der Lahn geboren. Sie studiert Biologie in Frankfurt, arbeitet beim WWF, bei der Ökobank und als Assistentin bei den Grünen im Römer.

1994 wird sie Stadtverordnete , geht 1998 als Leiterin des Umweltamtes nach Ludwigshafen. 2002 kehrt sie nach Frankfurt zurück, als Referentin von Jutta Ebeling im Umweltdezernat. Nach einer gescheiterten Kandidatur zur Oberbürgermeisterin 2012 wird sie Dezernentin für Umwelt, Gesundheit und Personal. Seit 2016 ist sie Dezernentin für Umwelt und Frauen. rose

Wie empfinden Sie diesen Trend zur Familie?

Ob jemand heiratet und Kinder will, ist ihre absolut private Entscheidung. Wichtig ist aber, dass Frauen sich finanziell absichern. Denn Armut ist leider immer noch eine Frau. Man sollte sich nicht darauf verlassen, dass die Ehe ewig hält, und man muss unbedingt für sich vorsorgen. Denn wenn eine Scheidung eintritt, bleiben die Kinder in der Regel bei der Frau. Viele der Frauen haben das Problem, dass sie dann aber, nachdem sie Jahre nicht gearbeitet haben, nicht wieder in ihren alten Beruf zurück können. Sie sind dann alleinerziehend und tappen in die Armutsfalle.

Und was wünschen Sie sich von den Männern?

Wir müssen die Männer dazu kriegen, dass sie die Verantwortung in der Familie mitübernehmen. In der Corona-Krise waren es meist die Frauen, die alles während des Lockdowns machten: Haushalt, Essen kochen und Kinderbetreuung. Die tradierten Rollen kommen zurück. Das ist auch das Thema des internationalen Frauentags. Wir beobachten auf der ganzen Welt einen radikalen Rechtsruck, der Frauen in alte Rollen zurückdrängen will.

Das heißt?

In Deutschland sind die AfD-ler vollkommen machomäßig, selbst die Frauen dort sagen, die Frauen sollen zurück an den Herd. Aber auch in anderen europäischen Ländern gibt es einen Rechtsruck, Despoten wie Orban in Ungarn sind an der Macht, und in Polen ist der Schwangerschaftsabbruch wieder unter Strafe gesetzt. Die Frauen gehen überall auf die Straße, und wir haben gedacht, wir müssen nicht mehr auf die Straße gehen. Wir haben gedacht, wir haben es erreicht, dass wir eine gleichberechtigtere Gesellschaft sind und uns das nicht mehr passiert. Nein, Trugschluss. Wir müssen wieder für unsere Rechte kämpfen.

Seit Corona hat die Gewalt gegen Frauen und Mädchen in den Familien zugenommen. Die Mitarbeiterinnen in Frauen- und Mädchenhäusern sind im Dauereinsatz. Sollten sie neben der gesellschaftlichen Anerkennung nicht auch mehr Gehalt bekommen und mehr Personal eingestellt werden?

Ich bin natürlich dafür, dass für diese kostbare und wichtige Arbeit finanziell mehr Unterstützung da ist, beispielsweise für das tolle Mädchenhaus FEM. Die sind am Anschlag, das wissen wir, und ich bin mir sicher, dass in den Etatberatungen auch die Erkenntnis da ist. Ich bin da aber angewiesen auf die Entscheidung der Stadtpolitik.

Seit Tagen protestieren wieder nach der erneuten juristischen Niederlage der Stadt Abtreibungsgegner:innen vor der Beratungsstelle von Pro Familia im Westend. Der Beschluss des Verwaltungsgerichts erlaubt der Initiative „Euro Pro Life“, ihre Mahnwachen dort abzuhalten. Wie empfinden Sie das?

Das ist unerträglich, dass die Frauen an einem solchen Spalier sogenannter Christen vorbeilaufen müssen. Einige der Abtreibungsgegnerinnen schmeißen sich dort sogar auf die Knie, bis sie blutig sind und beten und singen. Und die Frauen, die sich vom Gesetz her beraten lassen müssen, werden von ihnen als Mörderinnen dargestellt. Leider hatten wir jetzt wieder einen männlichen Richter gehabt, der sich nicht in die Rolle einer schwangeren Frau, die aus welchen Gründen auch immer über eine Abtreibung nachdenkt, hineinversetzen konnte. Es geht niemanden was an: „My body, my choice.“ Es ist ihr Körper, ihre Entscheidung. Die Frauen müssen sich unbehelligt beraten lassen können. Dafür werden wir kämpfen. Ich bin sogar dafür, dass wir einen Schritt weiter gehen, dass wir den Paragraf 218 endlich abschaffen.

Bislang legt Paragraf 218 fest, dass ein Schwangerschaftsabbruch zwar rechtswidrig, aber straffrei bleibt, wenn er innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen erfolgt und dem Eingriff eine Beratung vorangegangen ist. Die Ampel hat im Koalitionsvertrag festgelegt, dass eine Kommission beraten soll, ob Schwangerschaftsabbrüche außerhalb des Strafrechts geregelt werden könnten …

Genau. Jetzt hätten wir die einmalige Chance, mit dieser Bundesregierung den Paragraf 218 abzuschaffen. Wenn nicht mit dieser Bundesregierung, dann mit welcher?

Interview: Kathrin Rosendorff

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