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Im Kunstraum Bernusstraße in Frankfurt sind zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Frankfurt der 1950er und 1960er Jahre zu sehen, die die Fotografin Ursula Edelmann aufgenommen hat.
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Im Kunstraum Bernusstraße in Frankfurt sind zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Frankfurt der 1950er und 1960er Jahre zu sehen, die die Fotografin Ursula Edelmann aufgenommen hat.

Göpferts Runde

Frankfurter Fotolegende: Von Schwarz bis Weiß, alle Zwischentöne

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Die Frankfurter Fotografin Ursula Edelmann blickt nach ihrem 95. Geburtstag mit großer Gelassenheit zurück auf Leben und WerkVon Claus-Jürgen Göpfert

Der Blick über Schutt auf das ausgeglühte Gerippe des Dom-Daches, der Gerechtigkeitsbrunnen im Vordergrund, 1946. Der Römerberg als Parkplatz für sauber aufgereihte Automobile, 1958. Die Perspektive von oben auf die Ruine des ausgebrannten Opernhauses, 1961. Die schwarz-weißen Fotografien im Kunst-Raum Bernusstraße fügen sich zu einem Gang durch die Nachkriegsgeschichte von Frankfurt am Main.

Die Urheberin der Bilder sitzt entspannt auf einem Stuhl in der Galerie. „Es ist sehr schön, dass die Fotos aus der Versenkung wieder herauskommen“, sagt Ursula Edelmann mit der ihr eigenen, fast burschikosen Sachlichkeit. Nach ihrem 95. Geburtstag zieht die Fotografin mit Gelassenheit die Bilanz eines arbeitsreichen Lebens. „Ich habe nicht auf der faulen Haut gelegen.“

Nein, das würde niemand behaupten können. Sechs Jahrzehnte lang hat die gebürtige Berlinerin die Entwicklung Frankfurts mit ihrer Kamera festgehalten. Den Aufstieg einer Stadt aus Trümmern zur europäischen Banken-Metropole. „Es ist alles sehr schnell gegangen.“ Die Einschätzung des ersten Nachkriegs-Magistrats, allein die Beseitigung der Schutt-Wüste des Zweiten Weltkriegs werde Jahrzehnte dauern, erwies sich als falsch. Mit großem Tempo und großer Rücksichtslosigkeit hat Frankfurt sein städtebauliches Erbe getilgt. Edelmann ist auch im Alter von 95 Jahren noch sehr präsent und wach. Problemlos, sagt sie mit verschmitztem Lächeln, lasse sich eine große Ausstellung nur mit ihren Bildern verschwundener Gebäude zusammenstellen. Prominente Beispiele hängen an den Wänden der Bockenheimer Galerie. Der Henninger-Turm, nachts von Scheinwerfern angestrahlt. Der gewaltige Innenraum der Großmarkthalle.

„Es tat mir immer weh, wenn etwas abgerissen wurde.“ Besonders traf sie der Umgang mit der denkmalgeschützten Großmarkthalle, die von der Europäischen Zentralbank (EZB) durch ihren Neubau gleichsam gespalten wurde. „So etwas macht man einfach nicht.“ Aber Edelmann hat sich in ihrem langen Leben nie mit wehmütigen Rückblicken aufgehalten. Das entsprach nicht ihrem Charakter. Sie sah optimistisch nach vorne. Und kann sich diese Haltung manchmal noch heute nicht erklären. „Ich weiß nicht, woher ich den Mut nahm, mich schon nach einem halben Jahr in Frankfurt selbständig zu machen.“ Ein Selbstporträt mit Zigarette zeigt sie 1952 mit selbstbewusstem Lächeln.

Sie war noch Schülerin gewesen, als ihr Vater, ein begeisterter Hobby-Fotograf, ihr eine erste Kamera geschenkt hatte. „Durch ihn bin ich zum Fotografieren gekommen.“ Anfang der 40er Jahre war das erste bewusste Bild entstanden: Der Blick von der Freundschaftsinsel auf das damals noch unzerstörte Potsdam. Nur wenige Wochen nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes begann die junge Frau eine Lehre bei dem renommierten Fotografen Max Baur in Potsdam. Drei Jahre dauerte die Ausbildung, von der Edelmann noch heute begeistert spricht. Anfangs schuf sie immer wieder Bilder russischer Besatzungs-Offiziere, die sich für ihre Familien ablichten ließen, ganz bewusst in Zivilkleidung.

Von Baur, der später durch seine Aufnahmen barocker Kirchen und Bildhauer-Arbeiten berühmt werden sollte, lernte sie das Einmaleins der Schwarz-Weiß-Fotografie. „Von Schwarz bis Weiß, alle Zwischentöne müssen da sein“, hieß das Motto Baurs. Dem ist seine Schülerin stets treu geblieben. Die Auszubildende in Potsdam las eine Anzeige, mit der eine Fotografin in Frankfurt am Main gesucht wurde. Es ging um Pelzmode. Frankfurt war nach dem Krieg noch ein Zentrum des deutschen Pelzhandels. Kurzentschlossen schnürte die junge Frau das Bündel mit ihren Siebensachen und zog nach Frankfurt um, in ein möbliertes Zimmer in der Nähe des Goetheturms.

Zur Person

Ursula Edelmann wurde am 30. März 1926 in Berlin geboren. Sie war von 1945 bis 1948 in Potsdam Schülerin des renommierten Fotografen Max Baur.
1949 zog sie nach Frankfurt am Main und machte sich 1950 als Fotografin selbständig.

In ihrer Arbeit konzentrierte sie sich auf Architektur, Skulptur und Maschinen. Sie wurde zur Chronistin des Wiederaufbaus Frankfurts nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie fotografierte fast ausschließlich in Schwarz-Weiß.

In den Ruhestand ging sie 2007. Ihre Arbeiten sind in Büchern und Ausstellungen dokumentiert. jg

Die ersten Frankfurter Bilder, mit denen sie Geld verdiente, zeigten denn auch Mannequins in Pelzmänteln und mit Pelzmützen oder auch nur die Mode selbst, nachts fotografiert in den Messehallen, wenn der Ausstellungsbetrieb Pause hatte. Ihr erstes Labor war eine Ecke im Keller des Hauses am Stadtwald, in dem sie lebte. Ihre Abzüge wässerte sie in der Waschküche. In der Zeit zwischen den Aufträgen, die Geld brachten, zog sie auf eigene Faust mit Kamera und Stativ durch Frankfurt, dessen Stadtbild noch immer vom Krieg gezeichnet war. Aber der Wiederaufbau ging rasch voran. Und Ursula Edelmann wurde seine Chronistin.

Denn sie knüpfte Kontakte zum städtischen Hochbauamt, das die junge Fotografin mit der Aufgabe betraute, die Wiederherstellung Frankfurter Wahrzeichen festzuhalten. Das erneuerte Goethehaus, der wieder aufgebaute Rententurm am Mainufer. Edelmann arbeitete mit Stativ und langen Belichtungszeiten. Sie entschied sich dafür, Architektur und Kunstwerke festzuhalten. Ihre Fotografien sind menschenleer. Und zwar ganz bewusst. „Ich wollte keine Menschen“, sagt sie noch heute, „Menschen störten eher.“ Man könne nur Architektur oder Menschen zeigen, aber nicht beides gemeinsam. Edelmann lacht. „Das ist der Unterschied zu den Arbeiten von Barbara Klemm.“ Mit ihrer großen Frankfurter Berufskollegin tauscht sie sich bis heute über das Fotografieren aus.

Die Foto-Ikonen, die Edelmann berühmt gemacht haben, zeigen denn auch die frappierende Wirkung der puren Architektur. Die geschwungene Freitreppe im Frankfurter Römer zum Beispiel, entstanden 1962 im Auftrag der Stadt nach der Fertigstellung des wieder aufgebauten Rathauses. Die bestechenden schwarz-weißen Kontraste, die das Bild charakterisieren, ließen sich heute nicht mehr herstellen. Denn damals war die Decke des ersten Stockwerkes im Römer in Rot gehalten, auf Wunsch des SPD-geführten Magistrats. Heute ist sie in schlichtem Weiß ausgeführt. Für das Foto stellte die Fotografin beschirmte Lampen auf, die ein weiches Licht erzeugten. „Ich habe aufgehellt, aber man sollte es nicht sehen.“

Ein anderes Bild, das in die Geschichte einging, ist eben der nächtliche Henninger-Turm in Sachsenhausen, samt Fotos von den gedeckten Tischen oben im Restaurant, das sich gemächlich über dem Bauwerk drehte. Ein beliebtes Ausflugsziel für Generationen, heute ebenfalls aus dem Stadtbild getilgt, ersetzt durch ein Luxus-Wohnhochhaus. Ein besonders spannendes Kapitel der Arbeit Edelmanns sind ihre „Maschinenbilder“, entstanden in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren. Zum Beispiel in einer Maschinenfabrik an der Hanauer Landstraße, aufgenommen nachts, vor schwarzem Hintergrund, zeigen sie die besondere Ästhetik von: Rührmaschinen. Oder aber eine Steuerzentrale mit frühen Computern, merkwürdig anmutenden, klobigen Rechnern.

Das Städel-Museum hat 2018 eine Reihe dieser „Maschinenbilder“ für seine Sammlung erworben. Für Frankfurter Museen, etwa Städel oder Liebieghaus, hat die Fotografin lange auch Kunstwerke festgehalten, Statuen ganz besonderes Leben eingehaucht. Die Fotografie von Kunst geriet selbst zur Kunst. Und doch tut sich Edelmann mit dem Begriff Künstlerin schwer. Sie hält es mit dem Bekenntnis ihres ehemaligen Lehrmeisters Max Baur, der seine Arbeit so sah: „Handwerker müssen wir sein, wenn wir wirkliche Bilder schaffen wollen.“

Den Trubel von Festen, Vernissagen, Feiern mied sie bewusst ein Berufsleben lang: „Gesellschaftsfotografie fand ich immer furchtbar.“ Als die junge Frau sich in den späten 1940er Jahren selbständig machte, war die Fotografie überwiegend noch immer ein Beruf von Männern. Auch deshalb gehörte viel Mut zu diesem Schritt. Doch die 95-jährige blickt eher mit dem ihr eigenen Understatement auf ihr Leben zurück, möchte sich und ihre Arbeit auf keinen Fall überhöhen. „Ich hatte nie irgendwelche Schwierigkeiten als Frau, ich wurde nicht diskriminiert.“

Wer die Debatte um die Zukunft der 1963 eröffneten Theater-Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz verfolgt, der könnte sich wünschen, dass Ursula Edelmann noch einmal zur Kamera greift, um dieses Bauwerk der Nachkriegsmoderne, das abgerissen werden soll, für die Nachwelt festzuhalten. Doch vor vierzehn Jahren schon hat die Fotografin ihr Arbeitsgerät aus der Hand gelegt. „Genug fotografiert“, sagt sie heute wieder mit provozierender Knappheit bei unserem Gespräch. Sie lässt ihre Arbeiten für sich sprechen, die in Bildbänden und Ausstellungen dokumentiert sind. Und bleibt bescheiden, wie es ihre Art ist.

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