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Jugendliche, die Stolpersteine polieren. Ein Versuch, jungen Menschen die Gräuel der NS-Zeit zu erklären. Peter Jülich
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Jugendliche, die Stolpersteine polieren. Ein Versuch, jungen Menschen die Gräuel der NS-Zeit zu erklären. Peter Jülich

Forschung

Frankfurter Forschungsstelle NS-Pädagogik vor Umzug

  • George Grodensky
    VonGeorge Grodensky
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Wolfgang Meseth beobachtet „leidenschaftliches“ Interesse an seiner neuen Professur, braucht aber Zeit fürs Konzept

Die Solidaritätsbekundungen reißen nicht ab. Die Zukunft der Forschungsstelle NS-Pädagogik der Goethe-Universität in Frankfurt bewegt die Gemüter. Dabei versichert die Hochschule, sie wolle die Einrichtung keineswegs still und heimlich abschaffen, wie kolportiert wird.

Wolfgang Meseth sieht das gelassen. Seit April ist der 51-Jährige an die Goethe-Universität berufen. Ihm obliegt die Aufgabe, im Rahmen seiner Professur ein Konzept für die Forschungsstelle zu erarbeiten. Erziehung, Politik und Gesellschaft. Das ist sein Aufgabenbereich, darin spielt die Erziehung nach Auschwitz bis heute eine große Rolle. Verbunden mit dem Blick auf die Migrationsgesellschaft, Demokratie- und politische Erziehung.

Das große Interesse an der Forschungsstelle hält er für „wichtig und zentral, dass so eine Leidenschaft da ist“. Die Kontroverse sei für den „bundesdeutschen Erinnerungsdiskurs nicht untypisch“. Er beobachtet eine „Perspektiven-Diffusion“, also dass pädagogische, politische, erinnerungsethische, zivilgesellschaftliche und wissenschaftliche Interessen „scheinbar unauflöslich“ gegeneinanderlaufen.

Meseth möchte nun „wertschätzend“, aber „differenzierend“ die einzelnen Perspektiven zusammenbringen. Sondieren, Gespräche führen, Möglichkeiten für Kooperationen mit Forschungseinrichtungen auch außerhalb der Hochschule abklopfen. Das braucht seine Zeit.

Womöglich auch etwas Ruhe, weniger Debatte? Druck ist manchmal nicht schlecht, überlegt Meseth. Fast erweckt er den Eindruck, als freue er sich darüber, nach den Jahren im beschaulichen Marburg, wo er vorher lehrte. „Frankfurt ist ein Brennglas bundesdeutscher Erinnerungskultur“, sagt er und zählt auf: „Auschwitzprozesse, Börneplatzbesetzung, Theaterstreit, Wehrmachtsausstellung, Walser-Rede.“

Isabell Diehm ist weniger begeistert von der anhaltenden Diskussion. Die Neuaufstellung der Forschungsstelle ist für die Dekanin des Fachbereichs Erziehungswissenschaften ein „Fortschritt, kein Rückschritt“. Diehm verweist auf die Historie der Einrichtung. Der frühere Leiter, Benjamin Ortmeyer, ist als abgeordneter Lehrer an die Hochschule gekommen. Als pädagogischer Mitarbeiter mit dem Ehrentitel „Außerplanmäßiger Professor“; die Stelle war nicht über den Hochschuletat finanziert.

„Ortmeyer hat einiges auf die Beine gestellt“, lobt Diehm, zum Beispiel, die Forschungsstelle über Drittmittel finanziert – also auch nicht aus dem Hochschuletat. Damit steht die Einrichtung auf der Kippe, als Ortmeyer 2018 in den Ruhestand geht. Der Fachbereichsrat der Erziehungswissenschaften stemmt sich dagegen. Der Rat möchte das Thema weiterführen, ihm eine Professur widmen. Arbeitstitel: „Erziehung nach Auschwitz bis heute“.

Zunächst finanziert der Fachbereich die Forschungsstelle allerdings selbst, über die sogenannten QSL-Mittel, Geld, das Hochschulen einsetzen können, um die Qualität der Lehre zu verbessern. „Interimsweise“ sei das geschehen, betont Diehm. Für eine wissenschaftliche Mitarbeiter-Stelle, die sich Z. Ece Kaya und Katharina Rhein teilen.

„Von Anfang an war klar, dass diese eine Stelle befristet ist“, sagt Diehm. „Die kommissarische Leitung der Forschungsstelle lag in den Händen von Professorin Christiane Thompson“, betont Diehm. Kurzum: „Es gab nie eine Professur, die sich ausschließlich dem Thema gewidmet hat – bis jetzt.“

Meseths Professur ist die vorgezogene Neubesetzung von Isabell Diehms Position. Sie geht in zwei Jahren in Ruhestand. „So lange sind wir doppelt besetzt“, sagt sie. Aber wichtiger: Mit Meseths Professur sei das Themenfeld „Erziehung nach Auschwitz bis heute“ zukunftssicher am Fachbereich institutionalisiert. Damit habe der Fachbereich strukturell und inhaltlich eine Priorisierung vorgenommen trotz knapper Finanzmittel.

Stellen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt es natürlich auch zur Professur. Meseth hat sich ausbedungen, dass er gar eine Stelle zusätzlich braucht. Mit dem Stab „vertrete ich das Fach in seiner ganzen Breite“, er muss Veranstaltungen anbieten, die Studierende in die Disziplin der Erziehungswissenschaften einführen, in die Forschungsmethodik, in die Theoriebezüge.

Die Arbeit der Forschungsstelle verlange gesonderten Aufwand. Den scheidenden Mitarbeiterinnen habe er bei der Übergabe allerdings noch nichts anbieten können. Erst muss das Konzept stehen, dann folgt die genaue Ausgestaltung. Außer Frage stehe, sagt Meseth, dass er gerne die Materialien der Forschungsstelle nutzen möchte. Das soll den Studierenden zur Verfügung stehen.

Zwei Räume hat der Fachbereich inzwischen im IKB-Gebäude an der Eschersheimer Landstraße 121 aufgetan, in die die Forschungsstelle einziehen könnte. Ein erster Versuch, dort unterzukommen, war gescheitert, weil das besagte Material umfangreich ist. Es gab statische Bedenken. Die sind inzwischen weniger geworden, auch weil das Material weniger geworden ist. „Die Mitarbeiterinnen haben neu geordnet“, sagt Diehm.

Offen ist, was mit der umfangreichen Privatsammlung von Benjamin Ortmeyer geschehen soll. Er hat angeboten, der Hochschule die Schriften und Bücher zu schenken. Allerdings ist das an Bedingungen geknüpft. Zum Beispiel, dass die Bestände alle immer zusammenbleiben müssen. „Wir wissen nicht, ob wir das räumlich immer garantieren können“, sagt Diehm.

Wolfgang Meseth ist seit April als Professor an die Goethe-Universität berufen.

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