Karlheinz Weimar im Gespräch
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Karlheinz Weimar im Gespräch

Interview

Frankfurter Flughafen: „Wir wollen möglichst viele Beschäftigte behalten“

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    Jutta Rippegather
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Der scheidende Fraport Aussichtsratschef Weimar spricht über die Folgen der Pandemie und seine Bemühungen um gute Nachbarschaft.

Die Kalifornien-Reise hat er wegen Corona absagen müssen. Ersatzweise geht es wohl nach Bayern. Zuvor wird Karlheinz Weimar am 26. Mai den Vorsitz des Fraport-Aufsichtsrats an Hessens Finanzminister Michael Boddenberg abgeben. Der Anlass: Im Januar ist der CDU-Politiker 70 Jahre alt geworden.

Herr Weimar, Sie verlassen die Fraport ausgerechnet in der schwersten Krise des Unternehmens. Wie kann der Flughafen sie bewältigen?
Einer der wichtigsten Punkte ist, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Lage sind, aus dem Stand erstklassige Arbeit abzuliefern, wenn der Flugverkehr wieder anzieht. Daher war die Entscheidung zur Kurzarbeit genau richtig. Sie ermöglicht es uns, die aktuelle Belegschaft und ihr Know-how im Unternehmen zu halten. Daneben müssen wir abwarten, in welchem Ausmaß und unter welchen Auflagen der weltweite Luftverkehr wieder anläuft. Am Flughafen Frankfurt haben wir bereits eine Vielzahl an Schritten zum Infektionsschutz umgesetzt. So möchten wir das Ansteckungsrisiko gering halten und sicheres Reisen ermöglichen. Ich hatte mich schon lange im Voraus entschieden, nach meinem 70. Geburtstag aufzuhören. Das hatte nichts mit Corona zu tun. Michael Boddenberg wird das an meiner Stelle sehr gut machen.

Sie haben es angesprochen: Viele Beschäftigte der Fraport sind in Kurzarbeit. Wie viele müssen bangen, am Ende ihren Job zu verlieren?
Es werden sicher keine Beschäftigten wegen kurzfristiger Überlegungen um ihren Job bangen müssen. Wir werden die Entwicklung der nächsten zwei, drei Jahre im Auge haben und so viele Beschäftigte wie möglich behalten. Aber wenn es dauerhaft deutliche Passagierrückgänge gibt, können nicht alle an Bord bleiben. Es wäre eine Illusion, das zu behaupten. Die Karten müssen ganz offen auf den Tisch. Vorstand, Betriebsrat und Aufsichtsrat sind noch nicht zu abschließenden Ergebnissen gekommen, weil wir erst mal gucken müssen, wie der Flugverkehr wieder anläuft. Im Moment ist es ja traurig, um sich vorsichtig auszudrücken.

Was erwarten Sie? Wird der Status von vor Corona wieder erreicht, und wann wird er wieder erreicht?
Wenn ich Hellseher wäre, könnte ich damit viel Geld verdienen. Wir werden sicherlich nicht in zwei, drei Jahren das Niveau von vor der Corona-Krise erreichen. Ich bin aber optimistischer als viele andere, dass der Flugverkehr sich relativ schnell wieder aufbaut. Denn ich glaube nicht, dass Videokonferenzen die Begegnungen ersetzen. Wirtschaft lebt sehr stark davon, dass Menschen miteinander reden und zusammensitzen. Auch die Bürger werden wieder verstärkt Urlaubspläne schmieden, sobald das sicher möglich ist.

Sollte man die Baustelle Terminal 3 ruhen lassen, bis sich alles erholt?
Nein. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass wir diese Kapazitäten in Frankfurt brauchen. Aber möglicherweise zwei oder drei Jahre später. Außerdem könnten wir ein solches Projekt nur mit Riesenverlusten stoppen. Und damit wäre keinem geholfen.

Braucht Fraport Staatshilfen?
Nein. Darauf sind wir auch ein bisschen stolz. Der Vorstand hat mitgeteilt, dass wir genügend Substanz haben, um dieses Jahr und wahrscheinlich auch in das nächste Jahr ohne Finanzhilfen auszukommen.

Wie sieht es umgekehrt mit Dividendenzahlungen aus? Müssen sich das Land, die Kommunen und andere Aktionäre darauf einstellen, dass da nichts kommt?
Ja. Bei der Hauptversammlung soll beschlossen werden, dass keine Dividende bezahlt wird. In dieser Frage bin ich hart. Es wäre falsch gewesen, Dividende zu bezahlen. Die Aktionäre müssen das unternehmerische Risiko mittragen. Ich finde es nicht richtig, wenn Unternehmen mit großen Namen auf der einen Seite Staatshilfe nehmen und auf der anderen Seite Dividende bezahlen.

Zur Person

Karlheinz Weimar (CDU) war von 1987 bis 1991 sowie von 1999 bis 2010 in der hessischen Landesregierung. Erst als Umweltminister, dann als Finanzminister.

Der Jurist war 16 Jahre Vorsitzender des Aufsichtsrats der Fraport AG. Bei der Hauptversammlung Ende Mai gibt er das Staffelholz weiter an den hessischen Finanzminister Michael Boddenberg (CDU). jur

Sie sind seit 16 Jahren Aufsichtsratschef, waren an allen wichtigen Entscheidungen dieser Zeit beteiligt, von der Nordwestlandebahn bis zum Terminal 3. Welche war die wichtigste?
Wir haben 2004 entschieden, dass wir die internationale Entwicklung des Unternehmens durch Investitionen weltweit voranbringen. Das erweist sich heute als Segen für das Unternehmen. Der zweite Punkt ist, dass wir kontinuierlich gebaut haben, Sie haben die Projekte ja genannt. Das waren teilweise schwierige Entscheidungen. Aber wenn ich die Zahl von 70 Millionen Passagieren im vergangenen Jahr sehe, muss ich sagen: Wir hatten recht. Die Investition in Terminal 3 war dringend notwendig.

Jeder Ausbauschritt wird von Protesten begleitet und von Sorgen, dass es noch lauter wird. Wie sehen Sie diese Proteste?
Ich habe diese Proteste nie als Problem empfunden. Sie waren Anlass für uns, immer wieder darüber nachzudenken, wie wir in Frieden mit der Nachbarschaft, mit der Region leben können. Rückblickend freut es mich, dass ich dazu beigetragen habe, dass dieses Unternehmens alles tut, um insbesondere die Lärmproblematik zu verbessern. Wir haben uns praktisch in jeder Aufsichtsratssitzung mit dem Thema beschäftigt.

Was haben Sie konkret unternommen, um die Interessen der Anwohner zu wahren?
Seit 2008 engagieren wir uns im Forum Flughafen und Region für einen Interessenausgleich von Luftverkehrswirtschaft und Anwohnern. Wichtiger Bestandteil des Forums ist das Expertengremium Aktiver Schallschutz, das schon viele Vorschläge zur Lärmminderung ausgearbeitet hat. Daraus sind beispielsweise die lärmabhängigen Start- und Landegebühren hervorgegangen, bestmöglicher Schallschutz bei der Einführung neuer Flugrouten und –verfahren oder Ideen zur technologischen Lärmminderung am Flugzeug oder auf dem Flughafengelände. Daneben haben wir mit dem Passiven Schallschutzprogramm zahlreiche private Haushalte sowie Schulen, Kindergärten oder Krankenhäuser bei entsprechenden baulichen Veränderungen unterstützt.

Das Land darf sich politisch nicht in die wirtschaftlichen Entscheidungen des Flughafens einmischen. Wie groß ist dann noch der Einfluss eines Aufsichtsratsvorsitzenden?
Meine Möglichkeit ins operative Geschäft einzugreifen, ist immer sehr klein gewesen. Das habe ich aber auch nie bedauert. Ich sehe den Aufsichtsrat als Korrektiv, die unternehmerischen Entscheidungen liegen beim Vorstand. Deshalb ist es wichtig, hier die richtigen Leute zu haben. Das ist uns glücklicherweise stets gelungen.

Neben dem Land ist die Stadt Frankfurt größte Anteilseignerin, für die Oberbürgermeister Peter Feldmann im Aufsichtsrat sitzt. Wie war die Zusammenarbeit?
Herr Feldmann hat nicht gestört. Er war ein normales Mitglied des Aufsichtsrats. Er hat zu keinem Zeitpunkt eine provokante Position eingenommen oder strittige Auseinandersetzungen nachhaltig in das Gremium eingebracht.

Interview: Pitt von Bebenburg und Jutta Rippegather

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