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Mit dem gerade erstandenen Flohmarkt-Schnäppchen am Sachsenhäuser Mainufer entlangflanieren – noch geht das. 

Flohmarkt Frankfurt

Bangen ums Flair des Frankfurter Flohmarkts

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Der Frankfurter Flohmarkt wird verlegt. Nicht mehr am südlichen, sondern am nördlichen Mainufer soll künftig gefeilscht werden. Viele Verkäufer und Besucher stehen der Verlegung skeptisch gegenüber.

Frankfurt - Für Peter Jauerneck ist klar: „Das ist für mich das Aus.“ Wenn der Flohmarkt im Januar von der südlichen auf die nördliche Mainuferseite zieht, dann wird er dort seine Sammeltassen vermutlich nicht mehr feilbieten können. So wie er das seit 20 Jahren am Sachsenhäuser Ufer tut. Auf seinem festen Platz in der Nähe des Eisernen Stegs. 

Dort steht er auch am Samstagmorgen, warm in Mütze und Daunenjacke eingepackt. Doch an diesem Tag blickt der Porzellansammler nicht nur voller Stolz auf seine Tassen mit Goldrändern und reichen Verzierungen, sondern auch wehmütig. „Ich wohne in der Nähe in Sachsenhausen und komme mit einem Karren“, sagt der 80-Jährige. „Wie soll ich denn den Karren auf die andere Seite bringen?“

Frankfurt Flohmarkt: Wut auf die Lokalpolitik

Schließlich gehen die Aufzüge an der Brücke oft genug nicht. Und zwei- bis drei Mal muss Jauerneck mit dem Karren zu seiner Wohnung laufen, um alles zum Stand rüberzuschaffen. „Das geht dann nicht mehr – dabei macht mir das Verkaufen Spaß.“ Seine Nachbarin ist ob der Verlegung des Markts nicht nur wehmütig, sie ist richtig sauer. „Die Politik knickt vor mosernden Leuten ein“, sagt sie. Da habe man das nördliche Mainufer vor drei Monaten gesperrt und nun gebe es mehr Autoverkehr in Sachsenhausen. „Aber der Verkehr die Woche über ist doch eigentlich das Problem, nicht der alle 14 Tage beim Flohmarkt.“

Seit 30 Jahren hat sie einen Stand auf dem Markt, verkauft alte Sachen wie Kaffeemühlen, Geschirr und Waagen. „Die Museen haben uns ohnehin schon immer weghaben wollen“, sagt sie. Weil der Flohmarkt angeblich vom Museumsbesuch abhalte. „Pah, dabei kommen manche Museumsbesucher nur, weil sie vorher auf dem Flohmarkt waren.“ Die 78-Jährige prophezeit schon den Ärger, den es auf der anderen Seite geben wird. „Da gibt es mehr Anwohner, da wird es dann mit denen krachen.“

Frankfurt Flohmarkt: Niemand weiß so recht, wie's laufen soll

Auf dem Flohmarkt ist die Verlegung das Gesprächsthema Nummer 1 an diesem Samstag. „Es sind alle in Wallung“, sagt Martina Stark, die am Essensstand „Mr. Crêpes“ gerade Waffeln backt. Dass es laut Wirtschaftsdezernat künftig keine Gastronomie mehr geben soll, davon weiß sie nichts. Sie geht davon aus, dass es am Nordufer zwischen Untermainbrücke und der Straße Am Pfarrturm noch einige wenige Essensstände geben wird. 

Aber niemand weiß auf dem Markt so recht, wie das alles dann ab Januar ablaufen soll. Gerüchte machen die Runde, dass keine Anmeldungen mehr möglich sein würden, man deshalb morgens um drei erscheinen müsse, um sich einen Platz zu sichern. Ein Mitarbeiter der Hafen- und Marktbetriebe beruhigt. „Es wird noch Anmeldungen geben, aber es ist im Gespräch, dass keine festen Plätze mehr vergeben werden.“

Frankfurt Flohmarkt: Warten auf den neuen Platz

Wer nun dort allerdings nach der Anmeldung einen Platz bekommt, darüber machen sich die Standbetreiber so ihre Gedanken. Schließlich ist die Fläche für den Flohmarkt auf der anderen Seite nur noch etwa halb so groß. „Hoffentlich langt es für einen Platz, wenn man schon 30 Jahre dabei ist“, sagt die Verkäuferin von alten Kaffeemühlen, Geschirr und Waagen. Der Mitarbeiter der Hafen- und Marktbetriebe spricht davon, dass es ein Auswahlverfahren geben wird. „Wie das aussehen wird, ist unklar“, sagt er. „Händler, mit denen es immer Probleme gibt, werden dann vermutlich nicht so gute Karten haben.“

Verkäufer Mohamed Talbi macht sich darüber nicht so viele Gedanken. Er steht hinter alten Autoradios, Hüten und Schuhen. Auch einen Schlitten hat er vor sich stehen. Sollte er zunächst keinen Platz kriegen, „dann warte ich, bis ich einen bekomme“. Er findet die Verlegung eigentlich ganz gut. „Auf der anderen Seite ist man näher an der Innenstadt“, sagt er. Das sei doch ganz praktisch, da würden die Leute dann leichter nach einem Einkaufsbummel auf den Flohmarkt finden. Und die Touristen aus der neuen Altstadt sowieso.

Frankfurt: "Der Flohmarkt gehört auch seit 50 Jahren hierhin"

Besucherin Marieko Neumeister ist dagegen gar nicht begeistert. Sie hat gerade eine Waffel bei Martina Stark gekauft – so wie jeden Samstag, an dem Flohmarkt in Sachsenhausen ist. Sie wohnt ums Eck und für sie gehört zum Flohmarkt auch „das Flair mit den alten Häusern, den Bäumen und dem Park“. Sie blickt hinüber auf die andere Seite. Auf einen Geschosswohnungsbau. „Das sieht doch mehr nach 60er-Jahre dort aus.“ Auf der Sachsenhäuser Seite sei der Flohmarkt besser aufgehoben, repräsentativer. Sie verstehe zwar, dass sich die Nachbarschaft über den Verkehr beschwere. Aber „der Flohmarkt gehört auch seit 50 Jahren hierhin, das hat Tradition“.

Das findet auch Karl-Heinz Wodzinski vom „Curry König Kall“, bei dem es belegte Brötchen, Kaffee, Pommes und Wurst gibt. „Die Fläche drüben hat keinen Flair“, sagt er. Es sei schon schlimm genug, dass der Markt alle zwei Wochen in die Lindleystraße verlegt wurde. Das kapiere das Publikum nicht. Die Verlegung nun auch noch von Sachsenhausen ans Nordufer sei „eine Katastrophe“. Dort komme man nicht an die Optik des traditionsreichen Sachsenhäuser Standorts heran.

Frankfurt Flohmarkt: „Wir versorgen hier auch eine Bevölkerungsschicht"

Er geht aber derzeit davon aus, dass er auf der anderen Seite seinen Wagen aufstellen kann. Seiner Information nach werde es drei Essensstände geben, die zusammen an einer Stelle konzentriert werden. „Wo sollen denn die Standbetreiber morgens um sieben sonst ihren Kaffee kaufen – und das auch noch für einen Euro“, sagt er.

„Das wird man an der Hauptwache rauf und runter nicht bekommen.“ Auch nicht zu einer späteren Uhrzeit. „Wir versorgen hier auch eine Bevölkerungsschicht, die nicht so gut situiert ist“, sagt Wodzinski. Schließlich gingen Leute auch auf den Flohmarkt, weil sie sich Neuware nicht leisten könnten. „Die können sich nicht einfach dann im Café etwas kaufen.“

Frankfurt Flohmarkt: Ende auch in der Zukunft um 14 Uhr

Der Flohmarkt wird auch zukünftig um 14 Uhr enden. Viel zu früh, findet Wodzinski. „Das gesellschaftliche Leben hat sich doch in die Abendstunden hinein entwickelt.“ Bis 16 oder 18 Uhr sollte der Flohmarkt am besten gehen. Dafür sollte er später anfangen. 

Zwar wird am anderen Mainufer künftig nicht schon um sechs, sondern erst ab sieben Uhr aufgebaut, „aber da ist doch auch noch kein Besucher da“. Wenn es dagegen erst um acht Uhr losginge, „dann könnten die Anlieger auch einigermaßen ausschlafen“, sagt Wodzinski. Denn schließlich wird künftig vor so manchem Schlafzimmerfenster Flohmarkttreiben sein.

Der Frankfurter Flohmarkt wird im Januar vom südlichen ans nördliche Mainufer ziehen. Statt 1800 Meter Stände wird es nur 850 Meter geben. Lange, vielleicht zu lange hat Viktor Funk kaschiert, wo er herkommt. Heute weiß er, wie wertvoll die eigene Geschichte ist.

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