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Die Künstlerin Tatiana Lecomte hat im Auftrag der Jüdischen Gemeinde Frankfurt eine Kunstaktion zum 9. November konzipiert.  

9. November

Frankfurter Finsternis

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Die Künstlerin Tatiana Lecomte löscht zum Gedenken an die Judenpogrome am 9. November das Licht in der Frankfurter Innenstadt aus.

Die Finsternis soll über die Stadt kommen wie eine dunkle Welle, ausgehend vom Frankfurter Börneplatz, wo einst das jüdische Ghetto und die große Synagoge standen und heute nur noch ein steinernes Monument an die früheren Bewohner erinnert. Es wird eine spektakuläre Aktion in der Frankfurter Innenstadt am Abend des 9. November. Dass sie viele Diskussionen anregen kann, daran dürften kaum Zweifel bestehen. Die Dunkelheit, die um 18 Uhr kurz nach Ende des Sabbats beginnt, soll als Metapher für die Auslöschung jüdischen Lebens im Nationalsozialismus stehen, aber auch nichtsahnende Passanten irritieren.

Die deutsch-französische Künstlerin Tatjana Lecomte will an dem Abend, an dem vor 81 Jahren in ganz Deutschland Synagogen angezündet und jüdische Geschäfte geplündert wurden, innerhalb des Frankfurter Anlagenrings für eine Stunde die städtische Straßenbeleuchtung auslöschen und damit an die Pogrome erinnern, die der Auftakt zum millionenfachen Völkermord waren.

„Normalerweise sind wir in der Öffentlichkeit von so viel Licht wie möglich umgeben“, sagt die 48-Jährige, die seit fast 25 Jahren in Wien lebt und heute ein charmantes Deutsch mit österreichischem und französischem Akzent spricht. „Dunkelheit ist mit viel Angst verbunden. Aber ich weiß gar nicht, ob im Dunklen wirklich mehr passiert.“

„Die Abwesenheit von Licht“ nennt Leconte ihre Performance – sie selbst spricht aber lieber von einer „Intervention“. Mit dem Titel zitiert sie Albert Einstein, der laut einer Anekdote auf die Frage, ob es Gott gebe, Dunkelheit nur als „Abwesenheit von Licht“ definierte und Stille als Abwesenheit von Lärm. „Daraus soll sich eine Stadtlegende entwickeln, etwas, worüber die Leute sprechen“, hofft sie. „Das ist für mich sehr interessant.“

Lecomtes Intervention ist eine Auftragsarbeit zu den diesjährigen Jüdischen Kulturwochen, die am 27. Oktober beginnen und bis zum 17. November ein breites Programm von der Kulinarik bis zum Konzert bieten. Noch sind einige Details unklar, so gebe es auf seiten der Stadt gewisse Sicherheitsbedenken, sagt die Künstlerin. Ganz finster wird Frankfurt ohnehin nicht, Autoscheinwerfer werden leuchten, Reklamen, Schaufenster, private Lichter und wohl auch zahlreiche Handy-Displays. Auf dem Römerberg will Lecomte während der Dunkelheit Fotopapier auslegen, das von diesem Streulicht belichtet wird – so bleibt dann doch eine materielle Erinnerung an diese abstrakte Idee.

Auf die Kunstprojekte Tatiana Lecomtes muss man sich einlassen, sie sind still und unaufgeregt, aber sie können große Emotionen auslösen. Zum Beispiel ihre Intervention für St. Pölten: Rund zwei Jahre lang arbeitete sie von 2010 an in der niederösterreichischen Stadt an einem Mahnmal für drei nicht nebeneinander gelegene Orte des nationalsozialistischen Schreckens. Heute befindet sich zum Beispiel anstelle eines Konzentrationslagers für ungarische Juden ein idyllischer Badesee. Mit unglaublichem Arbeitsaufwand schrieb Lecomte, die auch Fotografin ist, per Hand 20 000 Postkarten mit bunten, idyllischen Fotos der ehemaligen Schreckensorte in kindlicher Schreibschrift an die Einwohner – jeder Zweite fand eine in seinem Briefkasten.

Der offenbar provozierend harmlose Text: „Ich bin gesund, es geht mir gut“ folgt demjenigen, den jüdische Gefangene aus dem KZ an Freunde und Angehörige schreiben mussten. Die Reaktionen der St. Pöltener reichten von Unverständnis, Wut und Empörung bis hin zu euphorischer Zustimmung. In vielen Häusern lösten die Postkarten heftige Diskussionen unter den Nachbarn aus, wie Lecomte berichtet.

Auch in Frankfurt war Lecomte schon künstlerisch aktiv, ebenfalls mit einer abstrakten, intellektuellen Idee. Sie überzeugte die Jury der Frankfurter DZ-Bank, die ihr im vergangenen Jahr ein Stipendium gewährte und ihre Arbeit am Ende auch kaufte. In einer akribischen handschriftlichen Arbeit ordnete sie dazu ein erschütterndes NS-Dokument neu, den sogenannten Stroop-Bericht eines SS-Manns, der die Niederschlagung des Warschauer Ghetto-Aufstands 1943 schilderte. Sie löste ihn auf, in Buchstaben, Zahlen und Satzzeichen.

Gedenkfeiern

Weil der Gedenktag 9. November in diesem Jahr auf einen Samstag/Sabbat fällt, sind die Erinnerungsfeiern zur 81. Wiederkehr der Pogromnacht entweder schon früher oder später. Tatiana Lecomtes Intervention „Die Abwesenheit von Licht“ in der Frankfurter Innenstadt von 18 bis 19 Uhr ist die einzige Veranstaltung an diesem Tag in Frankfurt. 

Bereits am Donnerstag, 7. November, 14 Uhr, erinnert die Stadt Frankfurt in der Paulskirche offiziell an das nationalsozialistische Fanal. 

Gemeinsam mit einem ganz besonderen Gast gedenkt die Jüdische Gemeinde Frankfurt am Sonntag, 12. November, 15 Uhr, im Ignaz-Bubis-Gemeindezentrum. Die Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch erzählt mit ihren Kindern, ihrem Enkel und ihrer Nichte von der schönen Kindheit in Breslau und deren grausamem Ende. 

Karten für den Abend in englischer Sprache mit Übersetzung kosten 15 Euro, es gibt sie unter jg-ffm.de/karten

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