Eine Familie aus Frankfurt lebt mit fünf Kindern auf 59 Quadratmetern. 
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Eine Familie aus Frankfurt lebt mit fünf Kindern auf 59 Quadratmetern.  

Familie aus Frankfurt berichtet

5 Kinder, 59 Quadratmeter, viel Verzweiflung: Corona-Alltag einer Familie

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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Eine Familie mit fünf Kindern erzählt vom beengten Corona-Alltag, Homeschooling im Flur und von der Angst, den Anschluss zu verlieren.

Der Vater hat sich extra fürs Interview sein schönstes Hemd angezogen. Die siebenjährige Tochter rollt mit rosa Inline-Skates herein. Sie sind froh, wenn sie ihr Zuhause mal verlassen. Zu siebt wohnt die Familie auf 59 Quadratmetern. Zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, ein Bad, eine Küche teilen sie sich. Alle Familienmitglieder außer dem 17-jährigen Sohn sind zum Interview in die Erich-Kästner-Schule, einem Standort der Arche Frankfurt in der Nordweststadt, gekommen. „Schon vor Corona war unsere Wohnung eng, aber jetzt, wo wir fast 24 Stunden zusammen sind, ist der Alltag schon sehr schwer“, erzählt der Vater.

Der Umgang der Eltern mit ihren Kindern wirkt trotz der Belastung sehr herzlich. Vor einigen Jahren seien er und seine Frau, damals noch mit drei Kindern, aus Afghanistan nach Frankfurt geflohen. Ihren Namen möchten sie lieber nicht in der Zeitung lesen. Normalerweise arbeitet der Vater am Flughafen in Schichtarbeit für eine Reinigungsfirma. „Aber seit Mitte März bin ich in Kurzarbeit und wie meine Kinder seitdem fast immer zu Hause.“ Drei Monate lang waren sie ständig zusammen und selbst jetzt, da die Schulen und Kitas eingeschränkt geöffnet sind, gebe es kaum Ruhemomente, keine Alltagsstruktur mehr.

„Mein Mann und ich schlafen mit den vier jüngeren Kindern in einem Zimmer“

Die Kinder sind vier, sieben, neun, zehn und 17 Jahre alt. Nur der 24-jährige Sohn wohnt nicht mehr Zuhause. Die Mutter sagt: „Mein Mann und ich schlafen mit den vier jüngeren Kindern in einem Zimmer, im anderen schläft unser 17-jähriger Sohn alleine.“ Die Kinder haben Stockbetten, die Eltern Feldbetten, die sie tagsüber zur Seite räumen, weil so wenig Platz in der Wohnung ist. Zu siebt verfügen sie über nur zwei Kleiderschränke, der Rest der Kleider ist in Koffer gepackt.

Vor der Corona-Krise hatten sie aus Platzgründen nicht mal Spielsachen. Ein paar haben Mitarbeiter der Arche vorbeigebracht, damit die Kinder sich beschäftigen können. Die Mutter sagt: „Ich will nicht, dass meine Kinder auf den Spielplatz gehen, wenn zu viele Leute da sind.“ Also sei die Familie die meiste Zeit in der Wohnung. Keine Sekunde könne sie als Mutter entspannen. „Ich putze, koche, wasche, bügele und sehe nach den Kindern.“ Sie sagt: „Das eine Kind will schlafen, das andere spielen. Zwischendurch streiten sie viel.“

Der Vater sagt: „Der Streit ist nicht schlimm, es sind meine Kinder. Aber ich mache mir Sorgen, weil sie keinen Platz, keine Ruhe haben, um lernen zu können. Wir haben nicht einmal einen Schreibtisch, an dem sie ihre Hausaufgaben machen können. Wir haben nur einen Couchtisch im Wohnzimmer stehen.“ Er lächelt, man merkt, dass er froh ist, seine Sorgen mal laut aussprechen zu können. Seine Augen haben zwischendrin einen hilflosen, verzweifelten Ausdruck. Beide Eltern sprechen nur gebrochen Deutsch. Die zehnjährige Shamsia* übersetzt für die Eltern. Die Viertklässlerin wurde noch in Afghanistan geboren, die jüngeren Geschwister in Frankfurt. Die Siebenjährige ist noch nicht eingeschult.

Shamsia und ihr neunjähriger Bruder, der in der ersten Klasse ist, kommen normalerweise an die Erich-Kästner-Schule zum Mittagessen und zur Hausaufgabenbetreuung der Arche. Seit Corona verabredet sich Shamsia mit einer Mitarbeiterin der Arche über die Videokonferenz-App Zoom, und sie machen zusammen ihre Hausaufgaben – oder versuchen es zumindest. „Oft ziehe ich mich in den Flur zurück, aber meine Geschwister platzen auch da rein. Sie sind laut und wollen mit mir spielen. Ich kann mich dann sehr schlecht auf meine Hausaufgaben konzentrieren“, sagt Shamsia. Und betont: „Am schwersten fällt mir Deutsch.“ Der Vater sagt: „Wir können ihr nicht helfen. Weder meine Frau noch ich können lesen und schreiben.“

Zu siebt auf 59 Quadratmetern

Seine Kinder bräuchten die Schule und die Arche, um richtig lernen zu können, betont der Vater. Seit ein paar Tagen dürfen die beiden Geschwister wieder in die Schule, aber eben nur für sechs Stunden in der Woche.

Der neunjährige Bruder starrt vor sich hin, ist auffallend still. „Er hat große Schwierigkeiten zu lernen und sich auszudrücken. Hausaufgaben über Zoom funktioniert nicht bei ihm“, sagt eine Mitarbeiterin der Arche später. Seit dieser Woche kommen die Geschwister zumindest für eine Stunde am Tag zur Hausaufgabenbetreuung in die Arche.

Unweit von ihnen sitzt an dem Tag Daniel Schröder, der Leiter der Frankfurter Arche. „Sechs Stunden in der Schule reichen nicht. Auch eine Stunde Hausaufgabenbetreuung am Tag ist sehr wenig. Wir wollen nicht, dass die Lerndefizite so groß werden, dass sie später nicht mehr aufzuholen sind“, sagt er. „Keiner weiß, wie lange die Krise noch geht, wir werden noch einige Zeit viel weniger Kinder hier betreuen dürfen als normalerweise.“ Es gebe viele Familien wie die von Shamsia.

 „Es zeigt sich gerade jetzt in Corona-Zeiten, dass unser Bildungssystem zu stark abhängig ist von den Eltern“, sagt Schröder. Ein weiteres Problem sei, dass viele Kinder, außer jenen in der Notbetreuung, hier nicht mehr wie vor Corona mittags essen könnten. Auch Shamsia und ihr Bruder nicht. „Aus diesem Grund haben wir jetzt auf Essenausgaben umgestellt.“ Am Zaun der Erich-Kästner-Schule können die Familien Lebensmittel abholen, die Privatpersonen oder Firmen gespendet haben. Shamsias Mutter sagt: „Ich komme täglich. Das ist eine große Hilfe.“ Denn weil alle zu allen Mahlzeiten zu Hause seien, müsse sie eben viel mehr kochen.

Der Vater verdient normalerweise 1200 Euro netto. „Ich weiß noch nicht, wie viel weniger ich wegen der Kurzarbeit bekomme“, sagt er. Schröder sagt: „Das Budget der Familien ist nicht größer geworden. Deshalb geben wir Lebensmittel nicht nur für die Kinder mit, die normalerweise bei uns essen, sondern für die ganze Familie.“

Auf die Frage, ob der Vater, wenn alles zu viel wird, doch mal alleine eine Runde draußen dreht, sagt er am Ende des Gesprächs: „Nein, nie. Ich gehe immer mit meinen Kindern und meiner Frau zusammen raus. Ich liebe sie doch.“

Spenden

Die Arche Frankfurt freut sich über Spenden zur Corona-Zeit. Mit einer Spende von 75 Euro kann eine bedürftige Familie eine Woche lang mit Lebensmitteln versorgt werden. Außerdem gibt es für Kinder und Jugendliche virtuelle Spielangebote und Lernunterstützung. Informationen zu Spendenmöglichkeiten: www.freunde-arche-ffm.de 

* Name von der Redaktion geändert

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