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Beim internationalen Mädchentag gehen junge selbstbewusste Frauen auf die Straße.
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Beim internationalen Mädchentag gehen junge selbstbewusste Frauen auf die Straße.

Interview

Frankfurter Expertin: „Sexualisierte Belästigung ist noch immer schambehaftet“

Linda Kagerbauer fordert mehr Unterstützung und Verständnis von Erwachsenen für Mädchen

Linda Kagerbauer, Referentin für Mädchenpolitik und Kultur im Frauenreferat, spricht im FR-Interview darüber, wie Empowerment gegen sexualisierte Gewalt helfen kann, es aber immer auch die Unterstützung der Gesellschaft braucht.

Frau Kagerbauer, während des ersten Lockdowns machte die AG Mädchenpolitik eine Umfrage bei allen Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Frankfurt. Darin teilten Mädchen ihre Erfahrungen aus der Pandemie. Was haben die Teilnehmerinnen berichtet?

Die Mädchen hatten ein Gefühl der maximalen Fremdbestimmung. Es war eine Konfrontation mit Einsamkeit und Isolation. Das ständige Zuhausesein in einer engen Wohnung, eventuell in einem Zimmer mit mehreren Geschwistern, führte bei vielen Jugendlichen zu Depressionen und Ängsten. Queere Jugendliche, deren Familien über ihre sexuelle und geschlechtliche Identität nicht Bescheid wissen, waren besonders hart von diesen Erfahrungen betroffen. Sie konnten sich auch über den digitalen Weg nicht einfach Unterstützung holen, aus Angst, ihre Eltern könnten davon etwas mitbekommen. Das Zuhause ist nicht zwangsläufig ein sicherer Ort. Und gerade in so einer vulnerablen Zeit wie der Pubertät hat die Pandemie in dieser Hinsicht ein sehr einschneidendes Erlebnis dargestellt.

Haben die Jugendlichen in dieser Zeit auch häufiger Diskriminierungserfahrungen gemacht?

Viele Mädchen berichteten, dass sie gerade die Situation im öffentlichen Raum als extremer wahrgenommen haben. Sie wurden häufiger angesprochen, angemacht, zum Teil begrabscht, während die Erwachsenen noch weniger intervenierten. Auch zu Homo- und Transfeindlichkeit sowie rassistischen Anfeindungen kam es nach den Aussagen der Jugendlichen vermehrt. Die Pandemie hat die Bedingungen außerdem dahingehend verschärft, dass sie sichere Orte wie Jugendtreffs nicht besuchen konnten.

In Frankfurt gibt es einige Angebote für Jugendliche, die Opfer von sexuellen Übergriffen geworden sind. Was muss aber in der Gesellschaft passieren, dass es erst gar nicht so weit kommt?

Da schauen wir ja auf einen ganz grundsätzlichen Punkt: Es braucht erst einmal eine Gesellschaft, die Gewalt ganz klar verurteilt. Wir können nicht nur die Jugendlichen in die Verantwortung ziehen. Um etwas zu ändern, braucht es vor allem auch Erwachsene. Damit meine ich nicht nur pädagogische Fachkräfte, sondern gewissermaßen jeden. Dafür braucht es Vorbilder, viele Menschen in vielen Positionen, mit denen sich die Mädchen identifizieren und die bei Gewalt und Übergriffen einschreiten. Außerdem müssen sie das Gefühl haben, in ihrem Erleben ernst genommen zu werden. Sodass sie auch Gewissheit haben, was ihnen geschieht, ist unrecht und sie dürfen Hilfe holen.

Im vergangenen Jahr startete das Frauenreferat die Plakatkampagne „Klischeefreie Zone“. In der Stadt waren Sprüche wie „Macht euch nicht so breit, Jungs“, „Don’t catcall me“ und „Untersteh dich, mich zu begrabschen“ zu lesen. Wie wichtig ist diese Art von Empowerment, um präventiv gegen sexualisierte Gewalt vorzugehen?

Für die Plakate haben wir sehr viel positives Feedback erhalten. Die Mädchen haben sich repräsentiert gefühlt, hatten den Eindruck, mitbestimmen zu können und auch dass ihre rassistischen und sexistischen Erfahrungen anerkannt werden. Während des Entstehungsprozesses sagte ein Mädchen, dass es für sie immer normal gewesen sei, beleidigt oder sogar begrapscht zu werden. Daran sieht man, dass noch viel zu tun ist. Deshalb wollten die Mädchen die Plakate auch so gestalten, dass jeder und vor allem auch andere Betroffene direkt wissen, was gemeint ist. Während der Pandemie, wenn der engagierte Lehrer oder die coole Mitarbeiterin aus dem Jugendtreff gerade nicht verfügbar sind, sollten sie über die Plakate das Gefühl bekommen, dass sie nicht alleine sind. Empowerment ist aber auch nur einer von vielen wichtigen Ansätzen.

Was, denken Sie, braucht es außerdem?

Neben solidarischen Menschen und mehr Sichtbarkeit von feministischen Interventionen ist es auch wichtig, dass Mädchen mehr darüber erfahren, wie sich Frauen auf der ganzen Welt organisieren, um für ihre Rechte einzustehen. Zu oft werden sie immer noch auf die Opferrolle reduziert. Außerdem braucht es selbstverständlich auch eine starke Jungenarbeit, in der alternative Ideen von Männlichkeit aufgezeigt werden. Am internationalen Mädchentag im vergangenen Jahr fiel auch der Satz: „Sexismus ist kein Frauen-, sondern ein Männerproblem.“ Generell geht es aber darum, an Geschlechterstereotypen zu arbeiten. Es wird immer noch suggeriert, dass Mädchen und Jungen in bestimmter Weise sitzen oder bestimmte Dinge gut finden müssen. „Du spielst ja wie ein Mädchen“ ist so ein Spruch, der nach wie vor fällt. Dieses Hineinzwängen in Geschlechtsstereotypen kann man ebenfalls als Form von Gewalt verstehen. Daran zu arbeiten, setzt auch voraus, jenseits eines binären Geschlechtersystems zu denken.

Würden Sie sagen, dass Mädchen sexualisierte Belästigungen mittlerweile bewusster wahrnehmen?

Ich denke schon, dass Mädchen heute besser informiert sind als das vor einigen Jahren noch der Fall war, auch weil sich der Zugang zu Informationen vereinfacht hat. Aber das alleine schützt sie nicht. Sexualisierte Belästigungen sind immer noch sehr schambehaftet, individualisiert und tabuisiert. Dass sie sich überall und um jede Uhrzeit im öffentlichen Raum aufhalten können, trifft schließlich nach wie vor nicht zu. Dann heißt es eher noch: „Wenn du dort alleine herumläufst, musst du dich nicht wundern.“ Übergriffe sind aber nie persönliches Verschulden, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Dennoch spüren Mädchen oft, dass ihnen die Schuld für das Erleben von Übergriffen zugeschrieben wird.

Wie gehen die Mädchen untereinander miteinander um?

Unter den Mädchen bemerke ich eine große Solidarität. Auch wenn sie alle sehr unterschiedlich sind, übernehmen sie Verantwortung füreinander. Denn sie alle erleben ähnlich Dinge, die sich auf eine gemeinsame Forderung bringen lassen: das Recht auf Respekt. Wenn ich am Mädchentag mit den Mädchen durch die Straßen ziehe, dann habe ich dabei schon ein sehr gutes Gefühl. Ich finde, dass die Mädchen wütend sein dürfen auf die Gesellschaft. Diese Wut auch mal nach außen zu tragen, ist sehr wichtig.

Interview: Johanna Wendel

Linda Kagerbauer ist Referentin für Mädchenpolitik und Kultur im Frauenreferat.
Beim internationalen Mädchentag gehen junge selbstbewusste Frauen auf die Straße. Monika Müller
Linda Kagerbauer ist Referentin für Mädchenpolitik und Kultur im Frauenreferat.

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