Wegen Corona wurde die Kampagne „Stadt der Kinder“ auf 2021 verschoben. Bis dahin weisen die Plakate auf Kinderrechte hin.
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Wegen Corona wurde die Kampagne „Stadt der Kinder“ auf 2021 verschoben. Bis dahin weisen die Plakate auf Kinderrechte hin.

Kinderschutz

„Wir dürfen Familien jetzt nicht im Stich lassen“

  • Helen Schindler
    vonHelen Schindler
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Im Interview sprechen Susanne Feuerbach vom Kinderbüro und Stefan Schäfer vom Kinderschutzbund über das Recht auf gewaltfreie Erziehung und den Kinderschutz in Corona-Zeiten.

Am 20. November jährt sich die Verabschiedung der UN-Kinderrechtskonvention zum 31. Mal. In diesem Jahr geht das in Deutschland mit einem bedeutsamen Jahrestag einher: Vor 20 Jahren, im November 2000, wurde das Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung erlassen.

Seit 20 Jahren ist das „Recht auf gewaltfreie Erziehung“ mit dem §1631 im BGB verankert. Welche Wirkung hat das entfaltet?

Stefan Schäfer: Die Einstellung von Eltern zu Gewalt in der Erziehung hat sich zum Positiven verändert. Über 50 Prozent lehnen Gewalt in der Erziehung ab, das ist deutlich mehr als vor der gesetzlichen Verankerung. Allerdings stagnieren die Zahlen in den vergangenen Jahren, über 40 Prozent akzeptieren weiterhin leichte körperliche Bestrafung. Das ist auch eine Frage der Generationenübergabe. Menschen, die gewaltfrei erzogen wurden, geben das mit einer höheren Wahrscheinlichkeit weiter. Wir müssen uns also weiter für eine gewaltfreie Erziehung einsetzen und auch die Kinderrechte im Grundgesetz verankern.

Susanne Feuerbach: Neben der körperlichen geht es auch um seelische Gewalt: Demütigung, Liebesentzug, Nichtbeachtung. Kinder brauchen Grenzen und Regeln, diese müssen aber mit gewaltfreien Mitteln durchgesetzt werden. Wir wollen Eltern Lösungen zeigen, wie sie gewaltfrei erziehen können.

Wie wirkt sich denn die Corona-Pandemie auf das Thema gewaltfreie Erziehung aus?

Schäfer: Insbesondere während des ersten Lockdowns kamen in vielen Familien das enge Zusammenleben mit Zukunftsängsten und wirtschaftlichen Ängsten zusammen, wodurch Überforderungssituationen entstehen und der Stresspegel konstant hoch ist. Das kann Auslöser für den berühmten Klaps auf den Po sein. Denn Gewalt wird oft durch Stresssituationen ausgelöst. Es hat eine enorme Destabilisierung stattgefunden. Die Belastungen über einen langen Zeitraum hinweg wirken sich jetzt aus. Es gibt bereits Studien, die belegen, dass häusliche Gewalt zugenommen hat. In den Kitas bitten uns Mitarbeiter:innen aktuell vermehrt um unsere Einschätzung, ob bei einem Kind eine Gefährdungslage vorliegt. In unsere Beratungen kommen Familien, die wir möglicherweise vor der Corona-Krise nicht gesehen hätten.

Wer ist besonders betroffen?

Zur Person

Susanne Feuerbach (54) ist die Amtsleiterin des Frankfurter Kinderbüros.

Stefan Schäfer (57) ist Geschäftsführer des Kinderschutzbundes Frankfurt.

Seit 2012 gibt es die gemeinsame Kampagne „Stark durch Erziehung“. stark-durch-erziehung-frankfurt.de

Susanne Feuerbach (54) ist die Amtsleiterin des Frankfurter Kinderbüros.

Schäfer: Während des ersten Lockdowns hatten viele Kinder aus Familien mit erhöhten Belastungssituationen zunächst keinen Zugang zu Betreuung und Schule. Inzwischen hat man verstanden, dass es wichtig ist, diesen aufrechtzuerhalten. Aber die Gespräche zwischen Eltern und Erzieher:innen fallen weg. Das muss kompensiert werden. Auch müssen wir Familien mit ganz kleinen Kindern, zwischen 0 und 3 Jahren, in den Blick nehmen. Niedrigschwellige Hilfe fällt momentan auch für diese Eltern weg.

Feuerbach: Auch Menschen, die von der Grundversorgung leben, leiden besonders. Und nach mehreren Studien sind Alleinerziehende von der Pandemie am stärksten betroffen; sie tragen ein hohes Risiko, in die Armut zu rutschen und ihren Kindern nicht ausreichend Teilhabechancen zukommen lassen zu können. Das war schon vor der Krise so, wird dadurch aber noch einmal verstärkt.

Der Kinderschutzbund Frankfurt hat während des ersten Lockdowns im Frühjahr eine neue Hotline „Corona-Zeit mit Kind“ angeboten. Mit welchen Anliegen haben sich Familien bei Ihnen gemeldet?

Schäfer: Bei den meisten Anrufen ging es um finanzielle Sorgen und Probleme, darunter waren insbesondere zahlreiche Alleinerziehende. Viele haben auch von Problemen und Fragen zum Homeschooling berichtet. Die Hotline ist aktuell übrigens wieder aktiv.

Stefan Schäfer (57) ist Geschäftsführer des Kinderschutzbundes Frankfurt.

Vor acht Jahren haben das Frankfurter Kinderbüro und der Kinderschutzbund Frankfurt die gemeinsame Kampagne „Stark durch Erziehung“ ins Leben gerufen. Inwiefern hat Corona die Kampagne in diesem Jahr geprägt?

Feuerbach: Wir haben uns gefragt, wie wir Familien trotz der Corona-Krise erreichen können. Da hat unsere Kampagne eine besondere Wirkung erzielt. Auf Flyern haben wir die zentralen Anlaufstellen gesammelt und diese in Zeitungen gedruckt und in Kitas ausgeteilt. Zudem haben wir mit Plakaten auf Litfaßsäulen in der Stadt auf die wichtigsten Nummern für Notsituationen aufmerksam gemacht. So haben wir gezeigt, dass wir weiterhin da sind und unterstützen.

Schäfer: Es ist wichtig, dass wir Familien nicht aus dem Blick verlieren. Unser Ziel ist es, Gewalt präventiv zu verhindern. Dafür müssen die Hilfen auch in Zukunft finanziell sicher unterstützt werden. Wenn wir Familien jetzt im Stich lassen, werden wir die Folgen in ein paar Jahren spüren.

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