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Gewalt gegen Kinder

Frankfurter Experte befürchtet „enormes Dunkelfeld“ bei Kindesmisshandlungen

  • vonBrigitte Degelmann
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Die Fälle von Kindesmisshandlungen haben während der Corona-Zeit offiziell nicht zugenommen. Doch das ist für die Expertinnen und Experten kein Grund zur Entwarnung.

Ein Kleinkind mit gebrochenen Rippen. Ein Grundschüler, auf dessen Rücken sich dunkle Striemen abzeichnen. Ein kleines Mädchen mit schlimmen Brandwunden auf Armen und Händen. Die Ursache für diese Verletzungen ist immer dieselbe: häusliche Gewalt, der die Kinder ausgesetzt sind. Durch den Lockdown während der Corona-Pandemie könnte sich das Leid noch verschlimmern, fürchten Experten. Organisationen wie das Kinderhilfswerk Unicef und die Hilfsorganisation Weißer Ring warnten schon vor Monaten davor, dass es häufiger zu Gewaltausbrüchen in Familien kommen könnte – unter denen dann vor allem Kinder und Jugendliche leiden.

Beziffern lässt sich das jedoch nicht. Zumindest nicht in der Kinderschutzgruppe im Klinikum Frankfurt-Höchst, sagen Alfred Ehrenberg, leitender Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, und Psychologin Selina Hirsch. Auch in der Kinderschutzambulanz des Frankfurter Universitätsklinikums beobachtet man bisher keine Zunahme der Gewalt. Dort hat Oberarzt Marco Baz Bartels bereits die Zahlen aus dem Jahr 2020 vorliegen. Rund 600 Fälle von Kindesmisshandlung und sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche habe man im vergangenen Jahr registriert, sagt er, etwa ebenso viele wie 2019. Dabei seien die Zahlen in den Jahren zuvor ständig gestiegen, um 15 bis 20 Prozent pro Jahr. Auch deshalb, weil die „Gesamtsensibilität“ der Gesellschaft bei diesem Thema zunehme, wie es Baz Bartels formuliert. Doch: „Diesen Anstieg hatten wir diesmal nicht.“

Kinderschutzambulanz

Die Kinderschutzambulanz am Frankfurter Universitätsklinikum hat ein Notfalltelefon, unter dem sie rund um die Uhr erreichbar ist: Telefon 069/63 01-52 49. Weitere Informationen gibt es per E-Mail: kinderschutzambulanz@kgu.de und auf der Homepage: www.kgu.de

Die Kinderschutzgruppe im Klinikum Frankfurt-Höchst ist folgendermaßen erreichbar: Telefon 069/31 06-33 46, E-Mail: kinderschutzgruppe@ KlinikumFrankfurt.de, Homepage: www.klinikumfrankfurt.de bd

In vielen anderen Einrichtungen beobachtet man Ähnliches: Nach einer Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, die kürzlich veröffentlicht wurde, haben etliche Kinderschutzgruppen und -ambulanzen im Frühjahr 2020 sogar einen Rückgang von 15 bis 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr festgestellt.

Also doch alles blinder Alarm? Führt der Lockdown nicht zu mehr Gewalt in den Familien, wie befürchtet wurde? Nein, sagt Baz Bartels, diese Schlussfolgerung lasse sich aus den Zahlen nicht ziehen. Denn: „Das Dunkelfeld könnte enorm sein.“ Zwar sei die Frankfurter Kinderschutzambulanz bestens vernetzt mit Jugendamt, Polizei und vielen anderen Stellen. Doch aktiv werden kann sie erst dann, wenn sie von Gewalt und Misshandlungen erfährt. Etwa durch Meldungen, die beim Jugendamt eingehen – beispielsweise von Lehrkräften oder Erzieherinnen, denen die Striemen oder die Brandverletzungen auf den kleinen Körpern auffallen. Aber wer sieht solche Wunden, wenn Schulen und Kitas während des Lockdowns geschlossen sind? Wenn Kinder kaum noch aus den Wohnungen kommen? „Ich befürchte, dass das Gefährdungspotenzial größer ist, als wir das jetzt erahnen“, sagt der Oberarzt deshalb. Vieles werde wohl erst nach Ende der Corona-Pandemie bekanntwerden – wenn überhaupt.

Bei der Kinderschutzgruppe im Klinikum Frankfurt-Höchst, die sich um misshandelte beziehungsweise missbrauchte Kinder und Jugendliche kümmert, sieht man das ähnlich. Man habe zwar den Eindruck, dass häusliche Gewalt in diesen Monaten eher zunehme, sagen Alfred Ehrenberg und Selina Hirsch. Aber: „Es ist viel zu früh, dazu definitiv etwas zu sagen. Das wird man wohl erst in einigen Jahren können.“ Die Zahlen der Jugendämter wiesen momentan nicht darauf hin. Aber, betont Ehrenberg: „Was wir nicht sehen, wissen wir nicht.“

Mit Sorge erfüllen ihn und andere Experten, dass gerade Familien, die ohnehin schon mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, während der Pandemie noch weitere Hürden zu überwinden haben. Etwa deshalb, weil Sozialämter und Jobcenter zum Teil schwieriger zu erreichen sind. Oder weil die Bearbeitung von Anträgen auf Unterstützung schon mal länger dauert. Ganz zu schweigen vom Mangel an Ablenkung während des Lockdowns und von finanziellen Nöten, weil das Kurzarbeitergeld nicht reicht und der Minijob verloren gegangen ist. Probleme, die sich womöglich auch in häufigeren Gewaltausbrüchen entladen. Selbst wenn die nackten Zahlen das noch nicht bestätigen.

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