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FR-Geschichte

Frankfurter Ermittler über ermordeten 13-Jährigen: „Der Fall Tristan ist mein ständiger Begleiter“

  • Georg Leppert
    VonGeorg Leppert
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Der Frankfurter Kommissar Uwe Fey ermittelt im Fall des ermordeten 13-Jährigen Tristan – auch nach fast 25 Jahren noch. Ein Auszug aus dem FR-Magazin „Frankfurter Tatorte“.

Womöglich wird auch dieser Text dazu führen, dass Menschen bei Uwe Fey anrufen und behaupten, sie könnten den Mordfall Tristan lösen. Fey weiß das, er kann damit umgehen. Er ist den Menschen auch nicht böse, im Gegenteil. Jeder Hinweis, mal abgesehen von den Tipps selbst ernannter Hellseher und Wünschelrutengänger, könne wertvoll sein, sagt der Kriminalhauptkommissar. Doch Fey, der 60 Jahre alt ist und in wenigen Monaten in Pension geht, ist auf der anderen Seite lange genug im Geschäft, um Wahrscheinlichkeiten richtig einschätzen zu können: Die Chance, dass tatsächlich ein Hinweis aus der Bevölkerung noch zur Festnahme des Mörders von Tristan Brübach führt, ist sehr gering. Dafür ist die Tat zu lange her. Fast 25 Jahre mittlerweile.

Dennoch berichten immer wieder Medien über den Fall. Vor allem in TV-Dokumentationen über ungeklärte Morde geht es regelmäßig um Tristan. „Und dann ist mein Postfach am nächsten Tag voll mit Hinweisen“, sagt Fey.

Dass der Mordfall weiterhin auch über Frankfurt hinaus ein großes Thema ist, liegt vor allem an der unglaublichen Brutalität, mit der das Verbrechen verübt wurde. Fest steht nach den Ermittlungen: Der 13-jährige Tristan Brübach traf seinen Mörder am Nachmittag des 26. März 1998 auf dem Nachhauseweg im Liederbachtunnel am Bahnhof Höchst. Der Junge wurde geschlagen und gewürgt, bis er bewusstlos war, und anschließend mit einem Schnitt in den Hals getötet. Dann entfernte der Täter dem Kind beide Hoden sowie Fleisch aus Gesäß und Oberschenkel.

Uwe Fey ist bei der Polizei der Experte für den Fall Tristan.

Ermittler im Fall des ermordeten 13-Jährigen Tristan aus Frankfurt: „Ich mache meine Arbeit“

Muss man abgebrüht oder gar empathielos sein, um Experte für ein derart abscheuliches Verbrechen zu werden? Fey schüttelt den Kopf. Zum einen mag er den Begriff „Experte“ nicht. „Ich mache meine Arbeit“, sagt der Polizist. Und als solcher beschäftigt er sich mittlerweile mit den sogenannten Cold Cases, Kriminalfällen also, die lange zurückliegen. Einige davon ließen sich dank neuer Techniken – etwa dem Vergleich von DNA-Proben – lösen. Der Mord an Tristan zählt nicht dazu.

Zum anderen war Fey ein Vierteljahrhundert bei der Mordkommission, zuletzt leitete er das Kommissariat. In dieser Funktion hat man es täglich mit den Abgründen zu tun. Gefühllos ist Fey deshalb bestimmt nicht. „Der Fall Tristan geht mir natürlich nahe“, sagt er. Nichts wäre ihm lieber, als den Täter noch zu finden. Dafür beschäftigt er sich auch mit den grauenvollen Details.

FR-Stadtgespräch

Anlässlich der Veröffentlichung der „Frankfurter Tatorte“ lädt die Frankfurter Rundschau für Mittwoch, 1. Dezember, 19 Uhr, zum Stadtgespräch im Haus am Dom, Domplatz 3.

Auf dem Podium sitzen die Polizeihauptkommissarin Anja Lange, der frühere Richter am Landgericht Klaus Drescher und der FR-Polizeireporter Oliver Teutsch.

Eine Anmeldung ist nötig unter fr.de/anmeldung. Es gelten die 2G-Regeln. Der Abend wird auch im Livestream übertragen: fr.de/eventvideo

Rund 95 Prozent aller Tötungsdelikte in Deutschland werden aufgeklärt. Doch Fakt ist auch: Je länger eine Tat zurückliegt, desto geringer wird die Chance, dass die Polizei Erfolg hat. Viele Hinweise sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten „geplatzt wie eine Seifenblase“, sagt Fey. Insofern kann der Kommissar nicht einfach sagen, man werde den Mörder irgendwann schon finden. Eine Chance sei zumindest, dass der Täter irgendwann reinen Tisch machen wolle. Vielleicht kurz vor seinem eigenen Tod. Wenn er überhaupt noch lebt.

Seit dem grausamen Mord an Tristan in Frankfurt gab es immer wieder Hinweise

Direkt nach der Tat sah es eigentlich nicht so schlecht aus für die Frankfurter Mordkommission. Es gab drei Jugendliche, die das Verbrechen beobachtet hatten – allerdings aus einiger Entfernung. Sie lieferten eine Täterbeschreibung. Dann war da der Mann mit dem Zopf und der auffälligen Hasenscharte an der Oberlippe, der zum Tatzeitpunkt in der Nähe des Tatorts gesehen wurde. Ein solcher Mann, vermutlich zwischen 20 und 30 Jahre alt, tauchte sogar in einer Anwaltskanzlei auf und sagte dort, er komme gerade aus dem Gefängnis und habe nun „schon wieder Mist gebaut“. Eine Mitarbeiterin der Kanzlei schickte ihn zu einem Fachanwalt für Strafrecht. Dort erschien der Verdächtige aber nie.

Und dann gab es noch einen mysteriösen Anruf. Am 7. April 1998 war das, einen Tag nach Tristans Beerdigung. Ein Mann sagte, er sei der Täter, stehe am Bahnhof Höchst und wolle abgeholt werden. Als die Polizei dort ankam, war er verschwunden. Die Stimme des Anrufers konnte später über Telefon abgehört werden, Zehntausende Menschen taten dies. Zur Lösung des Falls führte auch das nicht.

Der Liederbachtunnel in Frankfurt-Höchst.

Mit der Zeit wurden die Hinweise immer vager. Fey und seine Kolleginnen und Kollegen gingen ihnen trotzdem nach. Sie überprüften Suizide, weil es möglich war, dass der Täter nicht mit seiner Schuld leben konnte und sich umbrachte. Und sie kümmerten sich um den Tipp eines Sanitäters, der in seiner Ausbildung in der Psychiatrie im mittelhessischen Hadamar gearbeitet hatte. Ein früherer Patient sehe dem Phantombild sehr ähnlich, sagte der Mann. Doch auch mit diesem Hinweis ließ sich der Mörder nicht finden. Und den Mann, der sich im Oktober 1999 nachts auf dem Friedhof Höchst schlich und das Grab des Jungen 1,20 Meter tief aufgrub, hat die Polizei nie gefunden. Gut möglich, dass es sich um den Täter gehandelt habe, sagt Fey heute. Jedenfalls wurde er gestört und flüchtete.

Ermittler aus Frankfurt: „Der Fall Tristan ist mein ständiger Begleiter“

Schließlich setzte die Polizei auf sogenannte verdachtsunabhängige Reihentests. Alle männlichen Bewohner von Höchst und Unterliederbach sowie Pendler im Alter zwischen 18 und 45 Jahren sollten ihre Fingerabdrücke abgeben. Auch das führte zu nichts.

Einmal schien der Fall Tristan fast gelöst, jedenfalls schien die Lösung nah. 2016 teilte das Hessische Landeskriminalamt mit, dass der 2014 verstorbene Manfred S. unter Verdacht stehe. Der Serienmörder soll zwischen 1971 und 2004 mindestens fünf Frauen getötet und zerstückelt haben. Die Ermittler sahen wegen der hohen Brutalität der Taten Parallelen zum Mord an Tristan. Doch mittlerweile steht fest, dass Manfred S. als Täter ausscheidet.

Uwe Fey wirkt nicht desillusioniert. Er ist eben Realist. „Der Fall Tristan“, sagt er, „ist mein ständiger Begleiter.“ Und das werde sich auch mit seiner Pensionierung nicht ändern. (Georg Leppert)

Rubriklistenbild: © Monika Müller

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