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Frankfurter Dragqueen Maxima Love: „Ich betreibe politische Comedy mit ordentlich Hüftschwung“

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Von: Kathrin Rosendorff

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Die Frankfurter Dragqueen Maxima Love. Foto: tobikko
Die Frankfurter Dragqueen Maxima Love. Foto: tobikko © tobikko

Die Frankfurter Dragqueen Maxima Love startet durch und spricht auf der Bühne offen über die Stigmatisierung als HIV-Positiver.

Als Kind plant Maximilian Grosse-Beck, eine Italienerin zu heiraten, weil diese so gut kochen, so denkt er. Mit 13 sagt er seiner Großmutter: „Oma, ich glaube, ich will keine Italienerin mehr heiraten, sondern einen Italiener.“ Die Oma habe entspannt reagiert: „Dann hoffe ich nur, dass er auch gut kochen kann.“ So cool wie seine Familie sind seine Schulkameraden nicht. Ganz im Gegenteil: „Ich habe Toilettenschüsseln von innen gesehen. Ich bin verdroschen worden, Flaschen, die voll mit Urin waren, sind über mich geschüttet worden.“ Mit 14 wird er im Urlaub vergewaltigt.

Der 33-jährige Frankfurter ist beim Interview in einem Café auf der Berger Straße so humorvoll wie herzlich. „Ich hatte ein sehr stabiles Elternhaus. Deswegen bin ich nicht zerbrochen.“ Aufgewachsen ist er im saarländischen Beckingen. Gerade startet der Flugbegleiter als Dragqueen Maxima Love durch. Weil er den „Drag Slam“ im Dezember gewonnen hatte, wird er als Maxima Love auf einem der Wagen beim CSD in Frankfurt dabei sein.

„Ich betreibe politische Comedy mit ordentlich Hüftschwung“, beschreibt er seine Bühnenauftritte. Er ist Volt-Mitglied, weil er sich als Europäer empfindet. Dreieinhalb Stunden braucht er, bis er Maxima ist: Seinen Bart lässt er dran, trimmt ihn nur. Oft trägt er Perücken: Als Max hat er lange wellige Haare.

Drag-Sein bedeutet für ihn nicht nur Make-up, Highheels und sich in eine Silikonbrüste-Korsage pressen („Darunter schwitzt man wie ein Schwein“), nicht nur die Live-Performance von Eurovision-Liedern der 1960er und 1970er Jahre oder des Titelsongs der gefeierten Netflix-Serie „Pose“ über die New Yorker Ballroom-Szene zu Beginn der Aids-Epidemie. „Das Drag-Sein gibt mir Kraft und gleichzeitig die Chancen gehört zu werden.“

Er betont: „Maxima ist mutiger, gerade in Momenten, wo ich als Max etwas zurückhaltender wäre.“ Eins seiner Hauptthemen auf der Bühne ist HIV. „Es geht darum, das Stigma abzubauen. Ich selbst bin seit 2015 HIV positiv.“ Die Diagnose sei nicht mehr lebensbedrohlich; „Die Infektion ist nicht das Schlimmste, sondern der Umgang der Menschen damit: Die Ablehnung, der Ekel. Gerade beim Dating ist das heftig.“ Fünf Jahre war er in einer Beziehung, jetzt ist er wieder Single. „Ich habe es immer beim ersten Date direkt gesagt. Weil mir die Chance genommen wurde, selbst darüber zu entscheiden, was mit meinem Körper passiert.“

Jeden Tag muss er eine Tablette einnehmen. „Und diese Tabletten führe ich auch mit, wenn ich fliege. Die Einfuhr dieser Medikamente steht aber in manchen Ländern unter Todesstrafe oder jahrelanger Haftstrafe. Ich habe mich bei meinem Arbeitgeber als HIV positiv geoutet und hatte die Chance, mich für diese Länder sperren zu lassen.“

Als seine Mutter erfahre habe, dass er HIV positiv ist, sei sie erst mal zusammengebrochen. „Sie kommt aus einer Generation, wo der Film Philadelphia extrem viel Eindruck hinterlassen hat, sie haben die Aidstoten mitbekommen.“

Seine Bühnenkunst sei auch eine Würdigung der Mutter. Sie sei immer eine Löwenmutter für ihn und seinen Bruder gewesen. Bei ihr absolviert er zunächst eine Tanzlehrer-Ausbildung, studiert dann kurz in Bremen („Da habe ich Hochdeutsch gelernt“) und zieht nach Frankfurt, um an der Goethe-Uni Kunstgeschichte und „Kunst – Medien – Kulturelle Bildung“ zu studieren. „Parallel habe ich vier Mal die Woche am Staatstheater in Saarbrücken als Musicalensembledarsteller getanzt. Das war eine tolle Zeit.“

Aber nach dem Studium muss er Geld verdienen. Seit 2015 ist er Flugbegleiter. „Anfangs hat das Reisen mich geistig stimuliert. Aber irgendwann war es Routine. Da hat sich die Bühne angeboten.“ Und so beginnt er 2019 mit seinen Dragqueen-Auftritten. Seine Dragmutter wird Linda Love, sie habe ihn zum ersten Mal gestylt. Deswegen habe er ihren Nachnamen als Künstlernamen angenommen. „Ich wurde früher mit Maximiliane und Maxima gemobbt und dachte mir: Das nutze ich jetzt.“ Er will den wenigen, aber lauten Stimmen etwas entgegensetzen.

Wie sicher fühlt er sich angesichts der homophoben Attacken in den vergangenen Monaten in der Innenstadt? „Ich gehe nicht mehr allein in Drag raus, weil ich schon eine Grundaggression spüre.“ Von der Polizei sei er enttäuscht, seit er im Club Nachtleben unweit der Frankfurter Konstablerwache als Drag einmal bedrängt wurde. Damals hätten Beamte des Polizeireviers auf der Zeil ihn von oben bis unten gemustert: „So als ob ich es provoziert hätte, dass ich bedrängt wurde, weil ich eben so gestylt war.“

Sein Ziel sei nicht nur, als Maxima Love eine eigene Revue zu haben. Grosse-Beck will wie seine Oma, die Theaterautorin war, schreiben: „Kinderbücher, die eine offene, bunte Gesellschaft zeigen.“ Und er wünscht sich mit anderen Dragqueens an Schulen, Kirchen, Synagogen und Moscheen zu gehen, um mit Kindern und Jugendlichen in den Dialog zu treten. „Denn Gewalt ist ein Zeichen, dass wir viel früher ansetzten müssen, um Unwissenheit und Scheu abzubauen. Das muss in der Schule beginnen. Das hätte mir sehr vieles erspart.“

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