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Marianne Brandt (54) ist seit März 2020 Vorsitzende der Stadtversammlung der Frankfurter Katholik:innen.
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Marianne Brandt (54) ist seit März 2020 Vorsitzende der Stadtversammlung der Frankfurter Katholik:innen.

Kirchentag

Frankfurter Christin: „Die Haltung der Kirche ist lebensfremd“

  • Peter Hanack
    VonPeter Hanack
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Die Katholikin Marianne Brandt spricht über eine reformbedürftige Sexualmoral, die Chancen digitaler Gottesdienste und warum es doch ein schöner Kirchentag in Frankfurt werden wird.

Frau Brandt, freuen Sie sich denn auf den Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt?

Auf jeden Fall und unbedingt. Gestern war ich in der Stadt und habe an den riesengroßen Tischen, die vor der Katharinenkirche an der Hauptwache stehen, Dienst getan. Da kam bei mir tatsächlich Vorfreude auf.

Aber ein wenig traurig ist das doch schon. Da sollten mehr als 100 000 Menschen nach Frankfurt kommen, von Veranstaltung zu Veranstaltung stromern, hier einen Gottesdienst besuchen, dort einen Workshop, dazwischen ganz viele andere Menschen treffen und dabei die Stadt kennenlernen. Das geht ja nun alles nicht.

Der größte Teil des Kirchentags findet tatsächlich nur online statt, und natürlich bin ich traurig, dass das alles nun nicht wie ursprünglich einmal geplant stattfinden kann. Ich will aber auch nicht jammern, schließlich sind zurzeit alle notgedrungen digital unterwegs und deshalb mittlerweile auch im Umgang mit digitalen Formaten erfahren. So kann das auch ein sehr schöner ÖKT werden, mit einem etwas anderen ÖKT-Feeling.

Bleiben wir beim Feeling. Seien Sie für einen Moment unsere Kirchentags-Stadtführerin und sagen Sie unseren Leser:innen aus Frankfurt und der Region, wo sie hingehen könnten, um Kirchentag zu erleben.

Vielleicht können Sie für den Schlussgottesdienst am Sonntag auf der Weseler Werft noch Karten bekommen, es dürfen Besucher:innen in begrenzter Zahl teilnehmen. Predigen werden dort zwei Frauen, was ich gerade aus katholischer Sicht bemerkenswert finde. Und dann gibt es überall in der Stadt Gottesdienste, bei denen in begrenzter Anzahl Präsenz möglich ist, etwa ein katholischer im Dom, ein freikirchlicher im Oeder Weg, ein evangelischer auf dem Riedberg und ein griechisch-orthodoxer in Frankfurt-West. Viele Kirchengemeinden feiern am Samstagabend ebenfalls ökumenische Gottesdienste, sehr oft mit ihren Nachbargemeinden der jeweils anderen Konfession. In Frankfurt wird sehr viel Ökumene erlebbar sein.

Zufällige Begegnungen wird es sicher kaum geben. Kann der Kirchentag dennoch Menschen erreichen, die der Kirche eher fern sind?

Das passiert vor allem am ÖKT-Tisch vor der Katharinenkirche. Dort ist der Punkt, an dem spontane analoge Begegnung momentan stattfinden kann. Der Kirchentag zeigt in seinem Programm aber auch die große Bandbreite von Kirche. Kirche ist nicht nur Gottesdienst, sondern auch gesellschaftliches und soziales Engagement. Angebote wie die von Diakonie und Caritas, der von vielen Ehrenamtlichen getragene Einsatz wie beispielsweise für von Armut Betroffene, Wohnsitzlose oder Geflüchtete gehören dazu. Und die Podien, die digital von überall aus besucht werden können, sind sehr hochrangig besetzt, mit vielen sehr spannenden Menschen und Prominenz.

Wer ist das zum Beispiel?

Bundeskanzlerin Merkel, Luisa Neubauer von Fridays for Future oder Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Unter anderem geht es um Frieden in einer unsicheren Welt, es geht um Klimagerechtigkeit, Rassismus und viele weitere aktuelle Themen. Das kann auch für Menschen spannend sein, die nicht an Kirche interessiert sind.

Gemeinsames FEST

Der Ökumenische Kirchentag in Frankfurt ist nach 2003 in Berlin und 2010 in München der dritte seiner Art. Katholische und evangelische Gläubige feiern dort zusammen und diskutieren miteinander.

Gefeiert wird von Donnerstag, 13. Mai, dem Himmelfahrtstag, bis einschließlich Sonntag. Eigentlich hätte der Kirchentag mit mehr als 100 000 Gästen gefeiert werden sollen. Doch Corona hat die Veranstalter gezwungen umzuplanen.

Die meisten Angebote sind online zu empfangen, es gibt aber auch Liveveranstaltungen, vor allem ökumenische Gottesdienste. Unter www.oekt.de/programmuebersicht steht Näheres.

Gerade in einer Stadt wie Frankfurt ist die kirchliche Basis mitunter ja viel moderner, als es gemeinhin in der öffentlichen Wahrnehmung von Kirche erscheint.

Gestern an den Tischen an der Katharinenkirche waren tatsächlich viele erstaunt, dass wir gar nicht so borniert und konservativ sind. Es gibt bei uns beispielsweise viele Menschen und Gremien, die sich für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare einsetzen. Der Vatikan hat das Verbot gerade nochmals bestätigt und damit in Deutschland einen Sturm der Entrüstung und Widerstand ausgelöst. Während des Kirchentags wird zur gegenseitigen Teilnahme an den jeweils anderen Gottesdiensten eingeladen. Nach dem ÖKT soll es mit dem Zusammenwachsen weiter gehen, wie wohl Rom auch hier auf Beschränkungen hinweist.

Corona hat ja neben vielen Einschränkungen auch viele neue Formate gerade in den Kirchengemeinden hervorgebracht. Teils konnten digital sogar mehr Menschen erreicht werden als mit den traditionellen Angeboten. Wird das bleiben?

Wir erreichen mit den digitalen Möglichkeiten tatsächlich Menschen, die wir sonst nicht ansprechen können. Vieles davon wird sicher auch nach Corona Bestand haben, etwa unsere interaktiven Onlinegottesdienste, die auch gerne von Familien von zu Hause genutzt werden. Der Zugang zu solchen Angeboten ist einfacher und niedrigschwelliger als vieles, was in Präsenz geschieht.

Aber nicht alles funktioniert ja digital.

Wichtig scheint mir gleichzeitig auch, die Kirchen offen zu halten. Auch da sind viele neue Angebote entstanden, etwa Bastel- und Spielangebote für Kinder zum Mitnehmen, Videos zu St. Martin oder Nikolaus, kurze Andachten und tägliche Impulse oder auch die Ansprechbarkeit von Seelsorgern zu festen Zeiten in der Kirche. Das ist wichtig in einer Zeit, in der Menschen Trost und Halt suchen. In die Gemeinden ist viel Kreativität eingezogen und die Kompetenz, mit digitalen Medien umzugehen. Die Frage ist, wie können wir gut bei den Menschen ankommen?

Sie vermitteln ein Bild von Kirche in Frankfurt, die auf ganz vielen Feldern aktiv ist. Gleichzeitig verlieren sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche viele Mitglieder, die sich abwenden, weil der Missbrauchsskandal weiter im Raum steht und überhaupt der Umgang mit Sexualität gerade in der katholischen Kirche vielen missfällt. Was wünschen Sie sich von Ihrer Kirche an Veränderungen? Sie selbst sind ja in der Bewegung Maria 2.0 aktiv, die sich für mehr Rechte von Frauen in der katholischen Kirche einsetzt.

Von meiner Kirche wünsche ich mir, dass wir den synodalen Weg weitergehen und offen und aufrichtig darüber sprechen, Frauen zu Priesterinnen zu weihen, wir müssen darüber sprechen, ob wir wirklich noch einen Pflichtzölibat [das Eheverbot für Priester, d. Red.] brauchen oder ob Priester sich für eine Heirat entscheiden können. Wir müssen über Hierarchie und Macht in der Kirche sprechen. Wir müssen darüber reden, wie Partnerschaft und Sexualität in der Kirche verstanden wird, gerade da sind viele katholische Christinnen und Christen schon lange ausgestiegen, weil sie sagen, das leben wir anders, als es die Kirche vorgibt.

Wo ist das der Fall?

Sei das nun das Verbot von Sexualität vor der Ehe oder von Empfängnisverhütung. Die Haltung der Kirche ist mittlerweile doch sehr lebensfremd, da gehen die Menschen nicht mehr mit. Ich wünsche mir, dass die Gläubigen gehört werden und aktuelle theologische und wissenschaftliche Erkenntnisse in die Glaubenslehre einfließen. Ich wünsche mir auch, dass wir zukünftig ein gemeinsames eucharistisches Abendmahl für alle Christen und Christinnen erleben werden. Frankfurt war lange freie Reichsstadt, insofern ist Frankfurt als Ort des Ökumenischen Kirchentags gut gewählt. Vom Kirchentag aus Frankfurt können starke Impulse ausgehen.

Interview: Peter Hanack

Siehe dazu den Kommentar zum Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt

Überlebensgroße Tische vor der Katharinenkirche bieten Platz für reale Begegnungen.
Eine Fahne in der Frankfurter Innenstadt wirbt für den Kirchentag.

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