Johannes Kaballo und Rina Prinz-Sanchome im verwaisten Haus der Chöre am Dornbusch. 
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Johannes Kaballo und Rina Prinz-Sanchome im verwaisten Haus der Chöre am Dornbusch. 

Kultur

Frankfurter Chöre: Verstummter Jubel

  • Andreas Hartmann
    vonAndreas Hartmann
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Für die Frankfurter Chöre ist eine Lockerung der Corona-Auflagen noch nicht in Sicht.

Deutschland ist ein Land der Musik: Rund 56 000 Chöre gibt es hier nach Angaben des Deutschen Musikinformationszentrums, etwa 2,1 Millionen Menschen sind organisierte aktive Sängerinnen und Sänger und treffen sich regelmäßig zu Proben und Konzerten. Zu den besten gehört die Frankfurter Kantorei, eines der vier großen Ensembles, die sich das „Haus der Chöre“ am Dornbusch teilen.

Die Kantorei hätte in diesem Jahr eigentlich viel zu feiern: Vor 75 Jahren, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde der heute hochkarätige Chor im September 1945 gegründet. Ein großes Festprogramm hatte Chorleiter Winfried Toll ausgewählt. Auftreten konnte die Kantorei im Januar noch mit Haydns „Schöpfung“ in der Alten Oper, und auch ein großer Empfang im Frankfurter Römer fand wie geplant statt. Doch dann kam Corona, wie Sängerin Rina Prinz-Sanchome bedauert. „Bei der letzten Chorprobe am 12. März haben wir schon gar nicht mehr gesungen, sondern besprochen, wie es weitergehen soll. Damals dachten wir noch, wir könnten nach Ostern wieder anfangen.“

Seither herrscht Schweigen im „Haus der Chöre“ und bei der Frankfurter Kantorei, und wann wieder geprobt werden kann, ist auch hier noch völlig offen. Seither versuchen die Chöre, Videoproben anzubieten und Stücke digital einzusingen. Konzerte und Proben sind abgesagt.

Dass das Singen in der Gruppe und auch das Zuhören im Publikum aktuell durchaus ein Risiko darstellen kann, dessen ist sich Johannes Kaballo, der Vereinsvorsitzende der Frankfurter Kantorei, sehr bewusst. Beim Singen strömt die Luft tief in die Lunge, beim Ausatmen werden die möglicherweise mit dem Virus belasteten Aerosole weit verteilt. „Wir sind sehr vorsichtig und achten darauf, was die Virologen sagen. Ich sehe die Chöre als die ganz großen Verlierer der Corona-Krise.“

„Ein Chorleben findet nicht mehr statt“

Die hessische Kulturministerin Angela Dorn (Grüne) sagt auf Anfrage der Frankfurter Rundschau: „Chöre sind ein ganz schwieriges Thema, weil man ja aus tiefster Kehle singt. Aber grundsätzlich wären auch hier wieder Veranstaltungen mit weniger als 100 Menschen und den nötigen Sicherheitsabständen möglich.“

„Ein Chorleben findet nicht mehr statt“, sagt Prinz-Sanchome traurig. „Das Ensemble fehlt mir sehr. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, ein halbes Jahr lang gar nicht zu singen. Viele aus dem Chor haben noch privaten Gesangsunterricht, bei mir läuft das online über das Programm Zoom.“ Das sei auch nicht ganz einfach, weil es eine kleine Verzögerung bei der Übertragung gebe, für ein gemeinsames Singen ist dieser kurze Moment ein großes Problem. „Das, was wir grade machen wollen, lässt sich nur mit Präsenz erreichen“, sagt die Sängerin. „Wir waren schon in der Endphase der Proben zu unserem Beethoven-Oratorium, da ging es nur noch um Feinheiten, um das Austarieren. Da genügen Onlineproben nicht unseren Ansprüchen.“ Der große Saal im Haus der Chöre habe viel Fläche, vielleicht könne man hier demnächst aber wenigstens in kleinen Gruppen wieder proben.

„Selbst wenn es jetzt Lockerungen geben sollte, wird das Singen im Chor sicher noch lange zurückstehen müssen. Wir beobachten intensiv, was sich an neuen Möglichkeiten bietet und haben auch unsere Choristen gebeten, die Augen offen zu halten. Es entwickelt sich grade sehr viel“, sagt Kaballo. Noch ist das große Beethoven-Werk verschoben, nach bisherigem Stand auf den 5. September.

Niemand wird überredet

Viele Sänger hätten sich schon bereiterklärt, und wer Angst vor dem gemeinsamen Singen habe, den werde man ganz bestimmt nicht dazu überreden, sagt Kaballo. Man überlege, vielleicht das Programm zu ändern, das Oratorium erfordert einen großen Chor und ein großes Orchester. Weniger Musiker, weniger Publikum, das wäre zwar eine Möglichkeit, Kaballo verweist aber auf die hohen Kosten, eigentlich ist der Chor auf den Eintritt angewiesen. Vor allem aber hofft die Frankfurter Kantorei, dass sie das große, hochkarätig besetzte Abschlusskonzert des Jubiläumsjahrs, Händels „Messiah“, am 13. Dezember in der Alten Oper singen kann. „Dass wir so großartige Solisten bekommen haben, ist ein Glücksfall. Aber wenn wir nur 250 statt 2500 Zuhörer haben dürften, wäre das schwierig. Normalerweise sind unsere Konzerte schon sehr gut besucht. Aber im Augenblick fahren wir auf Sicht. Es ist eine Gradwanderung“, betont er.

Eine Untersuchung von Christian Kähler und Rainer Hain von der Universität der Bundeswehr in München gibt Sängern Hoffnung: Die beiden untersuchten die spuckartige Ausbreitung von größeren Tröpfchen beim Singen. Die Experimente zeigten demnach eindeutig, dass die Luft beim Singen nur im Bereich bis 50 Zentimeter vor dem Mund in Bewegung versetzt wird, unabhängig davon wie laut der Ton war und welche Tonhöhe gesungen wurde. Eine Virusausbreitung über diese Grenze hinaus sei deshalb äußerst unwahrscheinlich.

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