1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurter Bürgerinstitut sieht große Hilfsbereitschaft in der Stadt

Erstellt:

Von: George Grodensky

Kommentare

Michael Beckmann leitet die Freiwilligenagentur des Bürgerinstituts Frankfurt.
Michael Beckmann leitet die Freiwilligenagentur des Bürgerinstituts Frankfurt. © Bürgerinstitut Frankfurt

Michael Beckmann leitet die Freiwilligenagentur des Bürgerinstituts. Im Interview spricht er über das Ehrenamt, akute Notlagen und Corona.

Sich ehrenamtlich zu engagieren, bedeutet, sich unentgeltlich zu engagieren, stellt Michael Beckmann klar. Der Leiter der Freiwilligenagentur des Bürgerinstituts hat sich Zeit für ein Gespräch mit der FR genommen, obwohl er noch viel für die Frankfurter Ehrenamtsmesse vorbereiten muss. Vorzustellen gibt es einiges: Freiwillige können etwa Lesehilfe für Schülerinnen und Schüler leisten, Stadtführungen übernehmen, Seniorinnen und Senioren besuchen, die wenig Anschluss haben, und vieles mehr.

Herr Beckmann, worin liegt der Reiz, ein Ehrenamt auszuüben?

Insbesondere in der Freude, sich einbringen zu können, gestalten zu können, andere unterstützen zu können. So berichten das diejenigen, die uns im Bürgerinstitut begegnen.

Wer kommt da zu Ihnen? Sind das alles Rentnerinnen und Rentner mit viel Zeit?

Nein. Die Gruppe ist bunt gemischt, so wie wir das täglich in unserem Stadtbild sehen. Die Menschen kommen aus allen Gesellschaftsschichten und Altersklassen. Angefangen von Schülerinnen und Schülern, die gerade ihr Abitur gemacht haben, bis hin zu den Älteren ab 75, die sich noch einbringen wollen. Menschen, die von Grundsicherung leben, bis hin zu den sehr Wohlhabenden.

Im Ehrenamt steckt „Ehre“. Ist das der Lohn für die Menschen, dass sie etwas Ehrenhaftes tun?

Eher nein. Mir gefällt das Wort freiwillig auch viel besser. Ehrenamt wirkt ein bisschen antiquiert, weil durch das Worte Ehre etwas anderes suggeriert wird, als es letztlich für die meisten darstellt. Amt, das klingt auch ein bisschen verstaubt. Freiwilliges Engagement, das trifft es besser. Das beschreibt, was die Menschen tun: sich freiwillig engagieren, aus vielen Gründen und für unterschiedliche Zielgruppen.

Ich würde trotzdem kurz bei Amt bleiben, das Wort impliziert ja auch, dass es sich bei der Aufgabe um etwas Gravierendes mit Verantwortung handelt. Wie viel Arbeit und wie viel Bürde steckt in so einem Engagement?

So viel, wie man möchte. Das klingt jetzt etwa unkonkret, beschreibt aber eine Entwicklung, die wir beobachten.

Welche ist das?

So vor 30, 40 Jahren war das Ehrenamt noch überwiegend etwas, das man regelmäßig ausgeübt hat. Mehrheitlich die, die aus dem aktiven Erwerbsleben ausgeschieden sind sich engagieren wollten, die berühmten drei Stunden die Woche. Dieses klassische Bild von Ehrenamt bricht immer mehr auf.

Was tritt an seine Stelle?

Natürlich gibt es noch viele Menschen ab 65, die sich drei bis fünf Stunden in der Woche regelmäßig engagieren. Aber immer weniger. Auf der anderen Seite steigt die Zahl derer, die noch im Berufsleben sind oder noch deutlich vor dem Nacherwerbsleben. Viele davon wollen sich nicht regelmäßig verpflichten. Sie wollen das Engagement flexibler handhaben.

Helfen die Menschen weniger?

Es ist nicht so, dass die Bereitschaft zurückgehen würde, sich zu engagieren. Die ist gleich geblieben. Aber die Verschiebungen merken wir. Vor ein paar Jahren haben wir einen Verteiler für kurzzeitiges Engagement eingerichtet. Der läuft gut. Das geht damit einher, dass unser ganzes Leben immer flexibler wird, auch immer unverbindlicher.

Wie kann ich mich kurzzeitig einbringen?

Beim Adventskaffee im Seniorenwohnheim zum Beispiel. Das ist ein in sich geschlossenes Engagement für einen Nachmittag. Danach wartet man, bis der nächste Termin auf dem Verteiler gut in den eigenen Zeitplan passt. Oder ein Grafiker oder eine Grafikerin sagt: Ich stehe zwar mitten im Berufsleben und habe wenig Zeit. Aber wenn ein Verein oder eine Organisation einen Flyer benötigt, eine kleine Broschüre oder einen Webauftritt, das könnte ich übernehmen. Da kann ich mir die Zeit einteilen. Auf diese veränderten Bedürfnisse nach Flexibilität werden sich Einrichtungen einstellen und anpassen müssen. Wenn sie zukünftig mit Ehrenamtlichen arbeiten möchten.

Zur Person

Michael Beckmann , 51, leitet die Freiwilligenagentur des Bürgerinstituts an der Oberlindau 20 im Frankfurter Westend. Die Agentur berät und vermittelt seit 1992 Menschen, die sich engagieren wollen. sky

Kontakt Bürgerinstitut:

Telefon 069 / 972 01 70

E-Mail: info@buergerinstitut.de

www.buergerinstitut.de

Wie hat sich Corona auf das Engagement ausgewirkt?

Wir hatten Probleme und nicht nur wir. Die Zeit war von Vorsicht geprägt und ist es noch. Die Möglichkeiten waren streckenweise stark eingeschränkt, Menschen überhaupt treffen zu können, die ansonsten eher wenig sozialen Bezug haben. Das wiederum hat das Thema Einsamkeit geschürt. Insbesondere Ältere, sozial eher im Abseits stehende Menschen hat das getroffen.

Da hilft dann auch keine Zoom-Konferenz.

Wir haben in vielen Fällen von dieser wunderbaren Digitalisierung gesprochen, die alles auffängt. Aber manche Menschen haben gar keinen Computer oder ein Smartphone oder können es nur eingeschränkt nutzen.

Bleibt noch das Telefon.

Das ist immerhin eine Möglichkeit, ein Telefonat ersetzt dennoch keinen persönlichen Besuch. Was aber fast schon vergessen ist, in der Pandemie haben sich spontan viele nachbarschaftliche Initiativen gebildet. Auf dem kürzesten Dienstweg, auch von etablierten Trägern gab es Einkaufsdienste für Menschen, die das Haus nicht verlassen konnten.

Selbst in der Anonymität der Großstadt Frankfurt.

Das ist bei allen akuten Notlagen zu beobachten. 2015/16, als die vielen Geflüchteten nach Frankfurt gekommen sind, oder nach der Flut im Ahrtal, auch jetzt beim Krieg in der Ukraine. Die Hilfsbereitschaft ist groß, sie äußert sich in spontanen Zusammenschlüssen. Das ist ein starker Beweis dafür, dass wir als Gesellschaft über enorm viel Kraft und Willen zum Engagement verfügen. Losgelöst von sozialen Einrichtungen. Das stimmt mich glücklich, bei aller Kritik, die man sicher auch an der einen oder anderen Stelle äußern kann.

Wie wirkt sich denn die aktuelle Krise aus? Die steigenden Preise, die Energiekosten?

Wie sich die Energiekosten auswirken, lässt sich noch nicht abschätzen. Aber ganz grundsätzlich lässt sich beobachten: Es melden sich durchaus Menschen bei uns, die helfen wollen, aber auch gerne etwas dazuverdienen möchten. Menschen, die aus dem aktiven Berufsleben ausscheiden und klassischerweise eine Gruppe von Engagierten darstellen, sind unter Umständen damit konfrontiert, dass sie mit ihrer Rente nicht zurechtkommen.

Manche kritisieren, dass das Ehrenamt hauptamtliche Jobs gefährde, dass der Staat zu viele Aufgaben ans Ehrenamt abtrete.

Meine Erfahrung ist, dass sich das Ehrenamt weiterentwickelt hat. Wer sich engagiert, tut das aus freien Stücken und aus einer Überzeugung heraus. Nicht, weil er dazu verdonnert wird. Wenn ich mich ausgenutzt fühle als billige Arbeitskraft, die hauptamtliche Tätigkeiten ohne Lohn übernimmt, dann lasse ich es. Die Ehrenamtlichen haben sehr viele Möglichkeiten, sie können einfach etwas anderes finden.

Sie sagen ja auch, es gibt einen großen Willen, etwas zu tun.

Ein Spannungsfeld zwischen Haupt- und Ehrenamt gibt es immer, aber das Engagement ist freiwillig, da nimmt niemand etwas weg. Es braucht ein Miteinander, die Schnittstelle muss klar definiert sein und es muss Austausch geben. Dann ist das bereichernd. Das ist ein Geben und Nehmen.

Die Ehrenamtlichen geben Zeit und Engagement.

Sie bekommen auch etwas, keinen Lohn, aber Anerkennung. Die ist vielschichtig und sollte nicht nur aus Schulterklopfen bestehen. Sie äußert sich auch darin, dass man jemandem zuhört, dass man jemandem Raum gibt, sich entfalten lässt.

Interview: George Grodensky

Auch interessant

Kommentare