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Vor leeren Stühlen finden die Gespräche wie mit Buchpreisträgerin Anne Weber auf der ARD-Buchmessenbühne in der Festhalle statt.

Virtuelle Buchmesse

Weltbücherschau vom Sofa aus

  • Sandra Busch
    vonSandra Busch
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Interviews in der Nacht, Yoga am Morgen, Technikprobleme am Mittag – ein Besuch auf der virtuellen Frankfurter Buchmesse.

An diesem Tag werden es wohl keine 20 000 Schritte werden – der sonst übliche Durchschnitt an einem Buchmessetag. Von Stand zu Stand hetzen, von Halle zu Halle, Rolltreppe rauf, Rolltreppe runter, neben dem Laufband entlangjoggen, sich durch Menschenmassen in engen Gängen quetschen. Doch Corona macht die Buchmesse digital – Weltbücherschau vom Sofa aus. Der Fitness ist das eher nicht zuträglich. Stressig ist es trotzdem.

Das fängt schon damit an: Der Buchmessetag beginnt und endet nicht. Veranstaltungen können ständig abgerufen werden. Auch mitten in der Nacht. Aufzeichnungen von Lesungen, Interviews mit Autoren, Ausstellungen und Performances. Auf Youtube, Instagram, Verlagsseiten, Facebook und zahlreichen anderen Kanälen wird von der Internetseite der Buchmesse verlinkt. Der Buchmessetag kann also früh beginnen.

Als frühester Termin steht am Mittwoch ein Interview mit dem kolumbianischen Autor Ivar Da Coll bei Cámara Colombiana del Libro im Veranstaltungskalender. Um sechs Uhr abends. Kolumbianischer Zeit. Mitteleuropäische Zeit: ein Uhr morgens. Der Link führt zu einem Youtube-Video. Ein Mann steht vor einer Bücherwand und spricht eine Minute und acht Sekunden lang. Vielleicht kündigt er etwas an. Wer weiß das schon?! Zumindest nicht die Zuhörer und Zuhörerinnen, die kein Spanisch verstehen. Mehr passiert dann aber nicht. Wohl besser doch geduldig auf den nächsten Morgen warten, wenn um zehn Uhr die Liveprogramme auf den Bühnen ohne Publikum starten.

Aber zu viel Zeit sollte auch nicht mit Schlafen verwendet werden. Es gibt schließlich digital einiges zu entdecken. Dieses Jahr wird also nicht von Stand zu Stand, sondern von Youtube zu Instagram gehetzt. Um 9.30 Uhr soll der virtuelle slowenische Stand öffnen. Der Link führt – zu einer Fehlermeldung. Dem Browser fehlt ein Feature. Updaten oder Browser wechseln wird empfohlen.

Dann vielleicht doch erst einmal die Nerven beruhigen. Bei Patrick Broome, einem Psychologen und Yogalehrer, der ein Sachbuch geschrieben hat und um 9.30 Uhr eine virtuelle Yogastunde anbietet. Auf dem Youtube-Kanal der Verlagsgruppe Droemer und Knaur ist die Yogastunde nicht so leicht zu finden. Durchklicken, suchen, durchklicken – und nach fünf Minuten geht es los mit der Entspannung: Atem weich ein- und ausströmen lassen.

Rund 4400 digitale Aussteller aus mehr als 100 Ländern haben sich bei der Buchmesse angemeldet. 260 Stunden Programm mit 750 Sprechern werden online angeboten. Zu viel Entspannung ist da nicht drin. Während Patrick Broome Atmen und Bewegung verbindet, auf dem Rücken das Becken auf- und abrollt, kann auch noch schnell eine virtuelle Ausstellung besucht werden. Zum Beispiel vom Lappan-Verlag mit den Cartoons des Jahres 2020. Die Ausstellung zum Deutschen Cartoonpreis 2020. Besucher können durch virtuelle Räume flanieren und die besten satirischen Bilder von der Wand heranzoomen. Es geht um Trump, um Verschwörungstheorien und – selbstverständlich – ganz viel um Corona.

Patrick Broome kommt im Hintergrund pünktlich gegen zehn zum Ende, gibt mit „tiefen Atemzügen die Kraft, das System zu beleben“. Und so können die Liveprogramme mit neuer Energie erlebt werden. Streams der ARD-Buchmessenbühne und des Blauen Sofas des ZDF laufen auf der Seite der Buchmesse. Auf dem Blauen Sofa nimmt um zehn Uhr Wolfgang Benz Platz, der Historiker und frühere Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung. Er an dem einen Ende, Moderator René Aguigah am äußersten anderen Ende des Sofas.

Benz hat ein neues Buch geschrieben: „Vom Vorurteil zur Gewalt. Politische und soziale Feindbilder in Geschichte und Gegenwart“. Für ihn ist klar: „Wir können nicht verstehen, wie Vorurteile zu Gewalt führen, solange wir nicht erkennen, dass es ein Problem der Mehrheit ist, die ausgrenzt und nach Schuldigen sucht.“ Die Mehrheit delegiere schlechte Eigenschaften auf die Minderheit. „Als Mehrheit fühlt man sich besser, wenn es eine Minderheit gibt, die diskriminiert werden und denunziert werden kann für Missstände und Übel.“

Währenddessen sind auf der ARD-Bühne neue Bücher im Gespräch, später spricht Denis Scheck vom ARD-Literaturmagazin „Druckfrisch“ Buchempfehlungen aus. Etwa zu Julia Engelmann (gefällt ihm nicht), Anne Weber (gefällt ihm) und Heinrich Steinfest („große Unterhaltungsliteratur“).

Doch langsam ist es Mittag. Zum Essen ist auf der Buchmesse normalerweise keine Zeit. Außer man stoppt bei einer Kochshow mit Verkostung. Ja, doch, es gibt auch in diesem Jahr diese Kategorie. Beim Hädecke-Verlag auf Instagram soll „Live-Cooking mit Köchin und Autorin Loretta Petti“ stattfinden. Doch das Live-Cooking startet nicht. Probleme mit dem WLAN, heißt es auf der Seite. Vielleicht auch besser so. Hätte nur Hunger gemacht, und digitale Verkostung ist bisher dann doch noch nicht möglich.

Eine halbe Stunde später geht es dann doch. Es werden Birnen angebraten, Käse geschnitten. Vielleicht mal einen Apfel aus der Küche holen, bevor gleich Richard David Precht auf dem Blauen Sofa Platz nimmt. Er spricht über künstliche Intelligenz. Allerdings auf dem heimischen Rechner nicht lange. Die Übertragung wird ständig unterbrochen. Mag nun vielleicht am eigenen WLAN liegen. Aber nein, die ARD-Bühne, bei der Andreas Steinhöfel gerade aus „Rico, Oskar und das Mistverständnis“ liest, funktioniert. Die Kochshow auch. Also, immer wieder das Blaue Sofa neu laden, dabei den Apfel essen und Satzfetzen von Precht aufschnappen wie: „Die Grenze ist da erreicht, wo künstliche Intelligenz über menschliches Leben und Schicksal richtet“ und „Menschen sind keine defizitären Rechner“.

Digitale Messehallen schön und gut, manche vermissen ihre alte Buchmesse aber schmerzlich. Das Team von Digital Science ruft auf, unter dem Hashtag #MissingTheMesse Erinnerungen zu teilen. Und so kristallisiert sich heraus, was die analoge Buchmesse so alles bedeutet: die Zugluft in den Zwischenhallen, Müdigkeit, zwischendurch flache Schuhe anziehen, Treffen, Visitenkarten, zombiemäßig etwas zu essen suchen, kein Taxi am Abend bekommen und laufen müssen, Hinternschmerzen vom Sitzen, Kaffee, Schokolade, Wein, Empfänge. Ja, auch wenn sonst über vieles davon geflucht wird, all das wird bei der „Special Edition“ der Buchmesse vermisst. Denn es ist nun mal nicht dasselbe, hungrig auf dem Sofa mit einem Stapel Visitenkarten in der Zugluft zu sitzen.

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