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Die Hallen sind in diesem Jahr bei der Buchmesse zu.

Zukunft

Vertreter der Branche warnen vor Vermischung mit Musikmesse

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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In der Branche mehren sich die Sorgen um die Zukunft der Frankfurter Buchmesse. Die Kritik am Direktor Juergen Boss fällt bisweilen scharf aus.

Von Berlin aus verfolgt Katharina Hacker ziemlich geschockt die Diskussion um die Zukunft der Frankfurter Buchmesse. „Wir müssen uns alle etwas einfallen lassen, um die Buchmesse zu retten“, sagt die Schriftstellerin, die in Frankfurt geboren und aufgewachsen ist. Die Trägerin des Deutschen Buchpreises warnt davor, dass eine forcierte Digitalisierung das Ende des größten Branchentreffens der Welt sein könnte.

„Wenn wir immer mehr digital erledigen, werden die Verlage am Ende nicht mehr nach Frankfurt kommen“, fürchtet die 53-Jährige. Die Messe lebe aber von den „Momenten des Ungeplanten und Überraschenden“, die mit der physischen Zusammenkunft von Hunderttausenden von Menschen auf dem Messegelände verbunden seien.

Nicht immer mehr Events

Mit Sorge sieht die Autorin auch die Pläne, die Buchmesse 2021 zur gleichen Zeit und auf dem gleichen Areal wie die Musikmesse zu veranstalten. „Ich bin nicht dafür, das zu vermischen“, sagt sie. Die Literatur brauche nicht immer mehr Events, um die Menschen zu erreichen. „Ich möchte keine zweite Lit Cologne“, sagt die Schriftstellerin, die nach eigenen Worten seit 40 Jahren die Messe besucht. Frankfurt stehe für einen politischen Anspruch, für eine Kultur des ernsthaften Arbeitens und zugleich für die Feste rund um das Buch. Die Frühjahrsbuchmesse in Leipzig könne all das nicht ersetzen, sie werde also nicht davon profitieren, wenn Frankfurt schwächele. Auch Alexander Skipis übt Kritik an der Absicht, die Buchmesse im Oktober 2021 parallel zur Musikmesse auszurichten. Die Buchmesse soll vom 20. bis 24. Oktober 2021 den östlichen Teil des Messegeländes mit den Hallen dort belegen, die Musikmesse vom 22. bis 24. Oktober 2021 den westlichen. „Das ist nicht das, was wir wollen“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Und wiederholt: „Wir möchten das nicht.“

Damit wird überdeutlich, dass es eine Auseinandersetzung um die Zukunft der Buchmesse gibt. Denn Juergen Boos, der Direktor des Branchentreffens, hat die Annäherung an die Musikmesse gutgeheißen. Nach Aussage der Fachleute der Messegesellschaft Frankfurt als Eignerin des Geländes hat er sie sogar aktiv betrieben. Boos selbst wollte sich im FR-Interview nicht dazu äußern.

Der Literaturwissenschaftler Heiner Boehncke warnt davor, „das älteste und erfolgreichste Format der Buchbranche zu verwässern“. Der Organisator des Rheingau-Literaturfestivals an diesem Wochenende urteilt, das Buch habe es „nicht nötig, um die Nähe zu anderen Branchen zu buhlen“. Der Autor rät der Buchmesse dazu, stattdessen „Zeichen des Selbstbewusstseins“ auszusenden. „Die Buchkultur hat Corona bisher sehr gut überstanden.“ Das Management der Buchmesse in Zeichen von Corona sei dagegen „nicht besonders professionell“ gewesen. Boos sei es nicht gelungen, die Rückendeckung der Verlage zu gewinnen.

Auch der Frankfurter Verleger Klaus Schöffling wirft Boos vor, in der Ausnahmesituation der Corona-Pandemie durch „Dilettantismus“ und unüberlegtes Verhalten die Marke Frankfurter Buchmesse beschädigt zu haben. Die Buchmesse habe intern viel zu wenig mit Verlagen gesprochen, lediglich „mit einigen großen Konzernen“. Viele mittlere und kleinere Häuser hätten sich vernachlässigt gefühlt. „Auch mit uns hat keiner geredet, wir waren nicht interessant.“ Die Kommunikation nach außen sei ebenfalls ein Desaster gewesen, beklagt der Inhaber des Schöffling-Verlags.

Digitales Fachprogramm

Der Sozialwissenschaftler und Autor Klaus Gietinger nennt die Pläne, Buch- und Musikmesse parallel zu veranstalten, „ganz furchtbar“. Die Buchmesse brauche diese Annäherung nicht. Beide Branchen unterschieden sich sehr. Gietinger wirft auch die Frage auf, wie das Messegelände in Frankfurt beide Veranstaltungen gleichzeitig verkraften solle. Schon bisher sei das Areal am Publikumswochenende der Buchmesse völlig überfüllt gewesen.

Direktor Boos bemüht sich gegenwärtig erkennbar darum, Unterstützer für die diesjährige Messe vom 14. bis 18. Oktober unter Corona-Bedingungen zu gewinnen und so den Schaden für die Marke zumindest zu begrenzen. Täglich veröffentlicht die Presseabteilung der Buchmesse gegenwärtig Ankündigungen für die fast ausschließlich digitale Veranstaltung. So soll es das erste „rein digitale Fachprogramm“ mit mehr als 70 Stunden „Konferenzen, Fachtalks und Networking Veranstaltungen“ geben. Fachleute „aus dem internationalen Publishing“ sollen zusammengebracht werden. Auch die International Publishers Association (IPA) und die Buchmesse veranstalten gemeinsam „eine Reihe von Online-Events“.

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