1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurter Buchmesse und die Proteste im Iran : „Der Mut kommt mit der Hoffnung auf Veränderung“

Erstellt:

Von: Ramona Wessmann

Kommentare

Demonstrierende setzen bei der Podiumsdiskussion zu den Protesten im Iran ein Zeichen. renate hoyer
Demonstrierende setzen bei der Podiumsdiskussion zu den Protesten im Iran ein Zeichen. © Renate Hoyer

Ob Iran-Proteste oder Ukraine-Krieg – dem Weltgeschehen wird eine große Bühne bei der diesjährigen Buchmesse. bereitet. Auch Frankfurts Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg (Grüne) spricht. Sie selbst ist vor Jahren aus dem Iran geflüchtet.

Politisches wird für viele immer bedeutsamer. Dies zeigt sich auch auf der Buchmesse, wo die Veranstaltungen zu aktuellen Nachrichten aus der Welt immer breiter angeboten werden. Heraus ragen besonders der Angriffskrieg von Russland auf die Ukraine und die revolutionären Proteste im Iran, die das Ende der Mullah-Regierung fordern. Es sind Ereignisse, die auch an der Frankfurter Buchmesse nicht spurlos vorbeigehen. Zumal auch die Besucher:innen reges Interesse undTeilhabe demonstrieren. Die Veranstaltungen sind gut besucht, die Menschen zeigen Anteilnahme.

Für Diskussionen zur iranischen Lage wurde kurzfristig umdisponiert und Platz im Programm des Frankfurter Pavilion geschaffen. Unter anderem ist auch die Bürgermeisterin und Diversitätsdezernentin von Frankfurt, Nargess Eskandari-Grünberg (Grüne), am Mittwoch dabei. Sie wurde 1965 in Teheran geboren und kam erst 1985 als Geflüchtete nach Frankfurt. Eskandari-Grünberg weiß aus eigener Erfahrung, wie sich die iranischen Menschen fühlen.

Das berüchtigte Ewin-Gefängnis, ein Ort für unliebsame Protestierende, kennt die Bürgermeisterin von innen. Noch vor wenigen Tagen wütete dort ein Großbrand, durch den mehrere Insassen starben. Eskandari-Grünberg wurde dort als politisch Verfolgte hinter Gitter gesteckt, sogar ihre Tochter kam dort auf die Welt. Die Schüsse habe sie gezählt, so Eskandari-Grünberg. Wenn jemand aus der Zelle geführt worden sei, habe niemand gewusst, ob diese Person jemals wieder kommt.

Die grüne Politikerin betont besonders, dass diese Proteste anders sind als alle vorherigen, denn die Iraner:innen hätten verstanden, dass es ohne Frauenrechte keine Menschenrechte gäbe. „Wir brauchen auch Männer!“, sagt Eskandari-Grünberg. Sie sei stolz auf den Mut, mit dem die Menschen auf die Straße gehen und sich dem Regime stellen. Woher kommt dieser Mut? „Der Mut kommt mit der Hoffnung auf Veränderung“, erklärt Eskandari-Grünberg. Das Publikum klatscht sichtlich gerührt. Besonders wichtig sei es jedoch, als Europäer:innen Solidarität zu zeigen, der Revolution beizustehen. „Das darf uns nicht kaltlassen“, betont Eskandari-Grünberg eindringlich.

Anschließend gibt es eine weitere Podiumsdiskussion zum Iran. Die ARD-Journalistin und ehemalige Studioleiterin in Teheran, Natalie Amiri, berichtet, dass dies keine Proteste seien, wie es sie schon öfter gegeben habe. Es sei kein Widerstand, der erst heute angefangen habe, sondern der Beginn einer Revolution, so Amiri. Es gebe kein Angebot mehr an das Regime, die einzige Forderung sei ein Regimewechsel und ein Ende der Dikatur. Die große Gefahr für das Regime bestehe insbesondere darin, dass ein Querschnitt der Bevölkerung auf die Straße gehe, sagt Amiri. Es sei eine Revolution von allen Iraner:innen.

Der Grünen-Vorsitzende Omid Nouripour, der im Iran geboren ist, bringt die Diskussion auf die politische Perspektive. Das Einzige, was helfe, wären „Druck, Druck und mehr Sanktionen“. Die EU-Sanktionen seien viel zu schwach, es müsse mehr getan werden. Eine Gruppe von Protestantinnen, die gekommen sind, verteilen Postkarten mit Forderungen an den EU-Außenbeauftragten Josep Borrell, skandieren den Slogan der Revolution: „Frauen. Leben. Freiheit“. Sie wirken enttäuscht, scheinen den Worten Nouripours nicht recht zu glauben.

Auch die Ukraine, ihre Kultur, Literatur und das Kriegsgeschehen werden in den Fokus gerückt. Der ukrainische Stand ist bestens besucht, das Interesse größer als an den Ständen anderer Länder. Der ukrainische Autor Andrej Kurkow („Samson und Nadjeschda“) kommt kaum auf sein Buch zu sprechen, sondern viel auf den Krieg und seine eigenen Erlebnisse. Kurkow sagt, er spreche lieber über die Ukraine als über sein Buch. Und das, obwohl er für sein neuestes Werk, „Tagebuch einer Invasion“, den Geschwister-Scholl-Preis erhalten wird.

Die diesjährige Buchmesse ist nicht nur auffallend politisch, sondern auch sehr emotional. Es geht um echte Menschen, Schicksale und die große Relevanz von Solidarität. (Von Ramona Wessmann)

Auch interessant

Kommentare