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Wegen rechter Kleinverlage wird die Frankfurter Buchmesse 2021 zum Diskussionsthema - Vertreter des Vereins „United Colors Of Change“ sehen sich die Situation vor Ort selbst an. (Symbolbild)
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Wegen rechter Kleinverlage wird die Frankfurter Buchmesse 2021 zum Diskussionsthema - Vertreter des Vereins „United Colors Of Change“ sehen sich die Situation vor Ort selbst an. (Symbolbild)

„United Colors Of Change"

Rassismus auf Frankfurter Buchmesse: Ein Beispiel verdeutlicht ganzes Debakel

Vertreter des Vereins „United Colors Of Change" besuchen die Frankfurter Buchmesse. Ihr Ziel? Ein Gespräch mit dem rechten Kleinverein „Jungeuropa“.

Frankfurt – Stellvertretend für den Verein „United Colors Of Change" besuchen wir am 22. Oktober die Frankfurter Buchmesse. Der Anlass? Dass viele inspirierende Menschen wie Jasmina Kuhnke, Mirranne Mahn und Nikeata Thompson, die eigentlich ein großartiger Grund sind, die Buchmesse zu besuchen, dieses Jahr abgesagt haben.

Der Grund? Ein Stand mit dem Namen „Jungeuropa“ und diverse Warnungen davor, dass das gefährliches Gedankengut sei, was da verbreitet werden würde. Als sowohl von Rassismus Betroffene, als auch Bildungsarbeit Leistende bevorzugten wir es, uns selbst ein Bild davon zu machen, also besuchen wir abends die Buchmesse.

Buchmesse in Frankfurt: Werden rechte Kleinverlage zu einem Problem?

Ein kleiner, unscheinbarer Stand nahe der ZDF-Bühne stellt sich vor mit der Aufschrift „Jungeuropa“. Vier bis fünf Männer im Alter von 25 bis 35 stehen dahinter. Kurz geschnittene Seiten, Schnauzbart, Bierflaschen im Hintergrund und Kautabak während der Arbeit scheinen dort die Identifikationscodes der Mitarbeiter zu sein. Bücher mit den Titeln „Europa Power Brutal“, oder „Was ist Nationalismus?“ werden stolz präsentiert.

Höflich suchen wir das Gespräch und fragen grundsätzlich erstmal, ob wir als Schwarze in Deutschland geborene Menschen auch hier willkommen sind und was denn das für ein Gedankengut sei, was hier verbreitet wird. Sofort rückt ein Mitarbeiter von der Seite heran und fragt, ob wir hier filmen und was wir mit den Handys machen. Anschließend droht er sofort damit, zur Polizei zu gehen. Offensichtlich sind sich die Kollegen bewusst, dass sie kritisch betrachtet werden.

Es folgt ein zehn bis 15-minütiges Gespräch, in dem mir erklärt wird, dass Ich nicht deutsch sei, weil Ich einen Migrationshintergrund habe. Aber durchaus das Potenzial besteht, dass meine Nachkommen irgendwann mal als Deutsche akzeptiert werden können, wie das ja bei den Hugenotten auch ein schönes Beispiel war.

„United Colors Of Change“ besuchen die Frankfurter Buchmesse

Des Weiteren wird uns erklärt, dass diese jungen Männer kein Problem damit haben, wenn Ich zum Beispiel in Mannheim einen Couscous-Laden eröffne. Aber es darf eben nicht zu viel werden und die Rückbesinnung auf die deutschen Werte hat eben Priorität. Außerdem würde ja die Gesellschaft verrückt, wenn Menschen keine feste Identität haben und daher sei es enorm wichtig, Menschen zu kategorisieren. Dementsprechend sei es auch wichtig, dass Menschen ohne deutschen Pass abgeschoben werden.

Als Selbstverständlichkeit wird außerdem erklärt, dass der junge Mann hinter dem Stand rechts sei und dies auch eine politische Gesinnung sei. Irritierend ist für mich, dass Ich während des gesamten Gesprächs fotografiert und gefilmt werde (von den Vertretern von „Jungeuropa“) und mir sublim immer wieder bewusst gemacht wird, dass Ich definitiv geduldet bin. Aber eben kein vollwertiger Deutscher und deswegen grundsätzlich erstmal skeptisch zu betrachten sei.

So wird mir erklärt, dass man sich erstmal mit meiner gesamten Biografie auseinandersetzen müsse, um darüber zu urteilen, ob Ich Teil des Volkes sei. Wenig Publikum begeistert sich für den Stand, aber viele bleiben drum herum stehen, wechseln mit vorgehaltener Hand ein paar Worte und fragen neugierig, „was die denn gesagt haben“, nachdem wir den Stand verlassen. Distanziert steht eine junge Frau mit einem Hijab in der Nähe und fühlt sich offensichtlich unwohl. Sie sucht Blickkontakt, nachdem wir den Stand verlassen. Immer wieder wird unser Gespräch mit dem Stellvertreter von seinen Kollegen unterbrochen. Kleine Gesten, wie ein Griff nach einem Buch, welches direkt vor meinem Gesicht liegt, aber auch noch an genug anderen Orten am Stand, signalisieren mir deutlich: Ich bin hier nicht willkommen, Ich gehöre nicht dazu und das ist auch in Ordnung und gut so.

Trotzdem haben sich die Männer an diesem Stand die Zeit genommen, mir dies auch noch deutlich zu machen und zu erklären. Ein Gefühl von Stolz steht in ihren Gesichtern geschrieben, als sie einen weiteren Schwarzen Menschen auf seinen Platz verwiesen haben. Ein Gefühl von Resignation empfinde Ich, als Ich den Stand verlasse und nur zehn Meter weiter der Eindruck auf der Frankfurter Buchmesser erweckt wird, als nehme hier alles völlig normal seinen Lauf.

„United Colors Of Change“: Warum man die Frankfurter Buchmesse zwiegespalten verlässt

Im völligen Kontrast steht dazu die besondere Veranstaltung im „Herzen von Frankfurt“. In einem Safe-Space wird hier unter anderem das Buch von Nikeata Thompson vorgestellt, großartige Menschen wie Mirriane Mahn und Aisha Camara berichten außerdem über Ihre Meinung und Perspektive zu den Geschehnissen. Man geht mit gemischten Gefühlen nach Haus.

Auf der einen Seite war es unglaublich empowernd und schön zu sehen, wie sich Menschen solidarisieren, auf der anderen Seite muss man registrieren, dass der Grund für dieses Zusammenkommen die Flucht zu einem Safe-Space ist. Weil auf der Buchmesse Nazis unter dem Deckmantel Meinungsfreiheit ihr rechtes Gedankengut publizieren dürfen und damit Nährboden für Rassismus bieten. (Vertreter von United Colors of Change)

Viele Autor:innen sagen die Buchmesse in Frankfurt ab: Der Grund ist die Anwesenheit rechter Verlage. Die jedoch genießen die Aufmerksamkeit.

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