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Heike Rittel (Mitte) liest berührende Protokolle im Amnesty-Mobil. Rechts: Dieter Maier.

Colonia Dignidad

Wer nicht schlug, wurde geschlagen

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Heike Rittels Gesprächsprotokolle der Frauen aus der Colonia Dignidad - und ihre aufrüttelnde Einschätzung, wer damals Täter war, wer Opfer.

Die Zuhörerinnen und Zuhörer haben Fragen. Wie man da hineingeriet, in diese Colonia Dignidad in Chile, „Kolonie der Würde“ auf Deutsch, schon der Name eine Perfidie. Und wie viele sich dort schuldig gemacht haben, außer dem menschenverachtenden Sektenführer Paul Schäfer. Und wie es heute dort ist, in der immer noch bestehenden Gemeinschaft, umbenannt in Villa Baviera, das „bayerische Dorf“?

Die Fragen werden beantwortet im Doppeldeckerbus von Amnesty International auf der Buchmesse. Doch zuvor kommen die Frauen zu Wort – um die geht es schließlich in dem aufwühlenden Buch, das Heike Rittel vorstellt. Die 1963 geborene Sonderpädagogin hat über Jahre das Vertrauen der Frauen der Colonia Dignidad erworben und die Gesprächsprotokolle im 272 Seiten starken Band „Lasst uns reden“ (Schmetterling Verlag) veröffentlicht. Ein Buch zu schreiben, sei eigentlich gar nicht das Ziel gewesen, sagt sie. „Ich wollte helfen.“

Über Umwege war Rittel 2012 in die frühere Colonia gelangt und hatte gesehen: Den Menschen, die nie aus dieser furchtbaren Welt voller Unterdrückung, Angst und Qual herausgekommen waren, mangelte es an so vielem – und besonders an Zuwendung. „Kann ich dir aus meinem Leben erzählen?“, fragte dann eine Frau.

Sie habe Schuld auf sich geladen, sagt Ruth, eine der Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg Paul Schäfer nach Chile folgten. Der unterkomplex gebildete, aber charismatische deutsche Laienprediger gründete dort eine Sekte, ein ausgeklügeltes Unrechtssystem, um Kinder sexuell zu missbrauchen, Männer und Frauen zu Sklaven zu machen.

In „Lasst uns reden“ geben nun Rittel und ihre Co-Autoren Jürgen Karwelat und Andreas Höfer (Fotos) erstmals den Frauen Stimme und Gesicht. „Heute sehe ich es als etwas Besonderes an, dass wir nicht alle wahnsinnig geworden sind“, sagt eine. Gabriele konnte wegen der in der Colonia gängigen Elektroschocks im Vaginalbereich keine Kinder bekommen – und adoptierte später vier chilenische Straßenkinder. Die Zuhörer nicken bewundernd. Erika war mit 43 Jahren noch Jungfrau, als sie endlich frei über ihr Leben entscheiden durfte – und wusste nicht, wo Kinder herkommen. Eine Frau schwärmt von dem verbotenen Moment, als ihr Vater sie als Kind auf dem Arm hielt; Eltern und Kinder durften einander bei Strafe nicht sehen. Mädchen wurden bis zum Gehirnschaden geprügelt.

„Ich habe mich gefragt: „Was hat sie am Leben erhalten?“, sagt Heike Rittel. Musikinstrumente beispielsweise, erfuhr sie. Und Bonbons. „Schäfer schlug sie, gab ihnen aber auch Bonbons.“

Dieter Maier, seit den 1970er Jahren in der Chile-Gruppe von Amnesty International aktiv und Colonia-Kenner, erklärt den Zuhörern im Bus, wie das Geflecht Schäfers in Kooperation mit dem Tyrannen Augusto Pinochet so viele Jahre überdauern konnte. Die deutsche Regierung, das wird deutlich, hat dabei zu oft versagt. Wer sich vor Ort schuldig machte? Schwer zu sagen. „Die meisten sind beides – Täter und Opfer“, erklären Rittel und Maier. „Wer nicht schlug, wurde geschlagen.“

Noch immer leben 120 Deutsche dort. Die Villa Baviera ist ein Tourismusbetrieb. Die langjährigen Bewohner würden sich in der Welt draußen nicht zurechtfinden – auch davon künden die beeindruckenden Protokolle. „Man würde sie hier auf der Buchmesse unter den anderen Besuchern erkennen“, sagt Rittel, „an der Kleidung.“ – „Sie tragen Altkleider aus Deutschland aus den 80er Jahren“, sagt Maier.

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