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Die spanische Romanautorin Najat El Hachmi (links) im Gespräch mit dem kanadischen Innu-Autor Michel Jean.
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Die spanische Romanautorin Najat El Hachmi (links) im Gespräch mit dem kanadischen Innu-Autor Michel Jean.

Buchmesse

Frankfurter Buchmesse: Gespräch über die Entwurzelung der Herkunft

  • Stefan Simon
    VonStefan Simon
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Ein Gespräch zwischen dem kanadischen Innu-Autor Michel Jean und der spanischen Romanautorin Najat El Hachmi im Pavillon des Ehrengastlandes Kanada.

Im Pavillon des Ehrengastlandes Kanada sind Donnerstagmittag die spanische Romanautorin Najat El Hachmi und der kanadische Innu-Autor Michel Jean zur „Meet and Great“-Reihe zum Thema: Desarraigo – Entwurzelung – Kanada/Spanien“ zusammengekommen. Die Journalistin Gesa Ufer sprach mit den beiden über die „Entfremdung“ und das Verschwinden von Kultur durch den Verlust von Landschaft, im Fall von El Hachmi durch Emigration. Bei Jean durch das Materielle, also durch das Verschwinden eines Ortes oder eines Zuhauses.

El Hachmi ist in einem kleinen Dorf in Marokko aufgewachsen. Als sie acht Jahre alt ist, emigriert sie mit ihren Eltern nach Spanien, genauer, nach Katalonien. In Barcelona studiert sie Philologie und schafft mit ihrem Roman „Der letzte Patriarch“ ihren Durchbruch. Michel Jean ist Innu aus Mashteuiatsh und ein in Québec sehr geschätzter Autor, Nachrichtensprecher und Investigativ-Journalist. Sein Roman Kukum (2019), ein Angedenken an seine Urgroßmutter, war 2020 mit über 95 000 verkauften Exemplaren der am zweitbesten verkaufte Roman in Québec.

Bevor El Hachmi sich über die eigenen Wurzeln Gedanken machte, musste sie zunächst herausfinden, wo ihre Wurzeln überhaupt sind. „Ich komme aus einem kleinen marrokanischen Dorf ohne fließendes Wasser und Elektrizität. In meiner Kindheit sprachen wir eine Sprache, die nicht offiziell ist, und die keine Schrift hat“, erzählt sie. Außerhalb Marokkos sei diese als die Sprache der Berber bekannt. „Die Separation zwischen Frauen und Männern war groß. Die einzige Freiheit, die die Frauen nutzen konnten, waren ihre Geschichten, die sie uns erzählten. Durch ihre Geschichten wurde ich Schriftstellerin“, sagt El Hachmi.

Michel Jean dagegen weiß seit seiner Kindheit, wo seine Wurzeln liegen. Doch positiv konnotiert wird seine Herkunft nicht. „In Kanada werden Innus Wilde genannt.“ Er selbst sei in der Stadt und außerhalb der Kulturgemeinschaft aufgewachsen. „Ich war immer stolz darauf, ein Innu zu sein. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Leute schlecht über mich reden. Als Kind fand ich es toll, dass meine Freunde mich Häuptling nannten“, erzählt er. Erst als eine Bibliothekarin eines kleinen Ortes seinen ersten Roman signierte - mit seinem Namen und dem Zusatz Innu -, wurden die Leute auf seine Herkunft aufmerksam. „Viele wissen nichts über die Innu. In der Schule fängt die Geschichte Kanadas ab 1514 an, als die Briten und Franzosen nach Kanada emigrierten“, sagt er. Also fing er an, über seine Wurzeln zu schreiben.

Heimat bedeutet für El Hachmi Katalonien. „Ich will nicht zurück nach Marokko. Meine Zukunft sehe ich in Katalonien. Viele sagten zu mir, ich könnte nie Katalanin werden. Warum nicht? Katalonien ist ein Schmelztiegel. Es gibt viele Identitäten. Was uns verbindet, ist die katalanische Sprache.“

Viele Identitäten gibt es auch in Nordamerika. Doch Jean sieht zwischen Europa und Nordamerika einen gewaltigen Unterschied. „In Europa hören die Menschen viele Sprachen. In Nordamerika wird fast nur Englisch gesprochen, bis auf den francophonen Teil im Osten Kanadas“, sagt er. Dadurch sei die Sprache der Innu zwar nicht verschwunden. Aber: „Die Frage ist nur, ob sie gesprochen wird.“

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