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Vor zwei Jahren eröffnete die Sporthalle im Sportpark Preungesheim.

Frankfurter Bogen

Frankfurter Bogen: Ein gutes Restaurant wird noch vermisst

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30 Jahre nach der ersten Planung wird die Entwicklung der Siedlung Frankfurter Bogen mit dem Pflanzen eines Baumes symbolisch abgeschlossen.

Der böige Wind treibt Regenschleier über den Gravensteiner Platz. Unter grauem Himmel liegt das Zentrum der Siedlung Frankfurter Bogen an diesem Mittag menschenleer da. Vor 30 Jahren hatte die Stadt mit den ersten Planungen für das Quartier begonnen, vor zwei Jahrzehnten starteten die Bauarbeiten. Und jetzt lädt die Kommune zur Begehung mit drei Dezernenten und etwa drei Dutzend Vertretern städtischer Ämter. Eine symbolische Baumpflanzung beschließt offiziell die Entwicklung des Quartiers, von den Bewohnern hat sich niemand eingefunden.

Viele Häuser sind nur über einen Privatweg zu erreichen.

Sie trifft man an diesem regnerischen Frühlingstag am ehesten noch auf dem Gravensteiner Platz. Zum Beispiel Gerd Lauer, der eine Topfpflanze gekauft hat und sie nach Hause trägt. Vor vier Jahren ist der frühere Vorsitzende des Kleingartenvereins an der Wolfsweide mit seiner Ehefrau in einen der Blocks direkt am Platz gezogen, „Wunderbar, es fehlt nichts“, lautet das Urteil des 79-Jährigen. Tagsüber sei die Siedlung zwar „eine Schlafstadt“, ab 16 Uhr aber belebe sie sich dann. Lauer lobt die öffentliche Verkehrsanbindung: „In 20 Minuten fahre ich mit der Straßenbahnlinie 18 zur Konstablerwache.“

Vor drei Jahrzehnten breiteten sich hier noch Streuobstwiesen und Kleingärten aus. Planungsdezernent Mike Josef (SPD) sieht in der Entstehungsgeschichte der Siedlung auch einen Beleg dafür, wie sich der öffentliche Diskurs gewandelt habe: „Auch damals gab es Widerstand gegen die Bebauung, es wurde gekämpft und es brannten sogar Gartenhütten aus Protest.“ Das sei aber „nicht zu vergleichen mit den Hürden, die wir heute nehmen müssen“, wenn die Stadt ein Wohnungsbau-Projekt beginne. Durch die Vernetzung über soziale Medien falle der Protest viel breiter aus.

Marion Schulze (links) und Julia Münter (rechts) in ihrer Buchhandlung im Bogen.

Aber würde die Stadt mit dem geschärften ökologischen Bewusstsein von heute noch einmal eine Siedlung auf der grünen Wiese bauen? Josef verteidigt das Resultat: „Es ist ein tolles Ergebnis.“ Es sei eine gelungene Mischung von Miet- und Eigentumswohnungen entstanden.

Auch Ylva Sonnenberg, die seit acht Jahren im Bogen wohnt, hat an ihrer Miete nichts auszusetzen: „Sie ist sehr human“, sagt die 69-Jährige. Ihr gefällt, dass man zu Fuß „sofort auf den Wiesen“ sei. Allerdings schlössen Autobahnen die Siedlung ein: „Man hört es“, sagt die Preungesheimerin mit schwedischen Wurzeln.

Lena Niehus mag das mit den humanen Mieten nicht bestätigen. „Die Mieten sind zu hoch“, sagt sie beim Treffen an der Haltestelle der Linie 18. Seit fünf Jahren lebe sie mit ihrem Ehemann und dem kleinen Sohn in einer Drei-Zimmer-Wohnung, jetzt erwartet sie im Sommer ihr zweites Kind. Sie sucht nach einer größeren, geeigneten Unterkunft, fürchtet aber: „Wir werden wegziehen müssen.“ Die Familie lebt nicht direkt im Bogen, sondern an der Friedberger Landstraße. Ihr Sohn besucht aber eine Kita im Bogen, die sie „okay“ nennt.

DIE SIEDLUNG FRANKFURTER BOGEN

Etwa 5500 Menschenwohnen heute in der Siedlung Frankfurter Bogen im Osten des Frankfurter Stadtteils Preungesheim.

Auf dem rund 72 Hektargroßen Gelände dehnten sich früher Gärten und zahlreiche Streuobstwiesen aus. Einige Straßen tragen deshalb Namen von Apfelsorten. Auch der Name „Apfel-Quartier“ rührt von daher.

Das Neubaugebiettrug zunächst den Arbeitstitel „Preungesheim Ost“ und wurde seit Beginn der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts konzipiert.
Im Oktober 1996wurde der erste Spatenstich für die Siedlung vorgenommen. Am 14. November 1996 fassten die Stadtverordneten den Satzungsbeschluss für den Bebauungsplan, der am 21. Januar 1997 in Kraft trat.

Mitte des Jahres 1999gab die Stadt die ersten Grundstücke für die Bebauung frei.

Es entstandenin den nächsten Jahren etwa 2200 Wohnungen, in der Regel in zwei- bis viergeschossigen Blocks, dazu wurden aber auch Stadtvillen und
Reihenhäuser gebaut.
Die Bezirkssportanlagemit insgesamt 65 000 Quadratmetern Nutzfläche kostete allein 17 Millionen Euro.

Die Grünflächenund öffentlichen Verkehrsflächen umfassen insgesamt 15 Hektar.

19 Straßenwurden angelegt. Eine große Fläche, der Gravensteiner Platz, bildet das Zentrum der Siedlung.

Die öffentliche Verkehrsanbindungin die Innenstadt ist durch die Straßenbahnlinie 18 und die Buslinie 63 gewährleistet.
Mit dem Autoist die Siedlung unter anderem über die Friedberger Landstraße zu erreichen, es gibt zwei nahe Anschlussstellen zur Autobahn 661.

Die Entwicklung der Siedlungwurde am Freitagnachmittag symbolisch dadurch abgeschlossen, dass
Planungsdezernent Mike Josef (SPD), Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) und Sportdezernent Markus Frank (CDU) in der Nähe des Gravensteiner Platzes gemeinsam einen Baum pflanzten. Davor gab es einen Rundgang mit Vertretern zahlreicher Ämter durch die Siedlung. 

Wenn die Menschen im Bogen etwas vermissen, dann geht es stets um Gastronomie. „Es gibt zu wenige Restaurants“, urteilt Niehus.

Das findet auch Christian Sieling, der in der Buchhandlung „Bücher im Bogen“ am Gravensteiner Platz stöbert. Diese kleine Enklave der Literatur in den Gravensteiner Arkaden ist eines der sozialen Zentren der Siedlung. Die einzige Buchhandlung vor Ort, 2019 mit dem Gütesiegel „Lesefreude Hessen“ ausgezeichnet, zieht die Menschen an.

Christian Sieling, der seit zwölf Jahren im Bogen wohnt, fehlt ein gutes Restaurant. Das einzige am Gravensteiner Platz habe vor längerer Zeit geschlossen. Ansonsten ist er aber angetan von den Lebensbedingungen im Bogen. „In zehn Minuten bin ich mit meinem großen Hund auf dem Heiligenstock.“ Durch die Anbindung über die Straßenbahnlinie 18 habe das Quartier „sehr gewonnen“. Auch Iris Kleiner, Verkäuferin in der Buchhandlung, sagt: „Ich fühle mich hier sehr wohl.“ Sie liebt den freitäglichen Wochenmarkt mit seinen kleinen Ständen, die gerade draußen im Wind zu kämpfen haben.

Wir erreichen die Bezirkssportanlage, die insgesamt 54. der Stadt Frankfurt, wie Sportdezernent Markus Frank (CDU) stolz sagt. Siebzehn Millionen Euro hat die Stadt in die Halle mit den Außenplätzen investiert, die vor zwei Jahren eröffnet wurde. Frank hebt hervor, das Sportamt habe das gesamte Projekt „eng mit den Nutzern geplant“, den Vereinen also, vorweg der TV Preungesheim. Einige wenige Jugendliche werfen sich unten auf dem Spielfeld Handbälle zu. Aber auch Volleyball wird hier gespielt und eine seltene Sportart, die aber schwer im Kommen ist: Floorball, eine Mischung aus Feld- und Eishockey. Der Deutsche Meister TSV Berkersheim trainiert in dieser Halle.

Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) stößt zum Tross. Er kündigt in seiner Rede an, dass in naher Zukunft neben der Linie 18 eine zweite Tramverbindung über die Friedberger Landstraße entwickelt werden soll – mit dem Fernziel, sie eines Tages bis nach Bad Vilbel zu verlängern.

Es hat Zeit gebraucht, bis sich hier im Bogen ein sozialer Zusammenhalt entwickelt hat. Reinhard Pauli vom kommunalen Stadtvermessungsamt erinnert sich an die Anfangsjahre. Damals sei das heutige Gelände der Bezirkssportanlage noch „ein wilder Müllplatz“ gewesen. „Da hat jeder seinen alten Kühlschrank entsorgt, wie er wollte.“ Annette Rinn, Preungesheimerin und FDP-Fraktionsvorsitzende im Römer, stellt der Siedlung vor Ort ein gutes Zeugnis aus. Nur einen Mangel nennt auch sie: „Es fehlt noch Gastronomie.“

Der Tross zieht entlang eines Grünzugs wieder dem Zentrum, dem Gravensteiner Platz, zu. Drei dieser Grünzüge gibt es, in denen sogar Obstbäume an die früheren Streuobstwiesen erinnern. Acht Spielflächen finden sich im Grün. „Es gibt schön viele Spielplätze hier“, lobt auch Lena Niehus.

Frankfurt wächst, den Bedarf an Wohnungen bis 2040 beziffert der jüngste Wohnungsmarktbericht der Stadt auf 106 000. Der Preungesheimer Bogen zeigt, wie lange es braucht, bis ein neues Quartier Lebensqualität entwickelt.

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