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Frankfurter Bike Night: Von der Umkehr der Machtverhältnisse

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Von: George Grodensky

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Das Peloton begibt sich auf die Strecke. Vom Eisernen Steg aus geht es zunächst durch die City zur Friedberger Warte.
Das Peloton begibt sich auf die Strecke. Vom Eisernen Steg aus geht es zunächst durch die City zur Friedberger Warte. © Michael Schick

Bei der Bike-Night demonstrieren Fahrradfreunde für mehr Raum im Straßenverkehr. Die FR ist auf der Radtour durch die City und über die Autobahn mitgefahren.

Meine Mutter sagt immer: „Verkehrswende schön und gut, aber es können doch nicht alle Fahrrad fahren.“ Damit meint sie mich: 47 Jahre alt, unsportlich, mindestens 15 Kilo Übergewicht. Wenn ich einmal im Jahr das Zweirad aus dem Schuppen hole, fahre ich für Deutschland: schwarzer Helm, gelbe Warnweste, roter Kopf. Aber heute stelle ich mich und mogele mich in die Bike-Night des ADFC.

Zum zwölften Mal rollt am Samstag ab 20.30 Uhr die Kombination aus Demo und Event durch die Stadt. „Mehr Platz fürs Rad – nicht nur heut’ Nacht“ ist auch 2022 wieder die zentrale Forderung. Zwar habe sich schon viel für die Radfahrenden getan, findet Denis Reith vom ADFC. Sie müssten aber immer noch kämpfen – mit Falschparkenden auf Radwegen, Fahrbahnen mit Tempo-50-Schildern ohne jede Radverkehrsinfrastruktur.

Das findet auch Viola Rüdele. Darum demonstriert die Frankfurterin mit. Viel zu wenige Radwege gebe es, dafür zu viel gefährliche und schlecht markierte Strecken. Die Politik müsse endlich weg vom Auto kommen und hin zu mehr öffentlichem Nahverkehr und natürlich zum Fahrrad.

Das sind so 1000 bis 1500 Menschen schon lange. So viele machen für gewöhnlich bei der Demo mit, immer im September. In diesem Jahr ist die Wettervorhersage schlecht. 90 Prozent Regenwahrscheinlichkeit prophezeit die App. Regen mache ihr nichts aus, sagt Viola Rüdele stellvertretend für die vielen Sportlerinnen und Sportler, die sich gerade am Mainkai versammeln. Erstens seien dann die Fahrradwege, also die paar, die es gibt, nicht so voll. Und zweitens liebe sie ihre Gummistiefel, die sie extra für Regenfahrten gekauft habe. Halbhoch sind die, schwarz, mit roten Tulpen drauf. Sehr schick.

Daran sollte sich der Staat mal ein Beispiel nehmen, finden wir. Und nicht immer Geld ausgeben für den „unsinnigen Ausbau von Autobahnen“, wie Denis Reith vom Eisernen Steg hinab schimpft. Dann überbringt Heiko Nickel den Gruß aus dem Frankfurter Verkehrsdezernat.

Dort ist die Botschaft angekommen. „Wir bauen die Stadt in großem Stil um“, verspricht Nickel. Fahrradfreundlich. Ein bisschen Geduld brauche man da schon, wirbt Nickel um Verständnis. Die Versäumnisse der jahrzehntelangen Ausrichtung auf das Wohl des Autos ließen sich nicht in drei Jahren aufholen.

Eine andere Aufteilung des Straßenraums sei aber möglich, findet Rebecca Faller von der Initiative Radentscheid Frankfurt. Egal, ob auf der Friedberger oder der Berliner Straße. „Der Verkehr bricht nicht gleich zusammen“, sagt sie, wenn die Autos eine Spur verlören. Dann belegt sie Autos mit dem schönen Wort „Stehzeuge“. Also Fahrzeuge, die nicht fahren, sondern nur herumstehen und anderen den Platz versperren. Besagten Stehzeugen den Platz einzuschränken, helfe, den Radverkehr sicherer zu machen. Und: „Das macht die Stadt auch resilienter gegen den Klimawandel.“ Weil so mehr Raum für Bäume und Grünflächen entstehe.

Wer wolle, dass die Radrevolution schneller vorangehe, solle sich bei der Stadt bewerben, empfiehlt Heiko Nickel. „Wir haben Stellen frei“ – in Planung, Handwerk, Radstaffel des Ordnungsamts. Apropos. Die Polizei begleitet die Demo mit Motorrädern, nicht auf dem Rad. Sportlich ist das nicht gerade.

Auch Christoph Schmidt vom ADFC-Bundesverband legt einen Fehlstart hin. Seine Rede kann er nicht halten, die Bahn habe sich verspätet, lässt er ausrichten. Oder ist das in Radfahrkreisen ein Code für „bei dem Wetter bleibe ich lieber auf dem Sofa sitzen“?

Auch Ansgar Hegerland vom ADFC erregt den Verdacht des FR-Reporters. Erst sagt Hegerland, „wir müssen unsere Forderungen immer wieder auf die Straße bringen“. Dann vermeldet er via Twitter, er habe gerade zum ersten Mal seit eineinhalb Jahren einen Platten und falle darum aus. „So hätte ich das auch machen sollen“, denke ich mir.

Dann meldet sich Denis Reith nochmals zu Wort. Für manche werde die Strecke vielleicht anstrengend, auf die gelte es Rücksicht zu nehmen. Dankbar schließe ich den Mann für immer in mein Herz. Außerdem seien wir eine Demo, gibt uns Reith noch mit auf den Weg, es gehe nicht um Tempo. „Wir wollen gesehen werden.“

Das ist ganz in meinem Sinne. Zur gelben Warnweste trage ich noch die Regenhose in FR-Grün und unkomfortablem Vollgummi. Dann geht es endlich auf die Strecke. Freudiges Klingeln ertönt, viele haben bunte Lichter am Rad, einige auch Boxen, aus denen Musik ertönt. Schade nur, dass Menschen, die das Klima schützen wollen und somit auf der richtigen Seite stehen, nicht automatisch einen guten Musikgeschmack haben.

So quälen wir uns durch eine Kakophonie der sich überlagernden elektronischen Tanzmusik, traurig denke ich, „eine Revolution ohne Rockmusik ist eigentlich nichts wert“. Ich hänge mich an einen Teilnehmer, bei dem wenigstens Blondie aus dem Lautsprecher quäkt: One Day, or another, I’m gonna get ya. Mich hat sie jedenfalls. Am Eschersheimer Tor werden wir prompt geblitzt. Die Säulen dort hören gar nicht mehr auf, rotes Licht zu eruptieren. Die ganze Demo bekommt wohl einen Strafzettel, zumindest der Teil, der bei Rot gefahren ist.

Die Ordnerinnen und Ordner ficht das nicht an. Sie sperren Kreuzungen und Seitenstraßen ab, damit der Peloton ungestört durchkommt. Und hören sich manchen Spruch von genervten Autofahrerinnen und -fahrern an. Etliche Menschen am Straßenrand zücken auch das Handy und filmen den bunten Demozug. Kaum ist der vorbei, schwingen sich die Ordnerinnen und Ordner wieder aufs Rad und strampeln in Höllentempo links an der Demo vorbei zum nächsten Sperreinsatz. „Wie machen die das?“, frage ich mich keuchend. „Haben die einen Elektromotor?“

Der Wetterbericht hat übrigens gelogen. Es ist ein milder Abend ohne Regen. Trocken ist er dennoch nicht. Ich schwitze wie irre in meiner Regenmontur. Aber kurz anhalten und umziehen ist nicht, ich habe Angst, den Anschluss zu verlieren. Jörg Nowicki hat das besser hinbekommen. Seine Schutzkleidung klemmt lässig auf dem Gepäckträger. Außerdem hat er genug Puste, um zu plaudern.

„Es ist so schön, mal entspannt durch die großen Magistralen der Stadt zu fahren“, sagt er. Ohne sich von den Autos hetzen zu lassen. „Es ist die Umkehr der Machtverhältnisse“, legt Ute Haedecke noch einen drauf.

Das trifft es, immerhin biegen wir gerade auf die Autobahn ab. Mit dem Rad. Auf die A661 in Richtung Kaiserlei. Das ist schon ein erhabenes Gefühl. Zumindest die ersten paar Hundert Meter. An der Dippemess vorbei wird es langsam anstrengend. Beim Kaiserlei fahren wir ab, hier zieht sich die Strecke. Auf Höhe der Gerbermühle kann ich nicht mehr. Ein Ordner raunzt, ich solle aufschließen. Ich erkläre es ihm mit Goethe: „Lass’ mich in Ruh, Du Riesen Rind, spürst Du nicht den Gegenwind?“

Erstaunlich genug, ich stehe die Tour durch. Nie war ich glücklicher, den Eisernen Steg zu sehen. Denis Reith sagt kopfschüttelnd, „21.57 Uhr, so schnell waren wir nie“. Und: Christoph Schmidt vom Bundesvorstand des ADFC hat es tatsächlich vom Kölner Sofa aus hergeschafft. Er lobt uns und kritisiert den Verkehrsminister, der die Mittel für den Radverkehr kürze.

Ich will buhen, es fehlt mir die Kraft. Immerhin liegen 17 Kilometer hinter mir, dazu etliche Höhenmeter. Markus Behrendt tröstet mich. Er habe auch einmal klein angefangen, sagt er. Mit Radfahrten zur Post. Daraus wurde das Nachbardorf, dann ist er zwei Orte weiter gefahren. Seit vier Jahren habe er kein Auto mehr. Inzwischen sind 100-Kilometer-Touren kein Problem mehr für ihn. Eine solche plane er für den Sonntag. Das macht Hoffnung, die nächste Bike-Night fahre ich auf jeden Fall wieder mit.

Die Straße ist nass, während der Tour regnet es aber nicht mehr.
Die Straße ist nass, während der Tour regnet es aber nicht mehr. © Michael Schick
Viele haben ihr Rad geschmückt.
Viele haben ihr Rad geschmückt. © Michael Schick
Unterschreiben für ein klimaneutrales Frankfurt.
Unterschreiben für ein klimaneutrales Frankfurt. © Michael Schick

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