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Conchita Wurst, auf der Mondsichel thronend wie die Madonna, ist ein Werk des österreichischen Bildhauers Gerhard Goder. Zu sehen ist das provokante Werk im Frankfurter Bibelmuseum.
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Conchita Wurst, auf der Mondsichel thronend wie die Madonna, ist ein Werk des österreichischen Bildhauers Gerhard Goder. Zu sehen ist das provokante Werk im Frankfurter Bibelmuseum.

Frankfurter Bibelmuseum

Frankfurter Bibelmuseum: Göttlich divers

  • Andreas Hartmann
    VonAndreas Hartmann
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Das Frankfurter Bibelmuseum zeigt eine lange verschobene Ausstellung zu Geschlechtervielfalt in biblischen Zeiten - das Gendersternchen könnte hier manch fromme Seele provozieren.

Die Kunstfigur Conchita Wurst mag für manche ihrer Fans spätestens nach dem Sieg beim Eurovisions-Schlagerfestival 2014 eine Göttin sein - im Frankfurter Bibelmuseum thront die Sängerin mit dem Vollbart wie eine mittelalterliche Madonna auf der Mondsichel, eine himmlische Erscheinung, ausgeliehen tatsächlich schon aus dem renommierten Berliner Museum der Europäischen Kulturen. Die fast lebensgroße Skulptur des Bildhauers Gerhard Goder ist - wie die Dargestellte - eine Provokation und das wohl auffälligste Werk in der neuen Ausstellung des Frankfurter Bibelhaus-Erlebnismuseums.

Es ist eine Schau mit viel Konfliktpotenzial, wie schon der Titel „G*tt w/m/d“ ahnen lässt, ja, tatsächlich mit Gendersternchen und Geschlechtsbezeichnungen wie in einer modernen Stellenausschreibung. Das Frankfurter Bibelhaus, über dessen Schließung im vergangenen Jahr debattiert wurde, wagt sich damit nach langer Vorbereitung an ein Thema, das gerade die Gesellschaft bewegt.

Zufällig leuchtet just zur Eröffnung der Ausstellung das Frankfurter Waldstadion als Protest gegen die homosexuellenfeindliche Politik der ungarischen Regierung in Regenbogenfarben und auch das Bibelhaus wirbt mit dem bunten Banner an seiner Fassade. Es dürfte interessant werden, welche (Shit-)Stürme in den kommenden Wochen über das kleine Museum niedergehen werden.

Die neue Ausstellung zerfällt in zwei Teile: Der eine, religionsgeschichtliche, dürfte theologisch wenig angreifbar sein, der andere, gegenwartsbezogene, manch frommes Gemüt aber doch gehörig provozieren. Schon das Gendersternchen birgt da ja eine Menge Konfliktpotenzial.

Die Ausstellung

Zu sehen ist „G*tt, w/m/d“ bis zum 19. Dezember im Frankfurter Bibelhaus-Erlebnismuseum, Metzlerstraße 19, Tel. 069/664 265 29, dienstags bis samstags von 10 bis 17 Uhr, sonntags von 14 bis 17 Uhr. Das Museum wird großteils von der evangelischen Landeskirche finanziert. Auch virtuell lässt sich die Ausstellung besuchen. www.gott-wmd.de. Wegen der Corona-Pandemie wurde die für Dezember 2020 geplante Eröffnung verschoben.

Begleitet wird die Schau, die wertvolle Leihgaben unter anderem aus Nürnberg, Berlin, Wolfenbüttel und Jerusalem zeigen kann, von der Deutschlandpremiere des Theaterstücks „The Gospel according to Jesus, Queen of Heaven“ von Jo Clifford in der Übersetzung von Brix Schaumburg, der im September auch die Titelrolle übernimmt. aph

Dass der biblische Gott kein Geschlecht hat, wird im Alten wie Neuen Testament immer wieder betont, wenn auch die Bilder, die sich die Menschen (trotz des Verbots, sich ein Bildnis von der Göttlichkeit zu machen) schufen, gerne mal einen alten Mann mit Rauschebart über den Wolken schwebend zeigen. In der Ausstellung wird das doch sehr traditionelle Gottesbild schön illustriert in einer berühmten, prachtvollen lutherschen Bibelübersetzung mit den Holzschnitten des Luther-Freundes Lucas Cranach. Das ist der liebe Gott, im Wortsinne wie aus dem Bilderbuch und so jahrhundertelang kaum hinterfragt.

„Dabei heißt es etwa beim Apostel Paulus im Galaterbrief: Es gibt nicht mehr Juden noch Griechen, nicht mehr Sklaven noch Freie, nicht mehr männlich noch weiblich; denn ihr seid alle eins in Christus“, sagt Pfarrer Veit Dinkelaker, Direktor des Bibelhauses und einer der beiden Kuratoren der Ausstellung mit dem Sternchen. Schon in der Antike und das gesamte Mittelalter hindurch habe ein heftiger Streit unter den Theologen getobt, ob Adam von Gott eigentlich als Mann oder als zweigeschlechtliches Wesen geschaffen worden sei, sagt Dinkelaker. „Sogar Luther hat sich noch damit beschäftigt.“

Wie ist das eigentlich mit dem Geschlecht Gottes? Und wie viel Raum bietet der (christliche) Glaube für Menschen, die schwul, lesbisch oder transsexuell sind? Leider nicht besonders viel, meint Brix Schaumburg, laut Museum der erste offiziell geoutete transgender Schauspieler. „Deshalb ist es so wichtig, dass es jetzt eine Ausstellung wie diese gibt“, sagt der Transmann, der im Auftrag des Museums das englischsprachige Theaterstück „Jesus Queen of Heaven“ der Transgender-Autor:in Jo Clifford ins Deutsche übersetzt hat und hier aufführen will. In Brasilien schlug das Stück 2018 riesige Wellen, über ein Verbot wurde diskutiert, gegen die Hauptdarstellerin gab es Todesdrohungen. Wie wird wohl das deutsche Publikum reagieren?

Dinkelaker und sein Kollege, der Archäologe Martin Peilstöcker, haben trotz der Corona-Pandemie außergewöhnliche Exponate zusammengetragen. „Es war teils sehr schwierig“, sagt Peilstöcker. „Viele Museen wollten nichts riskieren, und wir konnten auch nicht reisen und uns interessante Stücke vor Ort ansehen.“

Es ist dann aber doch einiges Hochinteressantes nach Frankfurt gereist, Leihgaben der Staatlichen Museen zu Berlin, der Herzog-Anton-August-Bibliothek in Wolfenbüttel oder des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg. Raritäten ersten Ranges sind etwa ein 10 000 Jahre alter Schädel aus Jericho oder die antike Statue des zweigeschlechtlichen Gottes Bes, erst vor drei Jahren in Israel entdeckt und nun erstmals überhaupt in Deutschland zu sehen, wie Peilstöcker stolz berichtet.

Wer genau hinschaut, wird noch viel mehr entdecken in der Ausstellung - das muss man ja nicht alles glauben, aber vielleicht gibt sie doch Denkanstöße.

Provokantes T-Shirt: Eines der Exponate der Ausstellung im Frankfurter Bibelmuseum.
Sieht so Gott aus? Darstellung als alter Mann mit Bart in der von Lucas Cranach illustrierten Lutherbibel (rechts unten).
Brix Schaumburg zeigt das Stück „Jesus Queen of Heaven“.
Die Regenbogenfahne an der Fassade des Bibelhauses.
Pfarrer Veit Dinkelaker ist der Direktor des Museums.
Uta Ranke-Heinemanns Bestseller erschien 1988.

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