+
Abschiednehmen am Grab geht auch in Corona-Zeiten - allerdings nur im kleinen Kreis.

Abschiednehmen

Frankfurter Bestatterin: „Der persönliche Verlust überwiegt“

  • schließen

An Bestattungen dürfen in Zeiten von Corona nur noch wenige Menschen teilnehmen.  

Nicht nur das Alltagsleben vieler Menschen hat sich durch die Corona-Krise verändert, auch das Abschiednehmen von Verstorbenen. Schon seit dem 19. März sind die Trauerhallen der Frankfurter Friedhöfe geschlossen, die Bestattungen finden im Freien mit maximal fünf Trauergästen statt.

Die Frankfurter Trauerrednerin Stephanie Riechwald findet die Beschränkungen absolut notwendig, bedauert aber, dass keine großen Trauerfeiern mehr möglich sind. „Jeder Angehörige muss sich den Raum nehmen, den er braucht“, sagt sie. „Ich habe schon sehr schöne kleine Trauerfeiern gehabt, aber jetzt gibt es keine Wahl mehr.“ Für die Angehörigen sei es besonders wichtig, Rituale zum Abschiednehmen zu haben.

Bestatter Björn Gwaltney von Schulz-und-Gwaltney-Bestattungen in Höchst berichtet, dass die Menschen mit Verständnis auf die neue Situation reagieren. „Wir hatten in der ersten Woche der Einschränkungen zwei Bestattungen. Vier andere haben wir verschoben.“ Menschen, deren Angehörige eine Urnenbestattung wollen, verschieben die Beisetzungen häufig auf später. „Viele wollen aber auch nicht, dass nach längerer Zeit der Trauerprozess wieder von vorne losgeht.“ Die Bestattungen, die stattfinden, unterschieden sich deutlich von jenen vor Corona. „Der Pfarrer stand auf Abstand, auch die Angehörigen haben untereinander Abstand gehalten. Wir haben vor allem mit Menschen über 65 zu tun, die gehören alle zur Risikogruppe“, sagt Gwaltney.

Um den Angehörigen trotzdem ihr Beileid auszudrücken, seien manche kreativ geworden. So hätten bei einer Beerdigung Menschen in einiger Entfernung zum Grab ein Schild hoch gehalten mit der Aufschrift: „Wir denken an euch“.

Neue Rituale

Sabine Kistner von Kistner- und-Scheidler-Bestattungen berichtet, die Menschen dächten sich angesichts der Einschränkungen neue Rituale aus. Am Grab werde Musik gespielt, Bilder würden aufgestellt. „Wir hatten auch mit nur fünf Personen am Grab einige sehr schöne Trauerfeiern.“ Wer später noch in größerem Kreis Abschied nehmen wolle, könne sich beispielsweise Ersatzfeiern überlegen, etwa am Geburtstag des Verstorbenen.

Ähnliches plant ein 34-jähriger Frankfurter, der vor kurzem seinen Vater verloren hat. In Darmstadt, wo die Bestattung stattfand, dürfen zehn Menschen dabei sein. „Es war trotzdem sehr schön, obwohl wir nur zu zehnt waren“, erzählt er. „Für uns Angehörige war es auch entlastend, weil wir keine große Trauerfeier organisieren mussten.“ Statt Livemusik seien Lieder vom Band gespielt worden. „Nach der Beerdigung haben wir mit Abstand noch Stunden in der Mittagssonne auf dem Friedhof zusammengestanden. Mit dem Wissen, dass man die Trauerfeier nachholen kann, war das in Ordnung.“ Das soll im Sommer geschehen, dann mit Livemusik.

Aber gibt es auch Konflikte, weil zum Beispiel in Frankfurt nur noch fünf Menschen an einer Beisetzung teilnehmen dürfen? Immerhin kann das in manchen Familien bedeuten, dass nicht einmal alle Geschwister und die engste Familie dabei sein können.

Viel Verständnis und Rücksichtnahme

Bestatterin Kistner sagt, dass aufgrund dieser Regel die Menschen, die andernfalls von weiter entfernt anreisen würden, nun gar nicht erst kämen. Es gebe aber viel Verständnis und Rücksichtnahme. „Für die engsten Angehörigen wird der Raum freigehalten.“ Die Angehörige eines Verstorbenen habe ihr erzählt, die Corona-Welle gehe an ihr vorüber, sie befolge die Handlungsanweisungen wie im Traum. „Der persönliche Verlust überwiegt“, meint Kistner, die es als ihre Aufgabe sieht, Sicherheit auszustrahlen, damit die Angehörigen würdig Abschied nehmen können. An ihrer Arbeit hat sich einiges geändert: „Statt Händeschütteln sind wir zu Ersatzgebärden übergegangen.“ Es tue gut zu hören, wenn die Menschen dankbar für ihre Begleitung sind. Ein Angehöriger habe unlängst zu ihr gesagt: „Wenn das alles vorbei ist, will ich Sie in den Arm nehmen.“

Viel schlimmer als die Einschränkungen bei Trauerfeiern finde sie, „dass Menschen im Krankenhaus wegen der Besuchsverbote einsam sterben müssen“, sagt Kistner. Ihr ist es dennoch wichtig darauf hinzuweisen, dass wir in Deutschland das Privileg einer guten Gesundheitsversorgung genießen und Patienten im Krankenhaus Schmerzmittel bekommen können, die das Sterben weniger schmerzhaft machen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare