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Philipp Höhler ist Humor wichtig.
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Philipp Höhler ist Humor wichtig.

PORTRÄT DER WOCHE

Frankfurter Beschwerdechor: Die Verantwortung auf alle verteilen

  • George Grodensky
    VonGeorge Grodensky
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Philipp Höhler leitet den Frankfurter Beschwerdechor. Musikalisch mag er den Ton angeben. Doch für alles Weitere verfolgt er eine andere Philosophie.

Philipp Höhler ist kein klassischer Chorleiter. Der 58-Jährige sieht sich eher als Moderator. Musikalisch gibt er den Ton vor, das schon. Aber für alles mag er nicht verantwortlich sein. „Ihr singt nicht im Chor, Ihr seid der Chor“, hat er seinem Ensemble eingeschärft. Und das funktioniert, immerhin handelt es sich um den „Frankfurter Beschwerdechor“. Eine diskussionsfreudige Gruppe, politisch eher links, kritisch und mit Freuden selbstbestimmt.

Entsprechend vorsichtig geht Höhler die aktuellen Corona-Lockerungen für Chöre an. Die dürfen zwar wieder in geschlossenen Räumen singen. Aber nur mit den drei „G“ – geimpft, getestet, genesen. „Ich werde das nicht bestimmen, auch nicht Impfpässe oder Tests kontrollieren.“ Da steht dem Moderator also eine größere „basisdemokratische“ Debatte bevor.

Höhler hat gelernt, sich nicht um alles zu kümmern. „Dann laufen Prozesse von selber.“ Zumal er in seinem Leben noch nie ein Mobiltelefon besessen habe. Computer, ja, Tablet auch, aber kein Telefon-to-go. „Ich komme nicht einfach zehn Minuten zu spät zu einer Verabredung, dann sollten die anderen eben auch nicht zu spät kommen.“ Der Vorteil bei Organisationsaufgaben: Es kann nicht ständig jemand anrufen und um Rat fragen. Selber entscheiden ist die Devise.

In der Pandemie hat der Beschwerdechor zunächst im Saal mit offenen Türen und Fenstern gesungen, dann auf dem Hof, schließlich auf den Campus der Goethe-Uni. Im Winter haben die Sängerinnen und Sänger pausiert, ein harter Kern hat sich einmal die Woche online getroffen, zu Vorträgen, Themenabenden, Geplauder. Nun wollen sie wieder an die frische Luft. Aber dann schon singen oder erst reden? Höhler lacht. Er ist auf alles vorbereitet.

Das ist so seine Art. Er ist ein Mensch, der gerne einfach mal macht, was Überraschendes, was Albernes, etwas, das schiefgehen könnte – oder auch nicht. „Das ist meine Botschaft“, sagt er. Wer es nicht probiert, kann nicht sagen, wie es ausgeht. Mit Anfang 30 hatte der gebürtige Frankfurter sein „Leben optimiert“, wie er sagt. Er lebte in einer stabilen Beziehung mit einem liebevollen Freund, hatte Orte definiert, an denen er essen geht, andere, an denen er am Wochenende ist. Und trotzdem war er unzufrieden. „Was mir gefehlt hat, war die Überraschung.“ Dass er sich auch mal selber verblüfft. Höhler beschloss: „Jetzt machst du mal Dinge, die du nicht so gut durchdacht hast.“ Wagemutig auf eine Bühne treten und einfach loslegen etwa.

„Ich warte nicht mehr auf die gute Gelegenheit, auf den richtigen Moment mit der bestmöglichen Vorbereitung.“ Für den Frankfurter Ableger des Eurovisions-Gesangswettbewerbs „Kein Lied für Riga“ entwickelt Höhler die passende Figur, sein Alter Ego „Tony Riga“. Später heißt der Wettbewerb „Kein Lied für Germany“, Tony Riga bliebt regelmäßiger Teilnehmer. Der natürlich „musikalisch nicht festgelegt“ ist. Pop, Chanson, Schlager. „Wenn es schön ist, singe ich es. Wenn es mir nicht gefällt, mache ich es schön oder wenigstens lustig.“

Gemeinsam singen

Beim Singen und Sprechen stoßen Menschen mehr Aerosole aus als beim normalen Atmen. Die Gefahr einer Ansteckung durch Corona steigt also. Viele Chöre sind darum im vergangenen Jahr mit ihren Proben aus den gewohnten Räumen hinaus an die frische Luft ausgewichen.

In der aktuellen Inzidenzlage , langzeitig unter 50, sind für Laiensängerinnen und Sänger auch wieder Proben in geschlossenen Räumen möglich. Mit Tests, Hygienekonzept und Impfnachweisen. Abstandsregel und Maskenpflicht gelten weiter. Der Verband Hessischer Sängerbund stellt die Regeln detailliert in einem Merkblatt auf seiner Website zur Verfügung.

Auch der Deutsche Chorverband hat einen Leitfaden für Chorproben entwickelt, von Raumwahl über rechtliche Belange von Proben im Freien bis zur Anleitung für Hygienekonzepte. sky

www.hessischer-saengerbund.de
www.deutscher-chorverband.de

Flexibel sein hilft ihm, auch als Conférencier (gemeinsam mit Chantal Chabraque) der Alte-Liebe-Revue. Die kultige Kneipe in Sachsenhausen bittet vierteljährlich zum Varieté-Wochenende mit Gesang, Burlesque, Jonglage, Artisten. Oder beim Chansonabend im Restaurant Maaschanz, ebenfalls mit Kollegin Chabraque. Wieder überrascht sich Höhler selbst: „Ein Deutscher, der im französischen Restaurant portugiesischen Fado singt.“ Warum Fado? „Weil er mir gefällt.“

Im Urlaub auf Madeira entdeckt Höhler den wehmütigen Gesang der Portugiesen. Ein Schild belehrt ihn zwar, man könne den Fado nicht lernen, man müsse als Fadista geboren sein. Höhler lässt sich von solchen Ermahnungen aber längst nicht mehr abschrecken.

Einen flüchtigen Facebook-Bekannten bittet er, die Texte zu übersetzen. Daraus entsteht eine intensive Freundschaft mit etlichen Besuchen in Portugal. „Natürlich gibt es Menschen, die den Fado besser singen als ich“, sagt Höhler. „Aber nicht hier, in diesem Moment, im Restaurant Maaschanz in Frankfurt Sachsenhausen vor zehn Zuschauerinnen und Zuschauern.“

Musikalisch aktiv ist er schon lange. Er studiert Musikwissenschaft. Auf der Arbeit, in der Deutschen Nationalbibliothek, gründet er aus dem Nichts einen Chor. Eine ulkige Episode. Zur Eröffnung des Neubaus wünscht sich der Chef von ihm, dem Musikwissenschaftler, ein Musikprogramm. Aber ohne Budget. „Dann müssen wir wohl selber singen“, sagt Höhler und macht einen Aushang im Betrieb. Chor sucht Mitglieder. Zu seiner Überraschung melden sich 14 Kolleginnen und Kollegen.

Für die erste Zusammenkunft reserviert Höhler frech den Saal des Direktoriums, da sitzen sie dann im Angesicht der ehemaligen Direktoren in Öl auf Leinwand und hecken den Chor der Deutschen Nationalbibliothek aus. Höhler wird Leiter, er hat die anderen schließlich angestachelt.

„Wir haben uns eine gewisse Freiheit geschaffen“, erinnert er sich. Höhler traut sich, freche Texte zu dichten, er ist ja nicht alleine, hat inzwischen 25 Stimmen um sich herum. Und der Chor singt bereitwillig jeden Unfug mit, die Mitglieder zeigen einfach auf Höhler: Der hat’s getextet.

So landet er schließlich beim Beschwerdechor, dort hört der Leiter aus gesundheitlichen Gründen auf, ein Nachfolger muss her. Höhler kommt gut an. „Das sind alles Individualisten, wie ich“, sagt er. Geholfen habe ihm auch die Ausbildung als Konfliktmediator im Betrieb. Das klingt strenger, als er es meint. Er mag seine Truppe. „Wir prangern Missstände an, sind aber keine Wutbürger“, sagt er. Der Chor hat einfach Spaß, das soziale Miteinander stehe im Vordergrund. Man nehme die Musik ernst, aber das mit Humor. Eine seiner Grundregeln: Es muss nicht toll klingen, aber es muss liebevoll sein.

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