Interview mit der Vorsitzenden

AWO-Skandal in Frankfurt – Präsidium räumt ein: „Die Kontrolle hat vollständig versagt“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
    schließen

Petra Rossbrey, Vorsitzende des AWO-Präsidiums, spricht über das zu hohe Gehalt für Zübeyde Feldmann, die Aufarbeitung des Skandals. Und sie spürt neue Aufbruchstimmung.

  • Zübeyde Feldmann, Ehefrau von Oberbürgermeister Peter Feldmann in Frankfurt, hatte in ihrer Funktion als Leiterin einer Awo-Kita ein zu hohes Gehalt bekommen
  • Der Vorfall entwickelte sich zu einem Skandal rund um die Awo und das Ehepaar Feldmann
  • Awo-Vorsitzende Petra Rossbrey äußert sich nun zu den Geschehnissen

Frau Rossbrey, als Sie vor einem halben Jahr neue Vorsitzende des AWP-Präsidiums Frankfurt wurden, merkte man Ihnen an, dass Sie persönlich sehr von den Verfehlungen einiger AWO-Funktionäre getroffen waren. Wie geht es Ihnen heute damit?

Die ganze Sache berührt mich emotional noch immer, und es ist auch immer noch viel Arbeit. Mein Ehrenamt fühlt sich für mich an wie ein Hauptamt. Ich komme sehr häufig, oft jeden Arbeitstag in der Woche, hierher. Wir stecken mit der AWO noch immer in einer sehr angespannten Phase. Wir bemühen uns, das Geschehene aufzuarbeiten, aber gleichzeitig auch das wirtschaftliche Überleben des Kreisverbands mit seinen 1100 Beschäftigten zu sichern. Das ist uns gelungen. Dazu kam dann noch die Corona-Pandemie.

Der wirtschaftliche Schaden durch führende AWO-Funktionäre allein von 2015 bis heute beträgt 4,5 Millionen Euro. Wie ist so etwas überhaupt möglich gewesen?

Durch eine völlige Abwesenheit von Kontrolle, durch große Vertrauensseligkeit und durch ein unterschwelliges Misstrauen gegenüber betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten. Ich bekomme auch heute noch zu hören: Aber wir sind doch ein soziales Unternehmen. Dann sage ich: Aber die Regeln guter Unternehmensführung gelten auch bei uns.

Awo Frankfurt: Die Kontrolle hat versagt - Auch Uli Nissen laut Awo-Vorsitzende

Es gab doch Rechnungsprüfer und Revisoren.

Die Kontrolle hat vollständig versagt. Gewisse Dinge hätte man einfach sehen können und müssen. Wenn 2019 der Jahresabschluss 2018 nicht vorliegt, dann müssen bei den Verantwortlichen alle Alarmglocken schrillen. Der Abschluss wurde dann erst im Sommer 2019 in Auftrag gegeben. Das ist völlig unverständlich, und bei einem Unternehmen mit einem Umsatz von 70 Millionen Euro unglaublich und nicht hinzunehmen.

Eine der Revisorinnen war die SPD-Bundestagsabgeordnete Uli Nissen. Konnten Sie mit ihr darüber sprechen, was haben Sie ihr gesagt?

Wir haben miteinander gesprochen und ich habe ihr gesagt, dass das in meinen Augen Versagen war. Sie hat argumentiert, dass sie überlastet war. Ich gehe davon aus, dass auch sie zu viel vertraut und nicht genug hingeschaut hat, wie alle anderen auch.

Wie sehen Sie das Verhalten des Ehepaares Feldmann? Zübeyde Feldmann, die Leiterin einer AWO-Kita war, hat ja mittlerweile Geld an die AWO zurückgezahlt.

Sie hat das zurückgezahlt, was sie zu viel an Gehalt und zu viel an Dienstwagen bekommen hatte. Sie war im Vergleich zu anderen Kita-Leiterinnen eindeutig zu hoch eingestuft worden, und auch ein Dienstwagen stand ihr nicht zu.

Awo Frankfurt: Rekonstruktion des Skandals um Feldmann

Wie konnte es dazu kommen?

Das hatte Hannelore Richter angeordnet, die Ehefrau des Geschäftsführers Jürgen Richter.

Was hatte die damit zu tun, die war doch Geschäftsführerin der AWO Wiesbaden?

Sie war aber auch Sonderbeauftragte der AWO Frankfurt, und vor allem war sie die Frau vom Chef in Frankfurt.

Zur Person

Petra Rossbrey wurde am 21. Februar 2020 zur neuen Vorsitzenden des Präsidiums der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Frankfurt gewählt. Die 60-jährige Juristin war zuvor lange Zeit Geschäftsführerin einer Service-Tochtergesellschaft der Flughafengesellschaft Fraport gewesen. Die Sozialdemokratin ging Ende vergangenen Jahres in dieser Funktion in den Ruhestand.

Konnten Sie rekonstruieren, wie das ablief mit der Höherstufung von Frau Feldmann?

Frau Richter hat einfach die reguläre Einstufung durchgestrichen und eine höhere eingetragen. Der Kreisverband war stark auf Jürgen Richter und seine Ehefrau zugeschnitten. Ihr Posten als Sonderbeauftragte diente dazu, ein zweites Gehalt notdürftig zu begründen.

Awo Frankfurt: So kann man solche Vorkommnisse in Zukunft vermeiden

Was macht Frau Feldmann heute?

Sie leitet eine AWO-Kita, mit üblichem Gehalt und ohne Dienstwagen.

Wie beurteilen Sie, dass eigens eine Position für Peter Feldmann bei der AWO eingerichtet wurde, die dann entfiel, als er 2012 Oberbürgermeister wurde?

Das beurteile ich im Augenblick noch gar nicht, das schaue ich mir persönlich an. Jetzt stehen erst mal die Arbeitsprozesse im Vordergrund. Wir werden in unseren Recherchen noch weiter zurückgehen in diese Zeit.

Wie kann man verhindern, dass sich die Vorgänge bei der AWO wiederholen?

Wenn sie Menschen keine Grenzen setzen und sie nicht kontrollieren, dann läuft es auch bei sehr ehrlichen Menschen oft aus dem Ruder. Ich nehme an, dass früher die Grenzen von Erich Nitzling gesetzt wurden, dem früheren Vorsitzenden der AWO, der mit harter Hand regiert hat. Erst nach seinem Tod fingen die Missstände an.

Wie ist die Stimmung bei den Beschäftigten?

Gott sei Dank haben unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mit den Menschen zu tun haben, sich nie abgewandt. Sie haben immer einen guten Job gemacht. Ich habe nie an ihnen gezweifelt. Im Gegenteil: Ich spüre eine Aufbruchsstimmung.

Awo Frankfurt: Streit um Geld mit Stadt Frankfurt

Wie wollen Sie den guten Ruf der Arbeiterwohlfahrt wieder herstellen?

Durch Gespräche, Gespräche, Gespräche. Unseren Zwischenbericht habe ich zuerst den anderen Wohlfahrtsverbänden vorgestellt, dann den Stadtverordneten, dann der Öffentlichkeit. Wir haben in der Vergangenheit oft nicht gut kommuniziert.

Sie streiten sich mit der Stadt um 600 000 Euro.

Das ist eine Meinungsverschiedenheit. Die Stadt denkt, sie hat diese Summe zu viel an uns gezahlt, wir denken, wir haben das Geld zu Recht bekommen. Es geht um Geld für die mittlerweile aufgelösten Flüchtlingseinrichtungen. Wir sind mit der Stadt darüber im Gespräch.

(Von Claus-Jürgen Göpfert)

Rubriklistenbild: © Boris Roessler

Kommentare