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Kyra Beninga auf dem Campus Bockenheim.

Porträt der Woche

Frankfurter Asta-Vorsitzende: Viel Herzblut und wenig Zeit

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Für die Vorsitzende des Frankfurter Studierendenausschusses Asta, Kyra Beninga, ist jeder Lebensbereich politisch.

Der bei manchen Großeltern beliebte Vorwurf „Die jungen Leute interessieren sich nicht für Politik“ ist schon seit einiger Zeit leicht zu widerlegen. Wo man hinschaut, ist die Jugend politisch. Auf der Straße demonstrieren die Fridays-for-Future-Gruppen für den Schutz unseres Planeten, auf Tik-Tok und Instagram tauschen sich junge Menschen über Feminismus und effektive Proteststrategien aus.

Für Kyra Beninga, Jahrgang 1993, ging es etwas später los. Zwar war Politik stets präsent in ihrem Leben, Erzählungen aus den marxistischen Studierendengruppen des Vaters hörte sie schon am Frühstückstisch. Ein konkretes, eigenes politisches Interesse entwickelte sie dann aber, wie so viele Kinder der Neunziger (die Autorin eingeschlossen), erst im Studium.

Nach zwölf Semestern bringt Beninga als Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) nun ihre eigenen Anliegen auf den Tisch. Insbesondere für ihre Herzensthemen Wohnraum und Gleichberechtigung opfert sie nicht nur ihre Zeit im Asta, sondern jede freie Minute, die sich anbietet.

Während wir während des Gesprächs im Bockenheimer Café Crumble sitzen, klingelt ihr Smartphone ständig. Es gehe um ein Interview, das sie für eine Freundin organisiert habe, erzählt Beninga, bevor sie das Handy entschlossen zur Seite legt. Und zu Semesterbeginn gebe es immer einiges zu tun.

Diese Woche beginnt das Wintersemester an der Gothe-Universität in Frankfurt und wird mit Party, Begrüßung und Messe gefeiert.

Bis jetzt haben sich mehr als 8100 Erstsemester eingeschrieben. Besonders nachgefragt seien die Studiengänge Betriebs- und Volkswirtschaftslehre Psychologie und Rechtswissenschaften.

Die Universitäten in Hessen rechnen mit Zigtausenden Studienanfängern. dpa

Eigentlich studiert die gebürtige Frankfurterin Gymnasiallehramt in Politik und Wirtschaft, Deutsch und Darstellendes Spiel. Letzteres sei ihr besonders ans Herz gewachsen. Im Schulpraktikum habe sie gesehen, wie viel Spaß es den Kindern bereitet habe, ihre Lektüre szenisch nachzustellen. Aber ob sie sich in Zukunft als Lehrerin an einer Schule sieht, das bezweifelt Beninga. Mit ihrem Grundstudium sei sie bereits fertig, die Abschlussarbeit stehe bevor.

Mit dem Schreiben muss sie sich aber noch gedulden, denn für akademische Aufgaben hat Beninga aufgrund ihrer Hochschulämter in diesem Jahr wenig Zeit. Das sei auch ein großes Problem für das studentische Engagement, bemerkt sie. Viele Studierende könnten es sich nicht mehr leisten, neben Studium und Lohnarbeit auch noch ein Amt in der Hochschulpolitik zu übernehmen. Beninga selbst kann sich durch ein Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung ihre Mitarbeit im Asta leisten. Seit zwei Jahren ist sie als Mitglied der Jusos Vorsitzende, in diesem Jahr kam noch ein Sitz im Senat der Universität hinzu. Die Arbeit dort sei ihr das längere Studium wert. „Ich hänge da mit viel Herzblut dran“, sagt sie. Zeit für sich nimmt Beninga sich eher selten. Die zwanzig Minuten Fahrradweg zur Uni seien gut, um den Kopf frei zu machen, erzählt sie. Aber kaum angekommen, gehe es auch schon weiter.

Gerade laufen im Asta die Vorbereitungen zum Indoor Camp für Neuankömmlinge der Universität, die in Frankfurt noch keine Unterkunft gefunden haben. Auf das Projekt ist Beninga sehr stolz. Die problematische Wohnungssuche in Frankfurt habe sie, wie so viele Studierende, selbst erlebt. Auch die zunehmende Gentrifizierung der Wohnviertel beobachtet sie kritisch. Mittlerweile lebt sie im Ostend und spricht dort regelmäßig mit Nachbarn, die seit dem Einzug der EZB Angst vor höheren Mieten haben.

Wenn man versucht, Beninga nach etwas nicht Politischem zu fragen, wie etwa nach ihren Hobbies, dann versucht sie zumindest, mit etwas nicht direkt Politischem zu antworten. „Ich lese unheimlich gern“, erzählt sie. Was sie denn lese? „Ich bin in zwei Lesekreisen, in dem einen lesen wir feministische Aufsätze und in dem anderen ‚Das Kapital‘ von Marx.“ Sehr unpolitisch, also.

Aber je länger man mit Beninga spricht, desto mehr zeigt sie, dass sich ihre Interessen nicht einfach in Kategorien wie „Freizeit“ und „Arbeit“ einordnen lassen. Das gehöre einfach zu ihrem Wesen, erläutert sie.

Daher ist sie auch nicht sicher, wie es nach der eines Tages geschriebenen Abschlussarbeit weitergehen soll. Ein politisches Amt in einer Partei schließt sie allerdings aus: „Ich könnte nie aufgrund von einem Koalitionszwang gegen mein Gewissen handeln.“ Stattdessen überlegt sie, wie sie sich weiter für ihr Herzensthema Wohnen einsetzen könnte, zum Beispiel in der Dezernatsarbeit oder beim Bündnis Mietentscheid. Eine „erfüllende“ Arbeit.

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