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Frankfurter Architekt: „Holzbauweise wird die Zukunft sein“

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Von: Christoph Manus

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In Frankfurt wird zunehmend mit Holz gebaut. Hier ein Blick in den Rohbau des Holz-Hybrid-Bürohauses Timber Pioneer, das im Europaviertel entsteht.
In Frankfurt wird zunehmend mit Holz gebaut. Hier ein Blick in den Rohbau des Holz-Hybrid-Bürohauses Timber Pioneer, das im Europaviertel entsteht. © Monika Müller

Der Frankfurter Architekt Moritz Kölling spricht im Interview mit der FR über neue Quartiere für Frankfurt, das Bauen in Zeiten der Klimakrise und einen anderen Umgang mit Bestandsgebäuden

Herr Kölling, wie stark trifft der Einbruch des Baugeschehens die Architektinnen und Architekten in Frankfurt und der Region?

Dass infolge der Pandemie, der Preisanstiege und der gewachsenen Unsicherheiten derzeit weniger gebaut wird, ist schon sehr deutlich spürbar. Uns Planerinnen und Planern zeigt sich das daran, dass Projekte ins Stocken kommen oder auf die lange Bank geschoben werden, dass die Zahlen an Baugenehmigungen rückläufig sind. Büros, die stark auf Wohnungsbau spezialisiert sind, haben sicher größere Probleme. Der Wille zu Investitionen ist aber gerade in der finanzkräftigen Region Frankfurt weiter da – und wir sind optimistisch, dass sich das nicht ändern wird.

Anfang Dezember haben 17 Verbände und Kammern, darunter der Bund deutscher Architektinnen und Architekten (BDA), gemeinsam eindringlich vor einer Abwärtsspirale beim Wohnungsbau gewarnt, die dramatische Folgen für die Versorgung mit Wohnraum habe. Was müsste denn aus Ihrer Sicht geschehen?

Die Befürchtungen teile ich. Gerade in Frankfurt und Region müsste dringend mehr bezahlbarer Wohnungsbau entstehen. Die Baukosten sind in den vergangenen beiden Jahren aber derart gestiegen, dass dieses Ziel kaum erreicht werden kann. Eine Forderung des BDA ist es, bewusst einfacher zu bauen, wie es etwa unsere Kollegen Schneider + Schumacher vor einigen Jahren für die ABG in Oberrad vorgemacht haben. Nötig wäre es zudem, allgemein bestimmte Standards zu reduzieren.

Inwiefern?

Die Vorgaben aus DIN-Normen für das Bauen sind in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Einiges davon sollten wir in Frage stellen, zum Beispiel beim Schallschutz. Ist es so schlimm, wenn man mal ein Geräusch aus dem Treppenhaus oder der Nachbarwohnung hören kann? Vielleicht sollten wir unsere Ansprüche an Behaglichkeit überdenken. Wir müssen aber auch darüber reden, dass viele Rahmenbedingungen gesetzt sind, bevor Architekt:innen mit ihrer Arbeit beginnen. Ein Beispiel dafür sind die Bodenpreise, die enorm gestiegen sind. Architektur kann ihr Potenzial erst entfalten, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Deswegen engagiert sich der BDA beispielsweise auch im Bündnis Bodenwende.

Wie beobachten Sie und der BDA Frankfurt die Diskussion über neue Wohngebiete an der A5 in den politischen Gremien?

Eigentlich sehr positiv. Es ist ganz hervorragend, dass nach Vorlage des Zwischenberichts nun die nächsten Schritte eingeleitet werden können. Denn dort im Frankfurter Nordwesten kann dringend benötigter bezahlbarer Wohnraum in zukunftsweisenden Quartieren entstehen. Dass es in Teilen des Umlands Abwehrhaltung gegen die Pläne gibt, ist schwer nachvollziehbar. Die Gemeinden der Region sollten bei der Schaffung von Wohnraum konstruktiver zusammenarbeiten und Chancen suchen.

Gegen neue Baugebiete auf der grünen Wiese oder Grünflächen in der Stadt gibt es immer mehr Widerstand – zum Teil mit Erfolg. Der Bau der Günthersburghöfe im Nordend, an dessen städtebaulichem Konzept Ihr Büro beteiligt war, ist vom Tisch ...

Das ist ein Fall, in dem das Wirken von Bürgerinitiativen die Mehrheiten in der Politik verändert hat. Aus meiner Sicht sollten bei der Diskussion über Baugebiete ökologische, ökonomische und soziale Aspekte nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Kritik an Eingriffen in das Grün ist durchaus berechtigt, gerade deshalb ist es beim Entwickeln von Quartieren wichtig, qualitätvolle, zukunftsgerechte und dichte Strukturen zu schaffen. Ganz ohne Außenentwicklung wird es nicht gelingen, die weiterhin hohe Nachfrage gerade nach günstigem Wohnraum in Frankfurt zu decken. Wir müssen ehrlich sein: Konversion zu betreiben und nachzuverdichten, wird nicht ausreichen.

Ist es denn in Zeiten der Klimakrise vertretbar, Ackerflächen zu bebauen oder Grün in der Stadt zu versiegeln?

Zur Person

Moritz Kölling (52) ist Vorsitzender der Frankfurter Gruppe des Bundes deutscher Architektinnen und Architekten. Sein Planungsbüro mit Sitz in Bad Vilbel und Nürnberg führt der Frankfurter mit seiner Frau Sabine Kölling. Es hat 16 Beschäftigte.

Die Frankfurter BDA-Gruppe hat Kölling erst jüngst für weitere zwei Jahre im Amt bestätigt. Peter D. Rodriguez wird weiter als sein Stellvertreter fungieren. Neu im Gremium sind Eun-A Pauly und Kristian Hüsen.

Inhaltlich setzt sich der BDA Frankfurt unter anderem dafür ein, dass das Um- und Weiterbauen des Gebäudebestandes attraktiver im Vergleich zu Neubauten wird. cm

Sie müssen sehen, dass etwa die Quartiere im Frankfurter Nordwesten in deutlich dichterer Weise bebaut werden sollen als das etwa bei neuen Einfamilienhausgebieten im Wetterau- oder Vogelsbergkreis üblich ist. Es wird also viel weniger Fläche pro Kopf versiegelt. Sehr gut vom ÖPNV erschlossene und an die Stadt angebundene Quartiere mit der Möglichkeit zum Arbeiten im urbanen Umfeld reduzieren zudem den CO2-Ausstoß, im Gegensatz zu längeren Pendlerfahrten mit dem Auto.

Die Frankfurter BDA-Gruppe setzt sich seit Jahren für ein nachhaltigeres Bauen ein. Gerade in Frankfurt werden aber weiterhin ständig Gebäude aus den 1950er bis 1980er Jahren abgerissen und durch Neubauten ersetzt. In der Innenstadt mussten zum Beispiel das einst von Mövenpick genutzte 50er-Jahre-Gebäude am Opernplatz und die frühere Sportarena an der Hauptwache weichen …

Wir sehen das in der Tat sehr kritisch und einen anderen Umgang mit dem Bestand als zentrale zukünftige Aufgabe. Generell sollten Gebäude und die in ihnen gebundenen Ressourcen aus ökologischen Gründen erhalten und weitergebaut werden. Es muss ein hoher Ressourcenaufwand betrieben werden, um Betonstrukturen zu entfernen und durch neue Gebäude aus Beton zu ersetzen. Nehmen Sie den riesigen Lurgi-Bürokomplex im Mertonviertel, den die ABG nun durch ein neues Wohnquartier ersetzen wird. Der Abriss ist erfolgt, ohne dass die städtische Wohnungsgesellschaft zum Beispiel mit einem Ideenwettbewerb zumindest hat prüfen lassen, ob eine Umnutzung in Frage kommt. Der Abriss-Ankündigung des Gebäudes Hauptwache 1 ging ein intransparentes Vorgehen voraus. Da wurden Tatsachen geschaffen, ohne Architekturwettbewerb, ohne öffentliche Diskussion – und das an einem so zentralen Platz. An diesem Beispiel ist zu erkennen, wie wichtig ein Gestaltungsbeirat in Frankfurt wäre, der die Gestaltung des Neubaus öffentlich diskutiert hätte.

Was ist mit dem Juridicum auf dem Campus Bockenheim, das zumindest die ABG für den geplanten Neubau der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst abreißen will?

Das Juridicum sollte erhalten bleiben und weiter genutzt werden. Das Gebäude steht nicht unter Denkmalschutz, ist aber ein Zeichen seiner Zeit. Es ist Teil der Stadtgeschichte und bietet eine hohe Dichte. Es gibt keinen Grund, ein solch intaktes Gebäude zu entfernen. In dem bald beginnenden Wettbewerb für das Areal sind von den Teilnehmenden Lösungen und Chancen zum Umgang des Bestandes einzufordern.

Auch in Frankfurt wird mit anderen Baumaterialien experimentiert, etwa mit Holz. Wird es bald mehr solcher Projekte geben?

Holzbau- und Holzhybridbauweise wird weiter zunehmen. Durch die maschinelle Vorfertigung von Holzelementen sind mittlerweile sehr gute Methoden entstanden, um nachhaltiges und zukunftsfähiges Bauen zu ermöglichen. In Frankfurt ist diese vorbildliche Bauweise bereits bei einigen neuen Schulen, Wohnraum-Nachverdichtungsprojekten und neuerdings bei Bürohochhäusern zum Einsatz gekommen. Wir haben als Büro selbst ein Feuerwehrgebäude in Heddernheim aus Holz gebaut. Holz ist ein hervorragendes Material, das nachwächst und sehr gut CO2 bindet. Diese Bauweise wird die Zukunft sein.

Interview: Christoph Manus

Abreißen oder erhalten? Das frühere Juridicum auf dem ehemaligen Uni-Campus im Frankfurter Stadtteil Bockenheim.
Abreißen oder erhalten? Das frühere Juridicum auf dem ehemaligen Uni-Campus im Frankfurter Stadtteil Bockenheim. © peter-juelich.com
Moritz Kölling ist Vorsitzender der Frankfurter Gruppe des Bundes deutscher Architektinnen und Architekten.
Moritz Kölling ist Vorsitzender der Frankfurter Gruppe des Bundes deutscher Architektinnen und Architekten. © Monika Müller

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