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Frankfurter Amtsgericht: Schlosser zahlt 500 Euro zurück

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Posse vor Gericht um überteuerten Schlüsseldienst.

Im Amtsgericht kann man noch was lernen. Am Freitagnachmittag etwa über eigene Dummheit. Der 44 Jahre alte Said J. ist wegen Wuchers und Betrugs angeklagt, weil die heute 61 Jahre alte Psychologin Brigitte R. sich am frühen Nachmittag des 17. März 2018 aus ihrer Frankfurter Wohnung ausgesperrt und über ein Callcenter nach einem Schlüsseldienst gesucht hatte. Das Center verschaffte Frau R. Kontakt zu einem Schlüsseldienst in Essen. Dieser schickte Said J., der knapp anderthalb Stunden an der Tür bastelte und dann eine Rechnung über 700 Euro präsentierte.

So ein Ärger! Wer hat noch nie vom Schlüsseldienst eine Rechnung erhalten, die durch fantasievolle Nebenposten ins Groteske verzerrt worden war? Und wer hat da nicht gedacht: „Das grenzt ja an Betrug und Wucher!“ Das grenzt nicht an, das ist! Der Staatsanwalt hat jedenfalls den Sachverständigen gefragt und der hat gesagt, dass man für so was 200 Euro zahlen könne, wenn man wolle.

Er könne nichts dafür, sagt Said J. Er habe damals nur mal reingeschnuppert in den Schlüsseldienst „vom Hassan oder wie der heißt“, aber eher so „als Mitfahrer“. Nicht als Schlosser. Obwohl er schon Schlosser sei und wisse, wo der Hammer hänge und für was „diese Dinger da, die so nach innen reingehen, keine Ahnung, wie das heißt“, gut seien. An Frau R.s Tür rumgeschraubt habe er. „Aber die Preise habe nicht ich gemacht“, sondern der Hassan oder so. Und die Grundgebühr betrage ja auch nur 150 Euro, aber dann wären da ja noch jede angefangene Viertelstunde, Ersatzteile, Sondertarif für das Einschalten eines elektrischen Geräts nach 15 Uhr …

Mittlerweile haben ein Anwalt und sein Mandant, gegen den im Anschluss verhandelt werden soll, im Zuschauerraum Platz genommen. Der Mandant ist „Querdenker“ und trägt laut Anklage eigentlich nie Maske, heute aber schon. Der Anwalt nutzt seine Maske als Halstuch und sieht aus wie Mark Twain am späten Abend.

… und natürlich die Anreise, da komme was beisammen, summiert Said J. Obwohl er nicht aus Essen angereist sei. Der vermutliche Hassan habe „in Frankfurt eine Unterkunft. Da haben wir geschlafen“.

„Kapieren Sie doch, dass hier der Falsche auf der Anklagebank sitzt!“, brüllt der „Querdenker“-Anwalt, der noch gar nicht dran ist, aus dem Zuschauerraum den Staatsanwalt an. „Der Arbeitgeber …“ „Was mischen Sie sich ein? Setzen Sie gefälligst die Maske auf!“, brüllt der Staatsanwalt zurück. Der Anwalt bedeckt seinen Kinnbart.

„Was soll ich denn machen?“, fragt Said J. Er könne Frau R. 500 Euro zahlen, schlägt Amtsrichter Müller vor, dann könne das Verfahren eingestellt werden. Na schön, sagt J., Frau R. sei ja auch immer gut zu ihm gewesen. „Sie gab mir Kaffee und Wasser.“

Der „Querdenker“-Anwalt springt auf und rast zur Anklagebank. „Sie werden hier über den Tisch gezogen!“, schreit er J. ins Gesicht, aber zu seinem Glück kenne er einen guten Anwalt. „Sie verteidigen hier nicht!“, sagt der Richter. „Tu ich doch“, sagt der Anwalt. Der Richter steht auf, beide gehen aufeinander zu und packen sich am Schlafittchen. Der Anwalt sieht jetzt aus wie Mark Twains roter Bruder, aber wo eben noch Amtsrichter Müller stand, steht jetzt Judge Dredd. „Hinaus!“, donnert der Richter, und unter dem Ruf „Das ist unglaublich!“ flieht der Anwalt aus dem Gerichtssaal, drei vom Lärm alarmierten Wachtmeistern in die Arme, die beruhigend auf ihn einwirken.

Said J. überlegt kurz, ob er mehr Angst vor dem Anwalt oder dem mittlerweile wieder freundlich wirkenden Richter hat und zahlt dann 500 Euro an Brigitte R., die damit einverstanden ist. Das Verfahren wird eingestellt.

Jetzt ist der „Querdenker“ an der Reihe, sein Anwalt ist wieder halbwegs beisammen, hält aber doch noch kurz das Schlussplädoyer zum vorigen Fall. „Der Gangster war der Arbeitgeber!“ Hassan oder wie der heißt. Und nun zum nächsten Fall: Er stelle hiermit einen Befangenheitsantrag gegen Amtsrichter Müller, weil der sich weigere, einen Journalisten zu laden, der bezeugen könne, dass das Tragen von Masken …“

Und Abend wird’s im Amtsgericht. Doch wenn es die Umstände nicht unbedingt anders erfordern, hat Amtsrichter Müller sich unter Kontrolle.

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