Justiz

Frankfurter Amtsgericht: Lachkrampf kurz vor Canossa

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Freitags am Amtsgericht: Weder der Frömmste noch alle bösen Nachbarn sind zu sehen.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt... Auf den Frömmsten wartet das Amtsgericht bis heute vergebens, mit bösen Nachbarn aber könnte es eine Legion bestücken. Etwa mit Karl-Heinz und Mashal, laut Anklage wahrhaft garstige Nachbarn. Sie sollen in dem Mehrfamilienhaus, in dem sie wohnen, mehrfach bei den Nachbarn eingestiegen sein und alles mitgenommen haben, was man im Haushalt so braucht: Fernseher, Kaffee- und Waschmaschine, Tisch, Schränke, andere Haushaltsgeräte – und eine Dose mit Münzgeld.

Aber bevor Karl-Heinz und Mashal an der Reihe sind, muss Amir abgeurteilt werden. Der sitzt seit dem frühen Morgen wegen Körperverletzung auf der Anklagebank, weil er Taxifahrer Sahid vor der Disco einen Faustschlag verpasst hat. Der Grund dafür ist nicht mehr ermittelbar, es fing wohl „mit einem verbogenen Mercedes-Stern an“, aber in der Tatnacht war kein Dolmetscher zur Hand, der den alarmierten Polizisten über die Causa belli hätte aufklären können.

Amir, in dem die Reue gärt, möchte sich bei Sahid entschuldigen, aber er verliert kurz vor Canossa die Contenance, und die Entschuldigung wird von einem Lachkrampf erstickt, der die ansonsten recht langmütige Richterin auf die Palme bringt. Sie verurteilt den Lachsack zum Nachsitzen: Er soll sich abregen, ein Urteil fällt erst nachmittags. Vorher zu Karl-Heinz und Mashal.

Pflichtverteidiger fehlt

Mashal ist erschienen, Karl-Heinz nicht. Das ist bei einem Angeklagten, der nicht in U-Haft sitzt, nicht außergewöhnlich, aber auch sein Pflichtverteidiger fehlt. Und der Staatsanwalt, der in letzter Sekunde mit dem Fall betraut worden ist, hat eine alte Anklage, in der Mashal gar nicht erwähnt wird. So hat es keinen Sinn, der Prozess wird vertagt.

Verzweifelt versuchen sämtliche Prozessbeteiligte, diesen Sachverhalt der als Zeugin geladenen und erschienenen Frau W. beizubringen, der die üblen Nachbarn 300 Euro aus der Keksdose stibitzt haben sollen, während sie schlief. Frau W., die stramm auf die 100 zugeht und somit etwa 30 Jahre älter ist als der schwänzende Karl-Heinz, bewegt sich dennoch langsam, aber unaufhaltsam auf den Zeugenstuhl zu und kontert sämtliche Ansprachen mit der Bemerkung: „Ich hör‘ kein Wort!“ Schließlich fasst die Richterin höchstpersönlich sie am Arm und begleitet sie zum Ausgang – was etwa so lange dauert wie Scotts Südpolexpedition, aber ein glücklicheres Ende nimmt.

Am Nachmittag ist die Richterin jedenfalls wieder zurück und ganz bei Amir. Dessen Verteidiger entschuldigt sich für die „schlecht präsentierte Entschuldigung“ seines Mandanten, aber schließlich ist man nicht bei der Oscar-Verleihung, und die Richterin ist auch nicht nachtragend. Sie verwarnt Amir, eine Geldstrafe von 70 Tagessätzen à 65 Euro wird unter Vorbehalt gestellt. Er soll 1000 Euro an Sahid zahlen und 500 für einen guten Zweck spenden, aber Frau W. hat das Gebäude leider schon verlassen.

Und so endet die Arbeitswoche am Amtsgericht in versöhnlicher Atmosphäre. Der Frömmste ist auch diesmal nicht aufgetaucht, nicht einmal alle erwarteten bösen Nachbarn, aber bald beginnt ja eine neue Woche.

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