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Das Allerheiligenviertel zwischen Zeil, Batton- und Langer Straße: Rotlichtmilieu und multiethnisches Wohnviertel.
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Das Allerheiligenviertel zwischen Zeil, Batton- und Langer Straße: Rotlichtmilieu und multiethnisches Wohnviertel.

Frankfurt

Frankfurter Allerheiligenviertel nach den Schüssen: Unbehagen in bester Innenstadtlage

  • George Grodensky
    VonGeorge Grodensky
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Manche fühlen sich nicht mehr wohl, andere leben noch immer gern im Allerheiligenviertel in Frankfurt. Seit Jahren gibt es Klagen über nächtlichen Lärm und Drogendealer.

Es ist 12 Uhr mittags. Vor der Shishabar in der Allerheiligenstraße in Frankfurt ist alles ruhig. In der Nacht zum Montag ist dort ein 23-Jähriger angeschossen worden. Davon ist an diesem Mittwoch nichts mehr zu sehen. Auf dem Trottoir neben der Bar reihen sich ein paar graue Pflanzringe aus Beton. Grünes wächst dort nicht, dafür sammelt sich der Abfall darin, Becher, Kippenpäckchen, sogar ein abgelegtes Paar Kinderschuhe.

Die Kübel können sinnbildlich für das ganze Viertel stehen. Es hat Potenzial, ist zentral gelegen, urban und multikulturell, alles könnte so schön sein, gäbe es nicht dieses Unbehagen. Seit Jahren klagen die Menschen in dem Viertel über nächtliche Ruhestörungen, über Drogendealer. Seit Januar scheint das Viertel obendrein Schauplatz eines mutmaßlichen Bandenkrieges zu sein. Zumindest prüft die Polizei, ob zwischen dem Vorfall am Wochenende und einer Schießerei im Januar ein Zusammenhang besteht. Ob es im Quartier einen Verteilungskampf rivalisierender Gruppen gibt.

Muriel ist sich da ziemlich sicher. Sie fühle sich inzwischen wie „in New York City“. Ihren richtigen Namen möchte die junge Frau deshalb auch nicht verraten. Sie hat Angst, Ärger zu bekommen. „Jetzt ist in diesem Jahr zum zweiten Mal geschossen worden“, sagt sie. Sie bemühe sich regelrecht, immer vor Sonnenuntergang zu Hause zu sein.

Die geraden Hausnummern der Allerheiligenstraße machen ihr Sorgen, zwischen Breiter Gasse und Allerheiligentor. Dort gebe es Gruppierungen, die sich anfeindeten, habe sie beobachtet. Am liebsten würde sie mit ihrer Familie wegziehen. „Aber wir finden keine günstige Wohnung.“

Die Kamera an der Kreuzung von Allerheiligenstraße und Breiter Gasse habe nichts gebracht, sagt sie. Die Dealer seien immer noch da. Mehr Polizeipräsenz würde helfen. Nicht Zivilfahnder, sondern uniformierte Kräfte wünscht sie sich. Das Polizeirevier sei zwar direkt vor Ort, ärgert sich Muriel. An der Zeil 33. Doch die Polizei nehme die Dealer fest, und drei Tage später seien sie wieder frei.

Nicht alle Bewohnerinnen und Bewohner allerdings schätzen die Situation als so ernst ein. Im Allerheiligenviertel seien die Mieten noch recht niedrig, verrät ein Mann, der kurz stehen bleibt. Er lebe schon lange im Kiez. „Hier ist immer etwas los“, sagt er. Das gelte im negativen wie im positiven Sinne. Er deutet kurz rundum: „Die ganze Welt ist da.“

Tatsächlich, wer einen kurzen Moment an der Ecke von Allerheiligenstraße und Breiter Gasse anhält, sieht Menschen mit unglaublich verschiedenen Hautfarben vorbeischlendern, hört Fetzen aller möglichen Sprachen. Dazwischen redet Ivana auf ihre Mutter ein, auf Kroatisch. Ivana ist ihr richtiger Vorname, nur ihren Nachnamen möchte die 39-Jährige nicht verraten. „Ich lebe gerne hier“, sagt sie mit Überzeugung, seit 20 Jahren schon.

Der Tatort, eine Shisha-Bar.

Die Schießerei? Nun ja, das sei nicht schön, das sehe sie auch so. Ihren Kindern erlaube sie auch nicht, auf der Straße herumzulungern und in schlechte Gesellschaft zu geraten. „Ich hasse die Konstablerwache und die Hauptwache. Dort sind überall Drogendealer.“ Aber auch das gehöre zur Stadt, sagt sie und seufzt. Wer im Paradies lebt, lässt sich von einem verdorbenen Apfelbaum nicht aus der Ruhe bringen. Und für Ivana ist das Viertel ganz klar der schönste Ort der Welt.

Ivana ist auf dem Dorf aufgewachsen, „und hier ist es wie auf dem Dorf“, sagt sie. Die Nachbarn kennen sich, helfen einander. Der einzige Unterschied: In der Stadt ist mehr los, auch abends. In einem echten Dorf möchte Ivana deswegen gar nicht mehr sein, sie freut sich über die Corona-Lockerungen, dass sie nun wieder abends um 22 Uhr draußen sitzen kann, auch mal bis ein oder zwei Uhr nachts.

Genau das berührt einen anderen Konflikt, den das Viertel seit Jahren auszuhalten versucht. Manche Anwohner ärgern sich sehr über den abendlichen und nächtlichen Lärm der Bars und Straßencafés. Bislang verhallen die Beschwerden kaum erhört; bereits im Oktober hat der Ortsbeirat 1 auf Antrag der Grünen den Magistrat zum Handeln aufgefordert. Der antwortete im Februar in einem dürren Zwischenbericht, dass die Beratungen andauerten.

Einen runden Tisch wünschen sich die Grünen nun zum Thema, mit Polizei, Anwohnerinnen und Anwohnern sowie der Gastronomie, um eine Lösung zu finden. „Repression kann nicht die Lösung sein“, sagt die Grünen-Stadtverordnete Julia Eberz, auch Anwohnerin. Im Sommer häuften sich in allen Stadtteilen die Beschwerden über nächtlichen Lärm. Die Stadtpolizei habe zu wenig Personal, um zu schlichten.

Tagsüber ist es auch nicht gerade leise vor Ort. Vor allem die Autos verursachen ein stetes Brummen, dazu noch die Baustellen. Der Besucher lässt darum die tristen Rotlichtbetriebe der Breiten Gasse hinter sich und flaniert auf der Allerheiligenstraße Richtung Kurt-Schumacher-Straße. Schmucke Gründerzeithäuser wechseln sich ab mit Bauten aus den 50er Jahren. Ein Laden an der Ecke verkauft „kosmetische Pflegeprodukte vom indischen Subkontinent“, wie das Schild verrät, dazu frisches Obst, Gemüse, Gewürze und Getränke aus aller Welt.

An der Albusstraße bleibt das Auge am Hinweisschild für ein „Grand Hotel“ haften. Ein Grand Hotel? Der Flaneur pausiert kurz. Sofort nähert sich ein Mann, der mit gestikulierenden Augenbrauen bedeutet, er habe Drogen zu verkaufen. Der Besuch schüttelt dankend den Kopf und trollt sich – vor Schreck in die Albusstraße hinein.

Speckige Plattenbauten reihen sich dort an Waschbeton, Baulücken und aktuelle Sanierungsprojekte. Lüftungsanlagen dröhnen. Misstrauische Blicke verfolgen den Besucher, überraschend entpuppt sich aber das Grand Hotel tatsächlich als einladender Blickfang in Rot, saniert. Und ein weiterer unerwarteter Farbklecks huscht durchs Bild: eine Truppe junger Menschen von der Bundeswehr. In Zweierreihe hintereinander kehren sie aus der Mittagspause zurück, in Tarnanzügen. „Wir helfen beim Gesundheitsamt“, sagt einer. In Camouflage? „Im Dienst immer“, ruft eine junge Frau noch, dann ist der Trupp im Amt verschwunden.

Seit 2018 überwachen Videokameras der Polizei die Kreuzung Allerheiligenstraße und Breite Gasse.

Angrenzend pulsiert eine große, ach was, riesige Baustelle. Sie zieht sich von der Breiten Gasse bis zum Allerheiligentor an der Langen Straße. Die ORT Gruppe (Frankfurt und München) baut dort das Stadtquartier Main Yard. Wohnungen, Gastro und Geschäfte sollen entstehen. Der früher dort zu bestaunende Wust an Hallen, Bauten, Winkeln – bis 2012 logierte dort noch der Kunstverein Familie Montez: alles abgerissen. Zu den polizeilichen Ermittlungen mag sich der Investor nicht äußern, etwa ob der Ruf des Viertels die Vermarktung beeinträchtigen könnte. Nur so viel: „Wir bedauern diesen tragischen Zwischenfall sehr und wünschen dem Verletzten eine rasche Genesung. Auf die Baustellenarbeiten hat der Vorfall keinen Einfluss.“

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