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Frankfurt: Zwischen Weihnachtsfeiern kein Platz für WM-Stimmung

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In vielen Fanszenen gibt es Proteste gegen die Weltmeisterschaft in Katar.
In vielen Fanszenen gibt es Proteste gegen die Weltmeisterschaft in Katar. © IMAGO/Thomas Frey

Wer nach Fußball-WM-Begeisterung in Frankfurter Restaurants, Kneipen und Fanartikelgeschäften sucht, wird kaum fündig. Die Stadt plant auch kein Public Viewing.

Frankfurt zu WM-Zeiten – das bedeutete in den letzten Jahren ordentlich Stimmung in den Straßen. Autokorsos, Fanmeilen, Tausende Zuschauer bei sommerlichen Temperaturen in der Commerzbank Arena. Dieses Jahr ist es anders – die Frage des Boykotts wird im öffentlichen Raum diskutiert.

Schon seit einiger Zeit ist klar, dass die Stadt kein Public Viewing plant – wohl auch, um ein Zeichen gegen die katastrophale Menschenrechtslage in Katar zu setzen. Nun könnten Fußballfans, die sich die Spiele dennoch nicht entgehen lassen wollen, ja auf die Live-Übertragungen in ihrer Lieblingskneipe ausweichen – oder? Der Hashtag #KeinKatarinmeinerKneipe trendet seit Tagen auf Twitter. Kneipen- und Barbesitzer bekennen sich damit zu einem Boykott der Spiele. Auch Frankfurter Gastronom:innen?

Im Biergarten des Dionysos-Restaurants kann man normalerweise bei gemütlicher Stimmung für die Fußballelf mitfiebern. Minos Tzomakas, Besitzer und Betreiber, will das Public Viewing dieses Jahr nach innen verlegen. Er will die Spiele mit Deutschland übertragen, nach Möglichkeit auch alle anderen. „Da spielt die deutsche Nationalmannschaft, das müssen wir doch zeigen!“, sagt er. Man hätte schon früher anfangen müssen, den Ausrichtungsort der Spiele zu kritisieren. Jetzt mit dem Boykott anzufangen, sei schon zu spät. Er glaubt, dass die Leute sich am Ende doch entscheiden werden, die Spiele zu schauen – wegen der guten Stimmung. Es seien auch schon einige Gäste zu ihm gekommen und hätten gefragt. Andere Restaurants wie die Frankfurter Botschaft sind schlicht ausgelastet mit den üblichen Adventsveranstaltungen – zwischen Weihnachtsfeiern und Firmenessen ist einfach kein Platz für Fußball.

Ray Madden, der Betreiber des Irish Pubs in Bornheim, sagt, er habe lange überlegt, ob er die Spiele überhaupt zeigen soll. Aus Protest hat er einen Zettel in das Fenster des Restaurants gehängt. „Als Mini-Protest gegen den Austragungsort der WM 2022 zeigen wir nur die Spiele, die während unserer normalen Öffnungszeiten stattfinden“, steht da. Wie kam er darauf? „Ich bin ein großer Fußballfan, aber ich bin auch gegen den Austragungsort Katar. Dieses Jahr kommt vieles aufeinander. Zuerst die schlimme Menschenrechtslage vor Ort. Und auch, dass es im November stattfindet. Wenn wir nicht die letzten zwei Jahre Pandemie gehabt hätten, hätte ich das Public Viewing bei uns ganz ausfallen lassen, aber wir brauchen den Umsatz sehr.“ Bei anderen Sportbars sieht es anders aus, Filialleiter Roy Golub von der YOURS Sportsbar rechnet mit ganz normalem Betrieb: „Unsere Gäste freuen sich auf die WM, deswegen zeigen wir jedes Spiel“, sagt er.

Die Vorfreude auf die WM hat allerdings noch nicht viele Frankfurter:innen dazu bewegt, sich dieses Jahr mit Deutschlandfähnchen und Nationaltrikots einzudecken. Der Filialleiter Bock von Intersport Leister in der Borsigallee berichtet, dass auch die Nachfrage nach WM-Merch dieses Jahr eher schleppend anläuft. Trotzdem hoffe er darauf, dass sich, wenn das erste Deutschland-Spiel im Fernsehen läuft, doch noch ein paar Shirts verkaufen. Serkan ist Fachverkäufer in einem anderen Frankfurter Sportwarengeschäft und erzählt, im Vergleich zur letzten WM sei dieses Mal überhaupt kein Andrang. Nationaltrikots von Katar hätten sie nicht mal im Laden. „Ich glaube, das liegt auch daran, dass Katar einfach nicht so eine Fußballkultur hat. Die Leute sind nicht so neugierig auf den Austragungsort und gespannt, wie die WM dort umgesetzt wird. Bei Südafrika war das ganz anders“.

Nicht weit entfernt von dem Laden sitzt Amin mit einem Kumpel und macht eine Pause vom Shoppen. Der 18-Jährige schaut sich die WM normalerweise immer an, aber dieses Jahr komme in Frankfurt einfach keine Stimmung auf. „Ich erinnere mich, bei der letzten WM hatte jeder Deutschlandflaggen am Auto, in jeder Straße habe ich Dekoration gesehen.“ Er denkt aber nicht, dass der Austragungsort eine große Auswirkung hat: „Menschenrechtsverletzungen hat es ja damals in Brasilien auch gegeben. Dass es dieses Jahr anders ist, liegt daran, dass jetzt überall schon Weihnachtsstimmung ist“.

Dem 55-Jährigen Benno schlägt die Vergabe des Austragungsortes aber schon aufs Gemüt: „Es ist nicht wie sonst, dieses Jahr ist wirklich kein Fest für die Fußballfans. Ich verstehe auch nicht, warum man die WM in einem Land austrägt, wo drei Millionen Menschen leben, die sich nicht für Fußball interessieren.“

Was ist aber das Alternativprogramm für die fußballinteressierten Frankfurter:innen? Die evangelische Kirche Deutschland stellt unter dem Motto „Macht hoch die Tür, die Tooor macht weit“ spezielle Hilfsmaterialien zur Verfügung, mit denen man sich konstruktiv mit der WM auseinandersetzen kann. Der Internationale Bund hat ein Alternativprogramm zusammengestellt, unter anderem eröffnet nächste Woche eine Fotoausstellung über das „forgotten Team“, die Gastarbeiter der Stadion-Baustellen in Katar.

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