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Frankfurt: Zurück zur Natur am Alten Flugplatz

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Von: Thomas Stillbauer

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Alles muss raus – das Abbruchunternehmen bei der Arbeit.
Alles muss raus – das Abbruchunternehmen bei der Arbeit. © Monika Müller

Auf dem ehemaligen US-Militärgelände im Norden von Frankfurt sind die geflüchteten Familien ausgezogen – ein Platz für Umweltbildung und Naherholung soll entstehen.

Im vorigen Sommer waren auf einmal Halstücher in den Zaun vor der Familienunterkunft geflochten. Oder Kopftücher? Erst nur ein paar, dann immer mehr. Schön sah das aus, und wer daran vorbeilief, konnte sich gut vorstellen, dass es vielleicht Abschiedsgrüße waren, hinterlassen von denen, die für drei, vier, fünf Jahre ein Stück Heimat hier gefunden hatten und dann weitergezogen waren.

Jetzt ist der Ort, verglichen mit dieser beinahe idyllischen Szene, viel unwirtlicher geworden – ein Trümmerfeld. Seit Tagen läuft der Abriss der Fertigbauhäuser, in denen bis zu 350 Personen gleichzeitig Zuflucht fanden. Ein großer Bagger greift die Konstruktionsteile von oben und macht kaputt, was wegmuss. Das Gelände liegt im Landschaftsschutzgebiet. Die Genehmigung für die Gemeinschaftsunterkunft war eine Ausnahme für zunächst drei Jahre, dann um weitere zwei Jahre verlängert.

Lebensraum auf Zeit.
Lebensraum auf Zeit. © Monika Müller

Bis Ende März soll der Abriss laut Umweltamt abgeschlossen sein, inklusive Sicherung wiederverwendbarer Materialien, und es gilt auch, die Kanalisation zurückzubauen. Ein zentraler Punkt sind die Wiesenflächen, die der Naturschutz im ursprünglichen Zustand sehen will. Die Bodenversiegelung muss weg.

Große Bedenken und Proteste hatte es gegeben, als die Pläne Anfang 2016 publik wurden. Die einen fürchteten um die spektakulär zurückgekehrte Natur, um dieses Wunder der Artenvielfalt auf einem ehemaligen Militärflugplatz. Andere argumentierten fremdenfeindlich. Sätze, die mit „Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber …“ begannen. Sätze, die eine allgemeine Stimmung herbeireden wollten: „Meine Nachbarn sind alle dagegen.“ Die AfD, die im Stadtparlament einen Baustopp forderte, was die demokratischen Parteien geschlossen abschmetterten. Im „Tower Café“, dem Restaurantbetrieb am Alten Flugplatz, der später während Corona schließen musste, sagte Betriebsleiter Holger Busseck damals demonstrativ: „Wenn die Flüchtlinge kommen, geht die Kriminalität“, und das traf von allen Prognosen am besten den Punkt. Aus der Sicht der Bonameserinnen und Bonameser lässt sich jedenfalls nach den fünf Jahren sagen: Im Stadtteil lief alles genau wie vorher, für die Menschen und für die Natur. Die Flüchtlinge fielen praktisch überhaupt nicht auf. Eher hätte man sich gewünscht, sie hätten sich ein bisschen mehr eingebracht.

Toilettenpapier ist auch noch da.
Toilettenpapier ist auch noch da. © Monika Müller

Darum bemühten sich etwa die Leute von der Naturschule Hessen. Sie boten Workshops zur hiesigen Fauna und Flora an. Sie brachten die Menschen, meist aus Syrien oder Afghanistan entkommen, etwa mit einer Gruppe Frankfurter Banker:innen zusammen. Gemeinsam bauten sie am großen Weidenlabyrinth. Eine syrische Familie erzählte dort später auf zwölf Stationen von ihrer dramatischen Flucht, von Todesangst, vom Auseinandergerissenwerden und Wiederfinden. Tief beeindruckende und emotionale Momente. Flöße baute man zusammen und wagte sich damit aufs Wasser der Nidda. Menschen, die auf ihrer Flucht übers Mittelmeer fast ertrunken wären. Wenn er einmal wieder zurückgehen sollte nach Syrien, sagte einer, dann nur mit den Freunden von der Naturschule – auf einem Floß.

Die Tücher im Zaun: nein, kein Abschiedsritual, sagt Susanne Schmidt-Lüer, die Sprecherin des Diakonischen Werks für Frankfurt und Offenbach: „Es war eine Aktion mit Kindern im Rahmen des Sommerferienprogramms 2021 zur Verschönerung des Außengeländes.“ Die Diakonie hat die Unterkunft betrieben im Auftrag der Stadt.

Die Frösche waren Nachbarn der Geflüchteten.
Die Frösche waren Nachbarn der Geflüchteten. © christoph boeckheler*

Was ist aus den Bewohnerinnen und Bewohnern geworden? 64 Familien waren 2016 in die Großunterkunft eingezogen. 26 von ihnen leben jetzt in eigenen Wohnungen, berichtet das Diakonische Werk, 30 weitere Familien kamen in anderen Unterkünften unter, zumeist in neu gebauten Wohnungen, aber ohne eigenen Mietvertrag, dafür mit öffentlich-rechtlicher Zuweisung und sozialarbeiterischer Betreuung. Sie seien weiterhin aufgerufen, eine eigene Wohnung übers Wohnungsamt oder auf dem freien Markt zu finden, sagt Schmidt-Lüer.

Derweil beißt die Abrissmaschine immer mehr Stücke von den verlassenen Gebäuden ab. Der Blick fällt ins Innere der einfachen Wohnungen. Hier ein Waschbecken, da eine Toilettenschüssel. Klimaanlagen und Solarpanels sind längst abmontiert und gesichert. Die Unterkunft zu errichten, sei absolut notwendig gewesen, sagt Susanne Schmidt-Lüer. „Man darf nicht vergessen, dass zuvor viele Geflüchtete, die 2015 ankamen, in Sporthallen der Stadt untergebracht waren.“ Gerade zu Beginn, als die Bewohnerinnen und Bewohner noch kein Deutsch sprachen, sei die Unterstützung im Hinblick auf Deutschkurse, Zugang zum Arbeitsmarkt, Kontakt zu Schulen, Kitas und zum Gesundheitssystem wichtig gewesen. Die Kinder besuchten Schulen in Bonames und Kalbach. Mehr als 100 Ehrenamtliche engagierten sich für die Geflüchteten, es gab Bildungs- und Freizeitangebote. „Das lief alles gut.“

Diese Unterkunft bleibt.
Diese Unterkunft bleibt. © Monika Müller

Was sich hingegen als problematisch erwies: Die technischen Voraussetzungen der Unterkunft waren nicht für ein Wohnen über mehrere Jahre gemacht. Das sei auch der Auslöser der Konflikte im Jahr 2020 gewesen, blickt die Diakoniesprecherin zurück. Unter anderem war die Stromversorgung mit den Kochstellen der Familien überlastet. Und noch ein generelles Fazit der Diakonie: „Das Kernproblem des fehlenden bezahlbaren Wohnraums existiert weiter, und es ist nicht nur auf Bonames beschränkt.“ Es trifft die Menschen – ganz egal, woher sie stammen.

Und wenn alles weg ist, alle Häuser abgerissen sind, alles abtransportiert ist? Dann geht es am Alten Flugplatz Bonames/Kalbach wieder um seine ursprüngliche Funktion, um Naturschutz und Landschaftsentwicklung, Umweltbildung und Naherholung – einschließlich einer standortverträglichen Gastronomie, versichert das Umweltamt. Die bestehenden Gebäude, Ex-Hangar und Flugplatz-Funktionstrakt, sollen dafür genutzt werden. Ihr Zustand ist freilich nicht überall ermutigend. Auch da wird, über den Hunderttausende Euro teuren Abriss der Flüchtlingsunterkunft hinaus, noch viel Arbeit nötig sein. Ein Umweltbildungskonzept der Naturschule liegt seit 2020 auf dem Tisch: Inwieweit es in die Neuplanung einfließt, ist offen.

Das Wunder der Natur auf dem ehemaligen US-Militärgelände Alter Flugplatz.
Das Wunder der Natur auf dem ehemaligen US-Militärgelände Alter Flugplatz. © christoph boeckheler*

Das leerstehende „Tower Café“ jedenfalls sei „integraler Bestandteil“ des künftigen Flugplatzgeländes. Eine Ausschreibung für die kommende Gastronomie soll nach der Sanierung folgen, und bis dahin will die Stadt versuchen, weiter gastronomische Übergangslösungen zu finden wie im vorigen Jahr, als ein Imbisswagen vor Ort stand. Da war es ein bisschen wie früher mit dem „Tower Café“: am Wochenende bei Sonnenschein völlig überlastet – und an trüben Werktagen von allen verlassen. Vielleicht hilft ja das künftige Konzept, das Ganze zu verstetigen.

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