Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Tag des Friedhofs

Frankfurt: Zur Ruhe kommen

Von Trauerkultur bis Öko-Nische: Am Frankfurter Hauptfriedhof lässt sich der gesellschaftliche Wandel beobachten

Wenn man über den Hauptfriedhof schlendert, dann ist die Stadt plötzlich ganz weit weg. Der rauschende Verkehr und das Hämmern auf den Baustellen lassen sich nur noch erahnen – als würde dieser Ort den Lärm verschlucken. Ein Gefühl von ungewohnter Zeitlosigkeit erwacht beim Betrachten des Efeus, der sich um alte Baumstämme windet und an alte Grabmäler schmiegt. Einige Gräber sind so alt, dass sich heute niemand mehr an die Verstorbenen erinnern kann.

Die sich ändernde Art und Weise, wie Gräber gestaltet werden und wie sich die Friedhofskultur wandelt, lässt sich an vielen Orten des Frankfurter Hauptfriedhofs ablesen. Während Kriegsgräber und Denkmale die historische Erinnerungskultur repräsentieren, verschwinden große, individuell gestaltete Grabstätten langsam aus dem Friedhofsbild. Heike Rath, die das Frankfurter Bestattungsunternehmen Schwind leitet, beobachtet wie sich die Bedürfnisse und Gewohnheiten der Menschen verändern: „Dass man jedes Wochenende auf den Friedhof fährt, um die Gräber zu pflegen, geht zurück. Die Menschen wollen pflegeleichte Gräber, besonders in Frankfurt. Viele sind arbeitstechnisch immer unterwegs und haben keine Zeit für die Grabpflege.“

Pflegeleicht, günstig und doch individuell solle die letzte Ruhestätte sein. Besonders beliebt seien sogenannte Rasengrabstätten, auf der ebenerdig eine Grabplatte gelegt wird, ohne Grabbepflanzung. Auf diese Weise könne die Friedhofsgärtnerei die Fläche einfach abmähen, so Rath. „Für die Menschen ist es für die Trauerbewältigung wichtig zu wissen, wo die Person begraben liegt“, führt sie weiter aus. Bei anonymen Gräbern fehle für viele der konkrete Ort zum Trauern.

Barbara Klumpen führt mit ihrem Mann die gleichnamige Gärtnerei und bemerkt auch, dass die individuelle Grabbepflanzung zurückgeht. Dafür würden gärtnerbetreute Grabfelder entstehen, auch auf dem Hauptfriedhof: „Das sind parkähnliche Anlagen mit kleinen, reduzierten Grabsteinen. Der Bereich wird als Garten angelegt, der von einem Gärtner oder einer Gärtnerin gepflegt wird.“ Auf diese Weise würden neue Gemeinschaftsplätze entstehen. Sie hält diese Art der Grabstätte für zugänglicher als beispielsweise Friedwälder, die sich meist außerhalb des Stadtgebiets befinden: „Städtische Friedhöfe sind auch für ältere Menschen viel leichter zu erreichen“, erläutert sie.

Städtische Ruheoasen

Längst kommen nicht alle nur zum Trauern auf den Friedhof. Im Nordosten des Hauptfriedhofs, wo seit vergangenem Jahr ein Bücherschrank steht, lädt ein kleines Biotop ohne Gräber zum Verweilen ein. Noch blüht es ein wenig violett, gelb und altrosa in den Beeten. Es ist wenig los, nur ein junger Mann sitzt allein auf einer Bank und zündet sich ein Zigarillo an. Der Rauch legt sich über den feuchten Moosgeruch. Er heiße Corvin, erzählt er, was „kleiner Rabe“ bedeute. „Passt irgendwie zu diesem Ort“, sagt er und erzählt, dass er auf der Straße lebe und hier ein wenig Ruhe finde. Ein paar Bücher habe er sich auch schon mitgenommen. Dann schweigt er und die Stille fühlt sich an diesem Ort nicht unangenehm an.

Hinter Sträuchern sitzt eine Frau auf einer Bank und hängt ihren Gedanken nach. „Für viele ist der Friedhof als Ort abschreckend. Aber ich komme gerne hierher“, erzählt sie. Die 44-Jährige könne hier ihren ganzen Alltagsstress loslassen.

Es gibt immer mehr Freiflächen auf städtischen Friedhöfen und weniger Bestattungen. Nach Angaben von Thomas Bäder, Leiter der Abteilung Friedhofsangelegenheiten des Frankfurter Grünflächenamts, seien im Jahr 2008 nur 432 Einwohner:innen außerhalb Frankfurts beigesetzt worden, während sich die Zahl im Jahr 2020 mehr als verdreifacht habe. Die Gründe würden von individuellen Wünschen wie der Bestattung im Geburtsort bis zu Grabformen wie der Seebestattung reichen. Zudem gebe es immer mehr platzsparendere und günstigere Beisetzungsmöglichkeiten als Alternative. Durch die Freiflächen würden Friedhöfe in städtischen Ballungsgebieten als Naherholungsgebiete eine stärkere Rolle einnehmen.

Auf dem Hauptfriedhof kann man beobachten wie alle diese Fäden zusammenlaufen und in neue Richtungen führen. Fahrradfahrer:innen, Jogger:innen und Spaziergänger:innen nutzen die grüne Oase abseits der Großstadthektik. Zwischen den Gräbern zieht eine ältere Frau mit hellrosa Strickmütze umher. Sie besuche ihre verstorbenen Nachbarn, erzählt sie. Eine vorbeikommende Spaziergängerin meint gelassen: „Das gehört ja nun alles zusammen, Tod und Leben.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare