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Frankfurt: Zum Kampf gezwungen

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Von: Anja Laud

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Drei der vier Geschwister Meissinger (von links): Ernst, Marlies und Hans, eine Aufnahme aus den 30er Jahren.
Drei der vier Geschwister Meissinger (von links): Ernst, Marlies und Hans, eine Aufnahme aus den 30er Jahren. © Privat/Deutscher Alpenverein

Frankfurt im Nationalsozialismus: Ein Familienbild erinnert an ein verfolgtes Mitglied des Alpenvereins.

Gleich drei Ausstellungen befassen sich im Historischen Museum mit der Zeit des Nationalsozialismus in Frankfurt. Die FR stellt in einer Serie Exponate vor, die dort zu sehen sind. Heute: das Foto der Geschwister Meissinger, nach der NS-Rassenideologie „Halbjuden“ genannt. Die beiden jungen Brüder mussten, obwohl sie von dem NS-Staat verfolgt wurden, für ihn kämpfen – mit tragischen Folgen.

Das Bild aus den 30er Jahren, das in der Ausstellung „Eine Stadt macht mit“ zu sehen ist, zeigt drei junge Leute: Ernst, Marlies und Hans Meissinger. Sie haben sich auf einem Spaziergang untergehakt und blicken fröhlich bis nachdenklich in die Kamera.

Das Schicksal eines der Geschwister, das im Bild zu sehen ist, nämlich das von Ernst Meissinger, haben Mitglieder der Frankfurter Sektion des Deutschen Alpenvereins erforscht. Er war Mitglied des Vereins gewesen, bevor er aus diesem 1935 hinausgeworfen wurde. Der Grund: Er und seine drei Geschwister – Lilli ist auf dem Foto nicht zu sehen – galten als „Mischlinge ersten Grades“. Ihre Mutter, Rosa Meissinger, geborene Oppenheimer, war Jüdin. Ihr Vater war Karl-August Meissinger, ein renommierter Kirchenhistoriker und Luther-Experte.

Was es bedeutete, im Dritten Reich ein „Mischling“ zu sein, ist einem Brief des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, so hieß der Alpenverein damals, zu entnehmen, der in der Ausstellung neben dem Familienbild zu sehen ist. Der damalige Frankfurter „Sektionsführer“ Rudolf Seng, der seit April 1933 NSDAP-Mitglied war, schrieb am 9. Juli 1935 an den Verwaltungsausschuss des Vereins: „Auf Ihr Schreiben (...) teile ich Ihnen mit, dass ich Herrn Meissinger durch einen seiner Freunde habe auffordern lassen, seinen Austritt aus der Sektion zu erklären. Nachdem er dieses abgelehnt hatte, habe ich ihn mit Schreiben vom 26. Juni aus der Sektion ausgeschlossen.“

Ausstellungen

Im Historischen Museum, Saalhof 1, sind zum Thema „Frankfurt und der NS“ drei Ausstellungen zu sehen.

Die zeitgeschichtliche Ausstellung „Eine Stadt macht mit – Frankfurt und der NS“ (bis 11. September 2022) führt an 19 typische Orte städtischen Lebens und verdeutlicht, wie der Nationalsozialismus die Stadt prägte.

Die Ausstellung „Auf Spurensuche im Heute“ (bis 11. September 2022) ist im Stadtlabor des Historischen Museums entstanden. Frankfurter:innen haben dafür in Frankfurt Orte, Dinge oder Ereignisse untersucht, die sie persönlich an die NS-Zeit erinnern.
Das Junge Museum des Historischen Museums gibt mit der interaktiven Ausstellung „Nachgefragt: Frankfurt und der NS“ Einblick in das Alltags- und Familienleben junger Frankfurterinnen und Frankfurter im Nationalsozialismus. Sie ist für Kinder ab zehn Jahren geeignet und wird bis zum 23. April 2023 zu sehen sein..

Das Begleitprogramm zu der Ausstellungstrias bietet neben Führungen und Vorträgen auch Kunstperformances und Stadtgänge an. Ein Überblick findet sich auf der Webseite des Historischen Museums. Diese wird fortlaufend aktualisiert. (lad) www.frankfurt-und-der-ns.de/de

Der Alpenverein gehörte Anfang des 20. Jahrhunderts zu den renommiertesten Vereinen der Stadt. Viele bekannte Wissenschaftler, Juristen und Ärzte waren Mitglieder, darunter auch Jüdinnen und Juden. „Unsere Liste von Mitgliedern, die verfolgt wurden, umfasst derzeit 50 Namen“, sagt Ursula Rüssmann, die Sprecherin der Projektgruppe „Spurensuche“ der Frankfurter Sektion. Die Sektion feierte 2019 ihr 150-jähriges Bestehen und nahm dies zum Anlass, das bis dahin noch unbeleuchtete Schicksal der jüdischen Mitglieder sowie die Rolle, die Vereinsfunktionäre bei deren Stigmatisierung und Verfolgung spielten, zu erforschen. Die Ergebnisse ihrer Recherche will sie später online veröffentlichen.

Die Spurensuche erweist sich für die Sektion als mühevoll, denn viele Dokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus sind im Vereinsarchiv nicht mehr vorhanden. „Ernst Meissinger ist bisher der Einzige, dessen Ausschluss aus der Sektion 1935 belegt ist“, sagt Ursula Rüssmann. Sie und die anderen Mitglieder der Projektgruppe würden sich freuen, wenn Frankfurter sich bei ihnen melden, die noch alte Bilder oder Unterlagen haben, die helfen, die Geschichte der Frankfurter Sektion im Dritten Reich zu beleuchten.

Ernst Meissinger, der es noch schaffte, an der Frankfurter Goethe-Universität in Geografie zu promovieren, unterrichtete vorübergehend am Philanthropin, der Schule der Frankfurter jüdischen Gemeinde, danach ging er nach Berlin und lehrte an der privaten jüdischen Leonore-Goldschmidt-Schule. 1939, als die Schule geschlossen wurde, bekam er als „Mischling“ seine Einberufung zur Wehrmacht. „Nach Aussage seines Bruders Hans, der auch einberufen wurde, wollte Ernst nicht kämpfen“, sagt Ursula Rüssmann. Hans fürchtete, eine Weigerung könnte das Leben der Mutter und Schwestern gefährden. Beide Brüder zogen deshalb für einen Staat in den Krieg, der sie und ihre Angehörige bedrohte.

Ernst Meissinger fiel im Juni 1940 in Frankreich in Bouilly im Département Aube. Sein Bruder Hans wurde wenig später, in einer Kehrtwende des Nazi-Regimes, wie andere jüdische Soldaten auch aus der Armee entlassen. Er, seine Mutter und seine beiden Schwestern überlebten das Dritte Reich. Sie wanderten nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA aus. Die Projektgruppe des Alpenvereins hat Kontakt zu Joyce Arnon, der Tochter von Hans Meissinger, die in Kalifornien lebt. Joyce Arnon hat erzählt, dass ihr Vater, ihre Großeltern und ihre Tanten nie über den Tod von Ernst hinweggekommen seien.

Ruth Esser Frank, eine frühere Philantropin-Schülerin, erinnerte sich an Ernst Meissinger als einen „besonders anständigen, christlichen Menschen“. Vor allem eine Sommerreise, die er 1936 mit 20 bis 30 Schülerinnen und Schülern in die Dolomiten machte, war ihr unvergesslich geblieben. „Es war ein besonders schöner Sommer. Für manche von uns der letzte in Deutschland oder der letzte im Leben.“

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