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Frühling im Park, und das Leben könnte so schön sein unter der 100-jährigen Schwarzen Walnuss (ganz rechts).

Frankfurt

Frankfurt: Die Zeit der Bäume

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Vor hundert Jahren wurde im Günthersburgpark in Frankfurt gepflanzt, was das Zeug hielt. Aber mit dem Bier war es keine einfache Sache. Eine Zeitreise.

Ein Baum. Es scheint, als wäre uns erst in diesen verwirrenden Zeiten klar geworden, jedenfalls manchen von uns, was für ein wunderbarer Schatz solch ein kraftvolles Stück Natur ist. Längst nicht mehr mit Gold aufzuwiegen. Vom Aussterben bedroht. Von keinem Corona-Erreger zu beeindrucken, doch von der Art, wie wir leben. Die war vor hundert Jahren noch grundlegend anders, unsere Art zu leben. Und das hier ist eine Geschichte über die Zeit, als wir noch halbwegs baumfreundlich unterwegs waren. Die Zeit vor hundert Jahren.

Von wegen gewöhnlich: Platane, gepflanzt 1920.

„Pflanzjahr 1920“: So steht es an vielen Bäumen im Günthersburgpark geschrieben – an erstaunlich vielen. Einem lieben Kollegen fiel es kürzlich auf. Wer von der Burgstraße hineingeht in den Park und den östlichen Weg hinauf nimmt, parallel zur Comeniusstraße, der kann es kaum übersehen. Die Platane dort: Pflanzjahr 1920. Diese Holländische Linde: Pflanzjahr 1920. Die Kaukasische Flügelnuss da drüben, jene Esche, und schau, die Schwarze Walnuss: alle Pflanzjahr 1920.

Wie kam’s? Die Fachleute müssen passen. „Das lässt sich leider bei uns nicht mehr nachvollziehen“, sagt Bernd Roser, Abteilungsleiter im Grünflächenamt, „unser Archiv reicht nicht so weit zurück.“ Aber Roser hat Zahlen: Hundert Jahre und älter sind 172 der insgesamt 680 Bäume im Günthersburgpark. Eine ganze Menge. Offenbar pflanzte man in jener Zeit recht standhafte Riesen. Oder die Bedingungen für junge Bäume waren gut. Ein Blick in die Wetterhistorie besagt allerdings: Nach heftigen Überschwemmungen zu Jahresbeginn war 1920 ein eher überdurchschnittlich trockenes Jahr.

Was bewog die Stadt, 1920 so viele Bäume in den Park zu pflanzen? Zeitzeugen fragen können wir nicht mehr; diejenigen, die womöglich noch leben, haben vor hundert Jahren wohl kaum am Zuwachs im Günthersburgpark schon wachen Anteil genommen.

Die Jugend blüht auf inmitten der Würde des Alters.

Es war die Zeit der steifen Kragen und Zylinder. So muss man sich die Herren aber nicht vorstellen, die seinerzeit pflanzten, was das Zeug hielt. Keine Väter der Klamotte, eher erdverkrustete Burschen, denn die Arbeit war hart, viel härter als heute. Das lag zum einen daran, dass Bäume in Stadtparks seit jeher nicht als Samen oder kleinste Pflänzchen in die Erde gebracht werden, wie es im Wald der Fall ist. Im Wald hat ein Baum – unter gesunden Umständen – Zeit zum Wachsen. Im Park muss möglichst schnell zu sehen sein, dass es sich um einen Baum handelt. Im Park soll er Grün und Schatten spenden. Im Park wird er deshalb bereits als metergroßes Gehölz eingepflanzt, mit bis zu 15 Zentimetern Stammdurchmesser.

Dafür braucht es ein stattliches Loch im Boden, und damit kommen wir zu Teil zwei der Erklärung dafür, dass es Burschen mit aufgekrempelten Ärmeln waren, die vor hundert Jahren Baumwelten schufen: Die mussten natürlich per Hand graben, die mussten in die Grube hüpfen und ackern. Es gab ja noch keine Bagger, die das heute übernehmen. Wenn also jemand steifen Kragen und Zylinder bei dieser Arbeit tragen könnte, dann eher die heutigen Baumnachwuchskreativen. Tun sie aber trotzdem nicht. Wie sähe das denn aus?

BAUMKATASTER

Mehr als 200 000 Bäume im öffentlichen Besitz gibt es in Frankfurt. Wer genau wissen will, welcher Baum wo steht, wann er gepflanzt wurde und wie seine wissenschaftliche Bezeichnung lautet, kann im Baumkataster der Stadt nachsehen. Dort sind auch alle Bäume durchnummeriert, jeweils innerhalb der Ordnung ihres Standorts.

Den „Baum-Stadtplan“ hat das Grünflächenamt 1981 angefangen, 2006 auf elektronische Datenverarbeitung um- und 2014 für alle zugänglich ins Internet gestellt. Er dient nicht nur als Informationsquelle für die Bevölkerung, sondern auch als Werkzeug für das Baumpflegepersonal. Die Leute vom Grünflächenamt und die beauftragten Fachfirmen können so den geografischen Standort aller Bäume erfassen, Informationen ablegen und einzelne Bäume leicht auffinden.

Das Baumkataster und weitere interessante Frankfurt-Karten im Internet: https://geoinfo.frankfurt.de. 

Ein Ausflug ins Stadtarchiv, ein Ausflug in die Dokumente rund ums Jahr 1920. Der Günthersburgpark, so viel steht fest, lag jedenfalls den Menschen am Herzen. 1837 von Carl Mayer von Rothschild angelegt, war er seit 1892 der Allgemeinheit zugänglich; „der ängstlichen Abgeschlossenheit“ entkommen, wie es in den Berichten heißt. „Hunderte von Kindern tummeln sich in lustigen Spielen unter dem schattigen Laubdache mächtiger Bäume“, schrieb ein begeisterter Namenloser. „Und wie bekommt der kleinen, fröhlichen Schaar der Aufenthalt in frischer, staubreiner Luft so vorzüglich, da die Wohnungsverhältnisse leider nur zu oft der traurigen Art sind!“ Und weiter: „Aber auch eine große Anzahl Bäume erfreuen uns durch ihren stattlichen Wuchs und durch die Seltenheit ihrer Art.“

Im Günthersburgpark jener Jahre belief sich die Miete, die der Obergehilfe der städtischen Gärtnerei für seine Wohnung vor Ort zu bezahlen hatte, auf 270 Mark, die Heizkosten betrugen 60 Mark. Jeweils pro Jahr, versteht sich. Verglichen mit den heutigen Preisen für eine Nordendwohnung in dieser Traumlage – ja, Schnäppchen dürfte der passende Begriff sein.

Doch es gab auch Schattenseiten. Im ehemaligen Orangeriegebäude befand sich eine Erfrischungsstation der städtischen Gesellschaft für Wohlfahrtseinrichtungen, der nachträglich ein Bierverkauf genehmigt wurde – bis es zu „Unzuträglichkeiten“ kam. Also gab es keine geistigen Getränke mehr. Die Gesellschaft bat später, wieder Bier ausschenken zu dürfen. Knappe Antwort: „Der Magistrat kann dem Antrage nicht entsprechen.“

Knackig geblieben: hundertjährige Kaukasische Flügelnuss.

1922 erhielt das Aufsichtspersonal im Park „strengste Anweisung, gegen das wilde Fußballspielen einzuschreiten“. Im April 1925 verständigte man sich im Magistrat darauf, dass das Dach des damaligen Palmen- und Gewächshauses im Günthersburgpark erneuert werden müsse. Kosten: 27 000 Mark. Teuer? Im Mai sah man davon ab und beschloss, das Gebäude neu errichten zu lassen. Dafür lag ein Angebot der Firma Oscar R. Mehlhorn aus Schweinsburg vor. Für 13 532 Mark – „einschließlich der Rollschattierungsanlage, der Eisenteile in feuerverzinkter Ausführung“ gab es damals ein ganzes neues Palmenhaus.

1930 dann heiße Zeiten. Die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung „ersucht den Magistrat, 1.) sofort einige schattige Rasenflächen des Günthersburgparks zur Benützung durch Kleinkinder freizugeben, 2.) im Interesse des durchgehenden Fußgängerverkehrs den Günthersburgpark schon morgens um 6 Uhr zu öffnen“.

Auf großem Fuß: Gewöhnliche Platane, dahinter die Gemeine Roßkastanie, beide von 1920, im Günthersburgpark.

Aber zu den auffälligen Baumpflanzungen von 1920: kein Wort. Interessant, dass schon damals auf Vielfalt Wert gelegt wurde, auf verschiedene Baumsorten, so wie es auch heute als vorbildhaft gilt. Nur dass heute die Unsicherheit groß ist, welche dieser vielen Baumsorten für die nächsten hundert Jahre halten. Welche von ihnen die ersten Dürrejahre überstehen. Welche alt genug werden, um Vögeln, Eichhörnchen, Fledermäusen und Insekten Schutz bieten zu können. Darüber müssen wir uns allerdings nicht den Kopf zerbrechen, solange freien Autofahrern freie Fahrt mit 200 Sachen auf der Autobahn erlaubt ist und geizgeilen Fluggästen freies Geleit auf all ihren Wegen, wenn nicht gerade ein Virus grassiert. Dann muss in hundert Jahren auch niemand mehr in den Archiven nach Pflanzjahren suchen. Dann hat der Mensch die Zeit mit den Bäumen hinter sich. Oder umgekehrt.

Sollten wir das Steuer aber doch noch herumreißen: 1950 wurden auch ziemlich viele Bäume gepflanzt, wie ein Blick ins städtische Baumkataster zeigt. Wenn die Welt vernünftig wird, lesen wir uns hier in 30 Jahren wieder. Versprochen.

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