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Viele Orte in Frankfurt sind für queere Menschen und Trans*Personen gefährlich.

Diskriminierung

Transphobie in Frankfurt: Schock nach Angriff auf der Zeil

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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In Frankfurt gibt es viele unsichere Orte für queere Menschen. Die Dunkelziffer an queerfeindlichen Übergriffen ist wohl sehr hoch.

  • Nach einem vermutlich queerfeindlichen Angriff vor dem Einkaufszentrum My Zeil sitzt der Schock in Frankfurt tief.
  • „Die Ereignisse haben uns erschüttert“, kommentiert das Bündnis Akzeptanz und Vielfalt.
  • Frankfurt: Ist die Zeil eine No-go-Area für queere Menschen?

„Ich stech dich ab!“, ruft ein junger Mann auf einem E-Scooter Petra Weitzel zu, als er in der Nähe der Hauptwache an ihr vorbeifährt. Der Vorfall ereignete sich am 24. August, als Weitzel eine Kundgebung gegen „LGTB-ideologiefreie Zonen“ in Polen besuchte. Weitzel ist Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität. Beleidigungen, Raubüberfälle, gewalttätige Übergriffe – solche Angriffe passierten regelmäßig, sagt sie.

Vermutlich queerfeindlicher Angriff in Frankfurt

Der Schock in der queeren Community sitzt noch tief, eine Woche nach dem vermutlich queerfeindlichen Angriff auf die aus den sozialen Medien bekannte 20-jährige Person „Kweer Drama“ vor dem Einkaufszentrum My Zeil. Auf Videos, die in den sozialen Medien kursieren, ist zu sehen, wie junge Männer auf sie einschlagen. Laut Polizei waren rund 150 Menschen vor Ort, schauten zu, filmten die Szene, aber schritten nicht ein. Zehn Tatverdächtige wurden noch am Tatort festgenommen. Zur Herkunft macht die Polizei keine Angaben.

„Die Ereignisse haben uns erschüttert“, kommentiert das Bündnis Akzeptanz und Vielfalt. „Wir sind entsetzt von der unterlassenen Hilfeleistung der umstehenden Personen, von denen nur eine Person zum Telefon griff und die Polizei alarmierte.“ Auch Jessica Purkhardt, Vorsitzende der Aids-Hilfe ist erschüttert. Gleichwohl ist sie nicht überrascht, dass der Übergriff auf der Zeil stattfand. „Menschen, die als lesbisch, schwul oder trans* gelesen werden können, haben dort weniger Freiheiten und müssen mehr auf sich achten als andere“, sagt sie.

Frankfurt: Zeil ist für queere Menschen offenbar gefährlich

Für Purkhardt ist die Zeil eine No-go-Area. Also ein Ort, der für bestimmte Menschengruppen zu gefährlich ist. Sie übt Kritik und fordert von allen Frankfurter:innen Solidarität: „Eine Stadtgesellschaft darf es nicht hinnehmen und muss sich dagegen wehren, dass ein Teil von ihr Orte im Herzen der Stadt nach Einbruch der Dämmerung sicherheitshalber meiden muss.“

Christian Landsmann und Marco Warmt vom Autonomen queerfeministischen Schwulenreferat der Goethe-Universität sehen die Zeil nicht als No-go-Area. Es gebe auch andere Orte in der Stadt, an denen es für queere Pärchen oder Trans*personen schwierig sei. „Ich wurde schon im Gallus mit dem Messer bedroht und in Bockenheim bespuckt und beleidigt. Andererseits bin ich als Dragqueen über die Zeil gelaufen und mir ist nichts passiert“, sagt Landsmann. Allerdings nehme sein „Unbehagen“ zu, sagt er. „Ich denke schon zweimal darüber nach, ob ich als Drag oder händchenhaltend mit einem Partner durch die Straßen laufe.“

Frankfurt: Ist die Zeil jetzt eine No-go-Area?

Auch die Frankfurter Polizei teilt die Ansicht von Purkhardt nicht, dass die Zeil ein gefährlicher Ort für queere Menschen sei. Im Jahr 2019 kam es nach Polizeiangaben zu zehn Fällen mit homo- und transphobem Hintergrund. Diese verteilten sich auf das gesamte Stadtgebiet. „Uns liegen auch keine Erkenntnisse vor, dass es in dieser Hinsicht eine Zunahme von Übergriffen oder dergleichen im Bereich der Zeil gab“, sagt Marc Draschl, Pressesprecher der Polizei.

Purkhardt widerspricht dem vehement: „Die Dunkelziffer ist hoch. Die Statistiken sind keine verlässliche Quelle, denn sie geben nur einen Bruchteil an Gewalt gegen queere Menschen wieder.“ Das Bündnis Akzeptanz und Vielfalt kritisiert hierbei die Polizei, weil das Motiv der Tat im ersten offiziellen Polizeibericht nicht genannt wurde.

Dies lag laut Polizei daran, dass den Beamten vor Ort „keine gesicherten Informationen zur Tat“ vorlagen. Nach Rücksprache mit den Kollegen für gleichgeschlechtliche Lebensweisen teilte die Polizei im zweiten Bericht dann mit, dass sie wegen eines trans- und homofeindlichen Motivs ermittele.

Frankfurt: jeder Angriff sollte eine Straftat sein

Aktuell würden queerfeindliche Angriffe nach der Richtlinie für den kriminalpolizeilichen Meldedienst in Fällen politisch motivierter Kriminalität (KPMD) erfasst, erläutert Sue Ehmisch, Mitglied im Bündnis Akzeptanz und Vielfalt. „Für mich ist jeder Angriff auf eine queere Person – dazu gehört auch jede Form von Diskriminierung – eine Straftat, und diese sollte daher nicht nur gesetzlich verfolgt und bestraft werden, sondern auch in einer Statistik getrennt erfasst werden“, betont sie.

Als Grund, warum dies nicht geschehe, gebe die Polizei an, dass eine statistische Erhebung der Personalien auch zum Nachteil der Opfer sein könne. Das Bündnis ist jedoch der Ansicht, dass eine Differenzierung zu einer statistischen Sichtbarkeit von transfeindlichen Übergriffen und damit zu einer Sensibilisierung in Polizei und Gesellschaft führen würde.

Silvia Weber: Alltägliche Gefahr für Trans*-Menschen auch in Frankfurt groß

Für Marco Warmt vom queerfeministischen Schwulenreferat ist in der Hinsicht Geduld gefragt: „Natürlich ist eine Sensibilisierung der Polizei wie auch der gesamten Gesellschaft, dringend notwendig. Man sollte aber nicht zu optimistisch sein, dass mehr Aufmerksamkeit sofort zu mehr Toleranz führen wird. Es ist noch ein langer gesellschaftlicher Prozess notwendig, der bis zur vollständigen Anerkennung von LSBTIQ führen wird.“

Auch Integrationsdezernentin Silvia Weber (SPD) verurteilt den Angriff. Er zeige, dass die alltägliche Gefahr für Trans*Menschen auch in Frankfurt groß sei. „Wir müssen auch endlich verstehen, dass wir in einer strukturell transfeindlichen Gesellschaft leben.“ Es brauche darum Einsatz an ganz unterschiedlichen Stellen: an Schulen, am Arbeitsplatz, aber auch im Freundes- und Bekanntenkreis. (Stefan Simon)

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