Auch die große Esprit-Filiale an der Hauptwache wird noch in diesem Jahr schließen.
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Zeil in Frankfurt am Main: Auch die große Esprit-Filiale an der Hauptwache wird noch in diesem Jahr schließen.

Einzelhandel

Corona in Frankfurt: Einkaufsmeile Zeil droht die Verödung

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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Der Zeil in Frankfurt steht ein großer Umbruch bevor. Mehrere Ankermieter auf der Einkaufsstraße schließen noch in diesem Jahr - auch wegen Corona.

  • Corona treibt die Läden auf der Frankfurter Zeil zu Rabattaktionen und Ladenschließungen.
  • Nach Kaufhaus Karstadt machen auch Zara und Esprit auf der Frankfurter Zeil dicht.
  • Die Handelskette Esprit verliert ihr bundesweit größtes Verkaufsgeschäft.

Frankfurt – Der Frankfurter Einkaufsmeile Zeil droht eine zeitweilige Verödung. Neben dem großen Kaufhaus Karstadt schließen bis Jahresende mit den Bekleidungsgeschäften Zara und Esprit mindestens zwei weitere große Geschäfte in der Frankfurter Innenstadt. Joachim Stoll, Vorsitzender des Frankfurter Einzelhandelsverbands, konstatiert: „Wir sind in großen Schwierigkeiten.“ Die Corona-Pandemie habe einen mittelfristigen Trend verschärft. Die Zeil als laut Stoll „hochgezüchtete Verkaufsmaschine“ stottert derzeit erheblich. Es fehlen Touristen, Messegäste und Pendler, die normalerweise in Frankfurt arbeiten und derzeit im Homeoffice sind und daher statt in der Frankfurter Innenstadt in ihrem jeweiligen Heimatort einkaufen. „Je weiter Sie von der Zeil weggehen, desto entspannter ist die Lage“, so Stoll, der selbst ein Lederwaren- und Koffergeschäft an der Zeil betreibt und dort derzeit große Umsatzprobleme hat.

Schnäppchenjäger werden derzeit auf der Frankfurter Zeil besonders fündig.

Leerstände, wie sie ab dem Jahresende auf der Zeil zu erwarten sind, machen die Einkaufsstraße nicht attraktiver. Mit Esprit verliert die Zeil zumindest zeitweilig 3000 Quadratmeter Verkaufsfläche in bester Lage. Es ist das bundesweit größte Geschäft der Handelskette. „Wir werden Dich hier vermissen“, prangt aktuell in großen Lettern in den Schaufenstern von Esprit. Auf den fünf Etagen unweit der Hauptwache werden derzeit bis zu 50 Prozent Rabatt eingeräumt. Wer über die Zeil flaniert, findet viele dieser Ultra-Rabatte. Beim Damenausstatter Appelrath&Cüpper werden sogar bis zu 70 Prozent Nachlass gewährt. Die bundesweite Modekette hat im Frühjahr Insolvenz angemeldet. Ob die Filiale in der Mitte der Zeil erhalten bleibt, ist noch offen. Die Verhandlungen mit dem Vermieter laufen.

Wegen der Corona-Krise verschärft sich die Situation für die Händler auf der Zeil

Schon sicher ist das Aus für die Zara-Filiale auf der Zeil zum Jahresende. Die Gründe dafür sind nicht ganz klar. Denn Zara gehört zum spanischen Konzern Inditex und hatte in den vergangenen Jahren satte Gewinne erwirtschaftet. Zuletzt hieß es, der Konzern wolle sich auf seine lukrativen Filialen in bester Lage konzentrieren. Das würde aber eigentlich gegen ein Aus der Filiale auf der Zeil sprechen. Marcel Schäuble, bei Verdi Gewerkschaftssekretär für den Bereich Textil, vermutet, dass Zara in Frankfurt eine Flagship-Lösung wie in Hamburg oder Berlin vorschwebt. Dort sind neuerdings Abholstationen für den Online-Handel in den Läden integriert, die große Lagerflächen voraussetzen. Die Zara-Filiale auf der Zeil hat zwar 2000 Quadratmeter Verkaufsfläche, aber wenig Lagerkapazität.

Ohnehin scheinen viele Flächen auf der Zeil nicht mehr ganz zeitgemäß. So verrät die Einzelhandelsexpertin beim großen Immobilienmakler Jones Lang LaSalle (JLL), Aniko Korsos, dass es immer noch Anfragen für Gewerbeflächen auf der Zeil gibt, die aber häufig nicht bedient werden könnten. „Der perfekte Laden ist auf der Zeil kaum zu finden“, so Korsos. Perfekt seien etwa 100 gut geschnittene Quadratmeter, für die immer noch Spitzenmieten von 310 Euro pro Quadratmeter gezahlt würden. Auch größere gut geschnittene Flächen auf einer Ebene, etwa für den Bereich Lebensmittel, würden angefragt, ohne dass es die Flächen derzeit gebe.

Dabei gibt es durchaus Leerstand auf der Zeil. Der Makler JLL verzeichnet derzeit in den besten Lagen in der Innenstadt einen Leerstand von 4,5 Prozent. Vor zehn Jahren lag der Wert noch bei 0,1 Prozent. Noch drastischer sind die Zahlen bei den sogenannten verfügbaren Flächen. Darunter verstehen Immobilienmakler Flächen, die in den kommenden anderthalb Jahren frei werden, weil Mietverträge auslaufen oder Mieter Nachmieter suchen. Diese sogenannte Verfügbarkeitsquote liegt laut JLL derzeit bei 29,5 Prozent, dem höchsten Wert seit der Erfassung. Fast ein Drittel der Flächen auf der Zeil und den angrenzenden Lagen wie Roßmarkt, Biebergasse und Goethestraße sind also demnächst vakant.

Noch hat Zara auf der Zeil geöffnet, aber am Jahresende ist Schluss.

Der Frankfurter Innenstadt steht somit gewerblich ein größerer Umbruch und auch die ein oder andere Baustelle bevor. Schon jetzt gibt es in den sogenannten 1a-Lagen in der Innenstadt Lücken. Die größte davon in der Biebergasse, wo der Schuhhändler Goertz ausgezogen ist. Auch das benachbarte Geschäft steht leer. Beide Objekte sollen neu bebaut werden.

Als sehr wahrscheinlich gilt auch der Abriss des Karstadt auf der Zeil in den kommenden Jahren, was eine Mammutbaustelle ähnlich wie zuletzt beim Einkaufszentrum My Zeil zur Folge hätte. Maklerin Korsos bezeichnet einen solchen Abriss und Neubau als wünschenswert. Für Obergeschosse brauche es andere Nutzungsarten als bislang. Viele Einzelhändler würden auch ihre Verkaufsflächen reduzieren wollen.

Karstadt auf der Zeil wird vermutlich abgerissen

Sicherlich streben viele Einzelhändler auch geringere Mieten an. Der Frankfurter Einzelhandelschef Stoll fürchtet, dass viele Bürotürme in Frankfurt auch nach der Pandemie leer stehen und Pendler als Kunden ausbleiben. Einer Umfrage des Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation zufolge gaben 69 Prozent der Befragten an, auch nach der Pandemie mehr von zu Hause aus arbeiten zu wollen. Bei dauerhaft schrumpfenden Umsätzen sind Spitzenmieten auf der Zeil für viele Branchen wohl nicht mehr zahlbar. „Wir werden wahrscheinlich einiges abkleben müssen, damit die Mieten sinken“, schaut Stoll voraus. Von der Immobilienbranche wünscht sich der Einzelhändler Ideen für sinnvolle Zwischenlösungen, von der Politik Konzepte, damit keine dauerhafte Abwärtsspirale entsteht, unter der dann auch noch die Geschäfte leiden, denen es eigentlich ganz gut geht.

Stoll gibt zu bedenken, dass solche Konzepte in der sich wandelnden Zeit wohl durchdacht sein müssten. So galt etwa das Einkaufszentrum My Zeil vor zwei Jahren als zukunftsträchtig mit seiner Lösung eines Kinos und ganz viel Gastronomie in der obersten Etage. Doch auch im My Zeil gibt es derzeit Leerstand auf fast allen Etagen. (Von Oliver Teutsch)

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