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Viele Schüler können in Frankfurt nicht auf ihre Wunschschule gehen.

Bildung

Wunschschule verwehrt - Eltern sind sauer und fassungslos

Prognosen gehen davon aus, dass in fünf Jahren 72 000 Kinder und junge Erwachsene in Frankfurt zur Schule gehen - 11 000 mehr als heute. Das ist eine Herausforderung für die Stadt, auch mit Blick auf die Zuteilung der Wunschschule.

Frankfurt - Machtlos. Traurig. Sauer. Enttäuscht. So beschreibt Hannelore Baumann ihre derzeitige Gefühlswelt. Die Sachsenhäuserin heißt in Wirklichkeit anders, möchte ihren richtigen Namen aber nicht in der Zeitung lesen, um ihre Tochter zu schützen. Denn die zehnjährige Sarah ist eines der Viertklässler, die nach den Sommerferien nicht auf eine ihrer Wunschschulen gehen wird.

Auch Tage, nachdem Hannelore Baumann die Absagen der favorisierten weiterführenden Schulen aus dem Briefkasten geholt hat, kann sie es noch nicht glauben. "Monatelang haben wir uns Gedanken darüber gemacht, welche Schule für unsere Tochter die beste ist. Und jetzt soll es keine der Wunschschulen sein? Das kann doch nicht sein", sagt sie. Die Familie hatte sich für Schillerschule und Freiherr-vom-Stein-Schule, zwei Gymnasien in Sachsenhausen, entschieden.

Doch Sarah wurde einer anderen Schule zugewiesen: dem Gymnasium Römerhof in Bockenheim. Ihre Tochter sei über die Zuweisung traurig, all ihre Freundinnen hätten einen Platz an ihrer Wunschschule bekommen. "Sie gibt sich aber tapfer", sagt Baumann. Sie selbst nennt die Zuweisung eine "Unverfrorenheit". "Hier wird Kindern die Freude am Lernen genommen." Der Schulweg - "Minimum eine Stunde mit zwei Mal Umsteigen" - sei eine Zumutung. "Das kann man zehnjährigen Kindern doch nicht antun. Sie haben keine Zeit mehr für Hobbys und werden aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen."

Schüler in Frankfurt: Zumutbare Wege

Für das Staatliche Schulamt, das für die Verteilung der Kinder verantwortlich ist, ist jedoch jede Schule in Frankfurt erreichbar - egal von welchem Stadtteil aus. "Ich kann die Besorgnis der Eltern nachvollziehen, wenn sie nicht wollen, dass ihre Kinder mit der U-Bahn fahren oder an der Konstablerwache oder dem Hauptbahnhof umsteigen", sagt Evelin Spyra, die Leiterin des Staatlichen Schulamts. "Aber wir leben hier in keiner Kleinstadt, sondern in einer Metropole, und da gehört das nunmal mit dazu." Ein Weg von einer halben Stunde bis Stunde sei durchaus zumutbar.

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Gleichwohl rät Spyra den besorgten Vätern und Müttern aber auch dazu, sich den neuen Schulweg mit ihren Sprösslingen im Vorfeld anschauen, ihn gut zu üben und sie am Anfang auch zu begleiten. "Die Kinder lernen schnell und gehen beherzt an die Sache ran", sagt Spyra. Zudem rät die Leiterin des Staatlichen Schulamts, sich auf die Wartelisten an den Wunschschulen schreiben zu lassen. "Und wenn nichts hilft, dann müssen die Eltern Widerspruch einreichen", sagt Spyra. Das sei ihr gutes Recht. Im vergangenen Jahr waren rund 70 Widersprüche bei der Schulbehörde eingegangen. "Wir rechnen in diesem Jahr mit einer vergleichbaren Zahl."

Seit fünf Jahren schlagen immer wieder kurz vor den Sommerferien Väter und Mütter Alarm, weil ihre Sprösslinge keinen Platz an der Wunschschule bekommen haben. Im vergangenen Sommer waren es rund 600 Kinder, in den Jahren zuvor war die Zahl ähnlich hoch. In diesem Jahr sind 530 Viertklässler betroffen. Das bedeutet: Fast jedes zehnte Kind kommt nach den Ferien nicht auf seine favorisierte Schule. "Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass rund 91 Prozent der Erst- und Zweitwünsche erfüllt wurden", sagt Spyra.

Schulen in Frankfurt: Unerfüllte Wünsche

Mit zehn Prozent Lenkungen, wie das Schulamt die Zuweisungen nennt, lägen diese auf dem Niveau der vergangenen Jahre. Abgenommen habe hingegen die Zahl der Kinder, die nicht auf ihrem Wunschgymnasium angenommen wurden. Waren es 2018 noch 365, so sind es in diesem Jahr 100 weniger. Dafür ist in diesem die Zahl der unerfüllten Wünsche an den Integrierten Gesamtschulen gestiegen. "Und ich prophezeihe mal, dass es auch im kommenden Jahr keine substanzielle Änderung geben wird", sagt Spyra. "Ich glaube nicht, dass wir in den nächsten Jahren eine gesättigte Schullandschaft haben werden und alle Wünsche erfüllen können."

Doch woran liegt das? Immerhin wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Schulen gegründet: das Adorno-Gymnasium, das Gymnasium Römerhof, das Gymnasium Nord, die Integrierte Gesamtschule Süd (IGS), die IGS Kalbach-Riedberg, die Kooperative Gesamtschule Niederrad (KGS). Und jetzt im Sommer eröffnet noch die IGS Nord. Zudem wurden an zahlreichen Schulen mehr Klassen als eigentlich vorgesehen eröffnet. "Wir haben aber nach wie vor steigende Schülerzahlen", sagt Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) im Gespräch mit dieser Zeitung. Schon in fünf Jahren sollen 72 000 Mädchen und Jungen eine der Bildungseinrichtungen in Frankfurt besuchen - das wären 11 000 Kinder mehr als heute. "Wir müssen permanent neue Schulen eröffnen, um gerade so mit dem Wachstum Schritt zu halten und alle Kinder in einer Schule unterzubekommen." Deshalb arbeite man weiterhin daran, so schnell wie möglich weitere Kapazitäten zur Verfügung zu stellen.

Wunschschule in Frankfurt: Plan fortschreiben

Derzeit wird an der Fortschreibung des Schulentwicklungsplans gearbeitet. "Wir befinden uns intern mit allen Gremien im Gespräch", sagt Weber. Vergangenen Freitag habe es eine Beratung mit dem Stadtelternbeirat und dem Stadtschülerrat gegeben. Nach den Sommerferien soll der neue Plan dann in den Geschäftsgang gehen.

Fest steht schon jetzt: 2021 wird es ein neues Gymnasium Mitte-Nord geben und auch für die IGS 16, die jetzt in Bockenheim eröffnet, soll es dann einen endgültigen Standort geben. Beide Schulen sollen in einer Bestandsimmobilie unterkommen. "Darin sehen wir die Zukunft", sagt Weber. "Es gibt kaum noch freie Flächen in der Stadt und Holzmodule sind aufgrund der hohen Nachfrage auch nicht mehr schnell und einfach zu bekommen."

Hannelore Baumann hilft das nicht. Doch was hat sie jetzt vor? "Ich werde Widerspruch einlegen", sagt die Mutter entschlossen. "Auch wenn es nichts bringen sollte. Aber ich will mir das nicht einfach gefallen lassen und ein Zeichen setzen, dass man so mit den Kindern nicht umgehen kann."

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