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Wer in Frankfurt eine Wohnung sucht, hat es schwierig.

Stadt kann Leerstände nicht erfassen 

Wohnraummangel? Ein kleiner Stadtteil steht in Frankfurt leer  

In Frankfurt gibt es zahlreiche leerstehende Wohnungen, nur wenige sind bekannt. 400 Adressen hat der Mieterbund Höchster Wohnen bislang gesammelt. Aber die Stadt hat keine Handhabe.

Frankfurt - Sieghard Pawlik von der Höchster Wohnen kann nur 150 Meter entfernt vom Büro der Mieterinitiative gleich drei Leerstände aufzählen: Bolongarostraße 155, ein prächtiges, graublaues Gebäude, das früher einmal eine Gastwirtschaft beherbergt haben muss; die Bolongarostraße 175, die einer Privatperson wenige Meter weiter gehört - sie will nicht mit dieser Zeitung sprechen. Und schließlich ein Leerstand nahe dem Schlossplatz.

Pawlik ärgert das. "Viele Leerstände dürften Privateigentümer sein, die nicht wissen, wie sie ihre Häuser managen können." Ihnen könne geholfen werden, betont Pawlik, Bei anderen wiederum, die ihre Immobilien bewusst leerstehen ließen, um sie später gewinnbringend zu verkaufen, sähe er gerne das 2004 abgeschaffte Wohnraumzweckentfremdungsgesetz wieder in Kraft. Dieses sei auch die einzige Möglichkeit, wie die Stadt überhaupt eine Ahnung davon bekommen könne, wie viele Wohnungen in Frankfurt tatsächlich leerstehen.

Frankfurt: Viele Wohnungen sind leer 

Pawlik selbst sammelt seit einigen Wochen Adressen von Leerständen und geht dafür Hinweisen aus der Bevölkerung nach. Rund 50 Mehrfamilienhäuser mit schätzungsweise 400 Wohnungen hat er schon ausfindig gemacht. Seitens der Stadt räumt Kai Schönberg, Leiter der Stabsstelle Mieterschutz, ein: Rechtliche Möglichkeiten hat die Stadt nicht, sie kann nicht einmal erfassen, wo Leerstände sind. "Natürlich muss mehr gebaut werden. Aber so lange können wir nicht warten", weiß Schönberg und wünscht sich, wie Pawlik, das Wohnraumzweckentfremdungsgesetz zurück. Zu viele Menschen suchten händeringend nach einer Wohnung und fänden keine, während gleichzeitig hunderte Wohnungen leerstünden.

Die Chancen aber stehen schlecht, dass das Wohnraumzweckentfremdungsgesetz reaktiviert wird. Zuständig wäre das Land, und Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) sieht dafür keine Notwendigkeit. Eine Studie des Instituts für Wohnen und Umwelt in Darmstadt kam jüngst zu dem Schluss, dass die Leerstände in Frankfurt mit 1,4 Prozent sehr gering seien. Bei rund 400 000 Wohnungen in Frankfurt wären dies fast 6000 - so viele wie in einem kleinen Stadtteil.

Tarek Al Wazir (Grüne): keine Notwendigkeit für Zweckentfremdung 

Stehen Sie auch vor dem Problem, eine Wohnung in Frankfurt zu finden? Wir haben einige Tipps zusammengestellt, die bei der Suche helfen. 

Jürgen Conzelmann von Haus und Grund, dem Hauseigentümerverein in Hessen, sieht den Leerstand hingegen nicht als gravierendes Problem: "Niemand weiß genau, wie viele Wohnungen leerstehen. Sogar die ABG und andere, auch gemeinnützige Träger müssen Häuser Monate oder länger leerstehen lassen, wenn sie Baumaßnahmen planen." Echte Spekulationsobjekte sieht Conzelmann eher in Grundstücken als in Häusern. "Oft, wenn Häuser leer stehen, geht es darum, die Wohnfläche zu vergrößern, wofür ein Umbau nötig wäre."

Das bestätigt der Geschäftsführer der Frawestate Projektgesellschaft. Ihr gehören mehrere Häuser in Frankfurt, unter anderem die Eckenheimer Landstraße 24 und die Brahmsstraße 20. "Wir würden gerne die leerstehenden Wohnungen vermieten", sagt der Geschäftsführer. "Aber weil wir umbauen müssen, ist das Risiko sehr groß, dass ein Zwischenmieter nach einem Jahr nicht mehr herausgeht."

Stadt Frankfurt kann Leerstand nicht erfassen 

Wie lange es dauere, bis eine Baugenehmigung vorliege, sei kaum zu kalkulieren. Wenn es ganz gut gehe, dauere es sechs Monate, es könne aber auch ein oder zwei Jahre dauern. "Da haben wir keinen Einfluss darauf. Wir brauchen die Genehmigung aus der Nachbarschaft, und die Nachbarn halten die Hand auf. Mieter, die ausziehen sollen, halten die Hand auf, alles verteuert das Projekt." 

In der Eckenheimer wohnen noch zwei Altmieter, sie können auch bleiben, andere Wohnungen wurden zeitweise zwischenvermietet, aber für den Geschäftsführer ist dies immer ein Risiko. "Es müsste da bessere gesetzliche Möglichkeiten geben. Dann müssten solche Wohnungen nicht monatelang leerstehen", sagt er. Hingegen hat er keinerlei Verständnis dafür, dass Häuser zehn oder mehr Jahre leerstehen.

Arzt aus Frankfurt-Westend vor Gericht 

Zahlreiche solcher Leerstände aus dem Eigentum eines Arztes aus dem Westend - er musste mit einigen Kompagnons vor Gericht antreten - sind inzwischen weiterverkauft. In einigen Fällen haben Projektgesellschaften mit mehreren Tochtergesellschaften in Luxemburg. Die Versuche dieser Zeitung, mit den Geschäftsführern in Kontakt zu treten, waren nicht von Erfolg gekrönt.

Immerhin: Bei zwei Immobilien in der Dreieichstraße 34 und der Burgstraße 56, die jahrelang leerstanden, könnte es vorangehen. Sie werden mittlerweile von der Frankfurter Firma Printz & Schwenk verwaltet, die auf Anfrage mitteilte, beide Immobilien würden umgebaut.  Von Thomas Schmidt 

München verhängt Bußgeld bis 500.000 Euro 

Ein Mittel gegen Leerstand scheint die Stadt München gefunden zu haben, wo die Mieten noch höher sind als in Frankfurt. "Wir haben nicht viel spekulativen Leerstand", sagt Hedwig Thomalla, Sprecherin des Sozialreferats München. Der Grund: Seit Jahren gibt es in Bayern eine Wohnraumzweckentfremdungs-Gesetzgebung, die gerade verschärft worden ist. Demnach kann ein Bußgeld bis zu 500 000 Euro kosten, ersatzweise auch Haft. Das wirkt abschreckend.

In München hatte eine Initiative im Internet unter dem Stichwort "089Leerstand" Adressen gesammelt und damit Druck auf die Stadt ausgeübt. Diese hat im Januar 2018 ein eigenes Meldesystem für die Bürger eingeführt. Im ersten Jahr wurden 1189 Adressen gemeldet, davon 455 mögliche Leerstände von Wohnungen. "Wir haben eine schlagkräftige Gruppe im Referat, die sich darum kümmert und die Adressen durchgeht", sagt Thomalla. Ergebnis: In 370 Fällen konnte die Zweckentfremdung beendet werden. Davon waren 126 Fälle von Leerstand. In 85 Fällen reichte ein Schreiben der Behörde, in 41 Fällen mussten Zwangsmaßnahmen angeordnet werden. Der Rest seien Fälle, in denen ein Leerstand nötig sei, etwa weil Umbaumaßnahmen anstünden. Länger als drei Monate allerdings darf keine Wohnung leer stehen.

Zum Vergleich: 2014, bevor es das Meldesystem gab, wurden deutlich weniger Zweckentfremdungen beendet, nämlich 158. Davon waren 87 Fälle von Leerstand. Und die anderen Fälle? Sie betreffen vor allem das Vermieten an Feriengäste, sprich AirBnB.

München hat mit 794 628 Wohnungen rund doppelt so viele wie Frankfurt. In der Mainmetropole stehen Schätzungen zufolge etwa 5000 bis 6000 Wohnungen leer. tjs

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