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Frankfurt: Wohncontainer für Obdachlose

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Von: Thomas Stillbauer

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Bruder Paulus Terwitte, Bernd Reisig, Georg Leppert und Tina Zapf-Rodriguez (v.l.).
Bruder Paulus Terwitte, Bernd Reisig, Georg Leppert und Tina Zapf-Rodriguez (v.l.). © Peter Jülich

Die FR-Podiumsdiskussion über „Eisenbahn-Reiner“ und eine gerechte Stadt mündet in einen mutigen Vorschlag.

Frankfurt - Es geht in dieser Debatte nicht nur um den „Eisenbahn-Reiner“. Es geht um alle obdachlosen Menschen in Frankfurt, als sich am Donnerstagabend in der Liebfrauenkirche Fachleute und Bürger:innen zur Podiumsdiskussion „Gerechte Stadt?!“ treffen. Die Katholische Erwachsenenbildung hat eingeladen – und der Eisenbahn-Reiner ist nur das prominenteste Beispiel für ein weitreichendes Problem.

Vor Jahren schon hat sich der obdachlose Mann, Reiner Schad mit bürgerlichem Namen, in der Liebfrauenstraße mit seiner Spielzeugeisenbahn niedergelassen. Bruder Paulus, Kapuzinermönch aus dem benachbarten Liebfrauenkloster, gefällt das nicht. „Was haben Sie gegen Eisenbahn-Reiner?“, fragt ihn Moderator Georg Leppert, stellvertretender Leiter der FR-Rhein-Main-Redaktion, zum Auftakt des Abends.

Frankfurt: FR-Podiumsdiskussion über „Eisenbahn-Reiner“ und eine gerechte Stadt

„Nichts“, sagt Paulus, „ich habe Achtung vor jedem Menschen.“ Wir lebten jedoch in einer solidarischen Gemeinschaft, „in der nicht jeder sich zum Mittelpunkt der Welt machen kann“. Er gönne Schad, „dass er auch mal anderswo ist“ als immer nur in der Liebfrauenstraße, etwa vor dem „Haus zur Goldenen Waage“ in der neuen Altstadt oder an anderen attraktiven Orten. Mit Schad gehe man ungerecht um, indem er eine Ausnahmegenehmigung zum Aufenthalt nur an dieser einen Stelle habe.

Das nehmen dem Geistlichen nicht alle ab. Musikmanager und Stiftungsgründer Bernd Reisig etwa, obwohl seit langem mit Paulus freundschaftlich verbunden, betont, es sei nicht dessen Aufgabe, die Würde speziell dieses Menschen zu verteidigen. „Wenn Eisenbahn-Reiner da sein will, ist das sein Wille. Er ist dort heimisch und kriegt dadurch seine Würde zurück. Lasst den Mann doch da sitzen.“

Frankfurt: Wie die Stadt mit Obdachlosen umgeht

Ähnlich sieht es Tina Zapf-Rodriguez, Grünen-Fraktionsvorsitzende und Dritte im Bunde der Podiumsgäste. Der Platz in der Liebfrauenstraße sei „sein Stückchen Glück, sein Stückchen Teilhabe an Frankfurt – diese Stadt hat auch Platz für Menschen wie Herrn Schad“. Dann, folgert Bruder Paulus, müssten sich aber in der bürgerlichen Gesellschaft nicht nur der Eisenbahn-Reiner, sondern alle dort niederlassen dürfen, wo sie wollten, und „ihr Spanferkel vor dem Römer grillen“. Tumult im Kirchenschiff. Reisig kontert: „Die bürgerliche Gesellschaft will beispielsweise auch, dass homosexuelle Paare heiraten dürfen. Man hat den Eindruck, ihr“ – also die Kirchenleute – „pickt euch raus, was euch passt.“

Es geht, wie gesagt, nicht nur um Schad. „Wie geht die Stadt mit den Obdachlosen um?“, fragt Leppert in die Runde, und an Reisig gerichtet, der mit seiner Stiftung „Helfen helfen“ Menschen ohne Wohnsitz unterstützt: „Ist es ein Armutszeugnis für die Stadt Frankfurt, dass es die Stiftung gibt?“ Das Beste wäre, wenn die Veranstaltungen überflüssig wären, die er zu Weihnachten und zu Ostern für obdachlose Menschen organisiert, sagt Reisig. „Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der die Menschen für andere da sind. Mir fehlen dafür in Frankfurt Konzepte.“

„Eisenbahn-Reiner“ an seinem Platz in der Liebfrauenstraße.
„Eisenbahn-Reiner“ an seinem Platz in der Liebfrauenstraße. © christoph boeckheler*

Diskussion über Obdachlosigkeit in Frankfurt

Das richtet sich an die Stadtpolitik. „Obdachlosigkeit ist eine Tatsache bei uns“, gibt die Grüne Zapf-Rodriguez zu. Ein Konzept sei aber da: Wohnraum für Betroffene zur Verfügung zu stellen. „Wir wollen herausfinden, ob das geht – für diejenigen, die es wollen.“ Das müsse aber schneller gehen, fordert Reisig. Dass Vermieter, die nur „Dollarzeichen in den Augen hätten“, auch mal „einfach eine Wohnung für Obdachlose zur Verfügung stellen“, verlangt Paulus. Die Solidarität der Stadtgesellschaft sei gefragt, sagt Zapf-Rodriguez.

Diese Solidarität fordert Reisig schließlich ein: „Sie organisieren Container, in denen Obdachlose wohnen können“, ähnlich wie jene auf Langzeitbaustellen, schlägt er der Grünen-Politikerin vor, „und ich finde 100 bis 150 Firmen oder Bürgerinnen und Bürger, die Patenschaften übernehmen und die Wohncontainer kostenfrei hinstellen.“ Die Zukunft wird zeigen, ob der Plan aufgeht. Doch die Zeit drängt – schon sind die Nächte auf der Straße wieder kalt, eigentlich zu kalt, um draußen zu übernachten. (Thomas Stillbauer)

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