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Frankfurt: Wo die Natur aus ihren Grenzen wanket

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Von: Thomas Stillbauer

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Stadtforstfauna: Hirschkühe im Oberräder Wald.
Stadtforstfauna: Hirschkühe im Oberräder Wald. © Renate Hoyer

Der Frankfurter Stadtwald wird 650 Jahre alt. Die Menschen lieben ihn aus vielen Gründen.

Von uns kann es niemand ganz genau wissen, weil niemand dabei war, aber man munkelt: Den Frankfurter Stadtwald gibt es schon ein bisschen länger als 650 Jahre. Wahrscheinlich sogar schon ein bisschen viel länger. Nur hieß er da noch nicht so. Zum Stadtwald wurde er nur, weil der Kaiser Geld brauchte. Also ließ Karl IV. anno 1372 den Reichsforst an Frankfurt verpfänden – für 8800 Gulden. Eine Riesensumme. Ein Riesenglück. Wie gut, dass wir ihn haben, mit all seinen Wundern. Aber auch mit all seinen Wunden.

Lieblingsort. Wie sehr die Frankfurterinnen und Frankfurter ihren Stadtwald lieben, ist nicht erst seit 2017 bekannt. Aber da fiel es besonders auf, denn 2017 brannte, von einem bis heute nicht gefassten Übeltäter angezündet, der Goetheturm nieder. Es flossen Tränen, es floss viel Spendengeld, es gab jede erdenkliche Anstrengung, den Holzturm neu zu errichten, und die Herzensbindung der Stadt zu ihrem Wald wurde manifest wie sonst nur am Wäldchestag. Jacobiweiher und Oberschweinstiege sind weitere Lieblingsorte im Stadtwald. Der Monte Scherbelino war einer, als man noch hinkonnte. Und das Waldstadion wird natürlich immer ein Lieblingsort sein.

Lieblingsort einst auch der Hirten

Weil sich herumgesprochen hat, dass die Menschen so gern hingehen, gibt es im Wald auch jede Menge komische Kunstwerke, den Pinkelbaum und den Monsterspecht beispielsweise. Einst war der Wald auch Lieblingsort der Hirten, die ihre Schweine in den Wald trieben zum Weiden, zum Eichelnfressen. Grenzsteine erinnern noch heute daran, wie Thomas Claus in seinem formidablen Stadtwald-Film zeigt, der beim Festakt am Mittwoch erstmals vorgeführt wurde.

Im Film datiert Jan Gerchow, der Direktor des Historischen Museums, die ersten Wäldchestage auf das Ende des 18. Jahrhunderts. Und wir erfahren, dass Felix Mendelssohn-Bartholdy noch früher den Stadtwald pries, sogar in ihm komponierte und Werke aufführen ließ. Schon Schiller rastete im Forst.

Bisswunden für den Flugverkehr

Lärmort. Man sagt nichts Böses über einen Jubilar, und er ist ja auch nicht schuld daran, dass es unerträglich laut in ihm ist. Was kann der Stadtwald dafür, dass alle astlang ein Düsenjet über ihn drüberjagt und jedes Gespräch, jede Festrede verstummen lässt. Wie viele Geburtstagsansprachen mussten schon unterbrochen werden – „erhebe ich mein Glas … und … und …“ –, weil von und nach Frankfurt geflogen wird, als gäbe es keine Schwerkraft – „und rufe euch ein dreifaches … vierfaches … fünffaches …“ – und als gäbe es keinen Klimawandel. Dass der Flughafen Stücke aus dem Stadtwald herausgebissen hat, haben ihm viele in dieser Stadt und im näheren Umland nicht verziehen. Den Vögeln, dem Wild, den Kröten und Lurchen aber sei Respekt gezollt für den Gleichmut, mit dem sie es hinnehmen, das Getöse.

Stolzort. Nicht alle Städte haben einen Stadtwald, sagt Tina Baumann, die Chefin der Abteilung Stadtforst im Frankfurter Grünflächenamt. Das sei durchaus etwas Besonderes, und es gebe ein Netzwerk, einen regen Austausch mit anderen Kommunen, die auch eigenen Wald haben. 6000 Hektar Stadtwald, Teile davon im Taunus. 500 Jahre alte Eichen. Was für ein Schatz.

Wo einst der Main rauschte

„Dieser Wald ist wie eine Art Insel, ein isoliertes Dasein“, sagt Baumann. Vor Zehntausenden Jahren sei der Main durch das Gelände geflossen, heute unvorstellbar, und habe all den Sand hinterlassen, der die sagenhaften Schwanheimer Dünen zum Ort des Staunens macht. Der ungebändigte alte Main. Man stelle sich das viele Wasser vor. Baumann: „Heute müssen wir überlegen, wie wir Wasser in den Wald bringen.“ Wenn es doch bloß ginge.

Angstort. Denn es ist ja absehbar, dass er noch mehr hergeben muss von seiner Pracht, der Wald im Wandel, im Klimawandel. So viel Krankheit wird seit Jahren bei den Bäumen diagnostiziert, die wir doch so dringend brauchen, so viel Tod betrauert. Und doch bei aller Verzweiflung auch wieder Hoffnung ausgerufen. Die Esskastanie könnte vielleicht in Frankfurt heimisch werden, glaubt Tina Baumann. Auch die Winterlinde gibt Anlass zu vorsichtigem Optimismus – nach allerdings erst kurzer Testphase. Der alte Stadtwald ist andere Zeiteinheiten gewohnt als die Intervalle, in denen der Klimawandel ihm auf die Borke gerückt ist. Die Geschwindigkeit der Veränderungen hat alle überrascht und erschüttert, die Bäume von der Wurzel bis in den Wipfel, die Menschen von Kopf bis Fuß.

Zukunftsort. Aber es hilft ja nichts. Wenn es irgendwie weitergehen soll, dann muss es auch für den Wald weitergehen. Andererseits: Auch wenn es für uns nicht weitergeht – für die Natur wird es schon irgendwie weitergehen. Wie schrieb Schiller im Wallenstein so treffend: „Wo die Natur aus ihren Grenzen wanket, da irret alle Wissenschaft.“ Und der Mann rastete schließlich im Frankfurter Stadtwald.

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