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Gartenleiter Thomas Moos (Mitte), Vorgänger Manfred Wessel (li.), Bienenprofessor Christian Winter.
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Gartenleiter Thomas Moos (Mitte), Vorgänger Manfred Wessel (li.), Bienenprofessor Christian Winter.

Natur in der Stadt

Frankfurt: Wo der Eisvogel kichert

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Vor knapp zehn Jahren übernahm die Stadt den Botanischen Garten, seit 20 Jahren besteht sein Freundeskreis. Bald endet die Saison.

Gerade fährt jemand eine kleine Palme durchs Eingangstor hinaus. Es geht stark aufs Saisonende zu im Botanischen Garten, am 31. Oktober schließt sich das Tor für vier Monate. Doch die Sonne meint es noch einmal gut mit der kleinen Gruppe, die sich am Teich um einen Tisch setzt, mit einer Kanne Kaffee und vielen Geschichten.

Vom Freundeskreis Botanischer Garten Frankfurt am Main e. V. ist die Rede, im September 2001 gegründet und somit gerade 20 Jahre alt geworden. Wie dringend er damals benötigt wurde. Was er auf die Beine gestellt hat. Wie turbulent manch Vereinsausflug verlief. Und was so ein eingeschworener Kreis heute noch bewirken kann. Davon erzählen Gründungsmitglied und Vorsitzender Christian Winter, ehemaliger Vizepräsident der Goethe-Uni und weithin bekannt als der „Bienenprofessor“; Manfred Wessel, ehemaliger Technischer Leiter des Botanischen Gartens; und Thomas Moos, seit dieser Saison neuer Technischer Leiter des Botanischen Gartens.

Mit dabei sind auch unzählige kleine Fische im Teich, Moderlieschen, einst ausgesetzt, um den Eisvogel zu locken. Ein paarmal hatte er den Schnabel in die verwunschene Westendoase gesteckt. Wäre doch schön, wenn er bliebe, dachten sich die Gärtnerinnen und Gärtner. So richtig sesshaft wurde er seither nicht. Aber mal sehen, vielleicht treffen wir ihn ja heute noch.

Moment – neuer Technischer Leiter Thomas Moos? Kennen wir den überhaupt schon richtig? Eigentlich nicht. Corona hat ja auch dem Botanischen Garten übel mitgespielt, Veranstaltungen fielen aus, Menschen mussten viel zu viel Distanz halten. Moos aber machte sich ans Werk im Dienste der Pflanzen. Der bärtige Dillenburger, 1982 geboren, Vater von vier Kindern, war schon als Bub ein Freund des Grünzeugs. Entsprechende wohlmeinende Scherze mit seinem Nachnamen kennt er ebenso lang. Mit 14 Jahren wird er Mitglied der Deutschen Kakteen-Gesellschaft, bald ist er auch bei der Europäischen Palmengesellschaft dabei.

Später macht Moos eine Gärtnerlehre, auch wenn die Eltern nicht sehr begeistert von der Idee sind. „Aber der Wert dieser Ausbildung ist gar nicht hoch genug einzuschätzen“, sagt er, „man hat damit bei den Mitarbeitern ein ganz anderes Standing.“ Ein ganz anderes Ansehen, als wenn er „nur“ Gartenbau studiert hätte. Was er anschließend tut, in Geisenheim.

Später fragt der Botanische Garten in Gießen, ob Moos aushelfen könne. Es werden zehn Jahre draus, in denen er die Gewächshäuser dort leitet. Und nun Frankfurt. „Ein sehr schöner Garten, in dem viel Herzblut steckt“, sagt Moos. „Die Gärtner sind hoch motiviert, alle machen mehr als nötig.“

Das hat Methode an diesem Ort. Er liegt vielen am Herzen. Auch wenn ihn gar nicht alle kennen. Als Manfred Wessel, Moos’ Vorgänger, den Posten in den frühen 1990er Jahren übernimmt, ist der Botanische Garten noch nicht einmal auf dem Stadtplan eingezeichnet. Damals gehört das Areal noch zur Universität, das Land Hessen ist zuständig, es fehlt an allen Ecken und Enden. „Wir hatten riesengroße finanzielle Probleme“, sagt Wessel. „Wenn eine Motorsäge kaputtging – ja, das passiert, so was Böses! –, konnte ich keinen Ersatz besorgen: Im April war das Geld schon alle.“ Der Jahresetat verbraucht.

Wessel war schon mit dem Willen aus Kiel gekommen, einen Freundeskreis zu gründen, wie ihn der Botanische Garten im hohen Norden längst hatte. Den entscheidenden „Tritt in den Hintern“ habe ihm Monika Peukert gegeben, Biologin, Landschaftsökologin, Baumversteherin: „Das geht so nicht weiter mit dem Garten – Sie müssen was machen!“

Hat da jemand gelacht? Ja, der Eisvogel! Hockt auf der Stange, die ihm eigens in den Teich gesteckt wurde, perfekter Ansitz für die Jagd auf Moderlieschen. Er hört den Geschichten über den Freundeskreis eine ganze Weile zu. Vereinzelte Spaziergänger ziehen durchs grüne, mit jedem Herbsttag bunter werdende Gewächs. Verkehrslärm, Frankfurter Hochhäuser – und mittendrin, zentral in der Stadt, dieses Idyll. Mit Eisvogel. Ein besonderer Ort

Zwölf, dreizehn Leute hätten sich damals zusammengetan, berichtet der inzwischen 87-jährige und topfitte Christian Winter. Immer wieder hätten sie sich getroffen, Zoologen, Botaniker, und an der Satzung gefeilt. „Logo, Mitgliedsbeitrag, Geld – alles musste ausführlich besprochen werden.“ Der Text für den „Flyer“, der damals vermutlich noch Flugblatt hieß: was ein Botanischer Garten eigentlich sein soll. „Viele hatten Angst, dass der Garten überlaufen wird“, sagt Winter. „Unsere Idee war ja, den Garten zu öffnen.“

Die kam nicht überall gut an. Es gab Gärtner, die hofften eher, dass die Tür zum Grüneburgpark dauerhaft geschlossen wird – damit nicht noch mehr Leute reinkommen. Lacht da etwa schon wieder der Eisvogel?

Kurzum: Als die Gründungsversammlung anberaumt war, kamen rund 100 Leute. Alle trugen sich sofort in die Mitgliederliste ein. „Wir waren baff“, sagt Wessel, „wir hatten gehofft, dass wir irgendwann mal, nach Jahren, so um die 150 Mitglieder haben würden.“ Die Zahl war schnell erreicht. Heute, sagt Thomas Moos, sind es 560, darunter auch Familien, also insgesamt noch deutlich mehr Personen. Beitrag: Familie 30, Einzelperson 25 Euro.

Endlich konnte der Botanische Garten sich mehr leisten. Und schöner werden. Es kam sogar eine Sponsorin dazu, organisiert von Theodor Butterfaß, emeritierter Botanik-Professor, die jahrelang die Gartenaufsicht finanzierte – ein Posten von 25 000 Euro im Jahr. Es ging aufwärts. Noch mehr, als die Zuständigkeit für den Botanischen Garten Ende 2011 von der Uni an die Stadt Frankfurt wechselte.

Ein Zustand, über den alle inzwischen froh sind. Vorbei die Zeit, als man Professor Winter sein Bienenhaus hinten auf dem Gelände abspenstig zu machen versuchte. „Die pflanzenphysiologischen Kollegen wollten darin eine Kaninchenzucht aufmachen für die Antikörperproduktion.“ Überhaupt, die Kaninchen. Ein Jäger war jahrelang im Garten auf der Pirsch und erlegte jährlich um die 25 Langohren. „Wir merkten es, wenn der Jagdhund durch unseren Garten fegte“, sagt Wessel. Er wohnte ja mit der Familie in der Dienstwohnung auf dem Gelände.

Der Freundeskreis, was tut er? Vorträge hört er sich an, Ausflüge macht er einmal im Jahr, wenn kein Corona ist. In die Grube Messel führte der erste, nach Tübingen der längste Tagestrip. Würzburg blieb in Erinnerung, weil es dort eine Weinprobe gab und der Vorstand darüber staunte, in welchem Maße die rüstigen Mitglieder dem Weine zusprachen – ohne zu bedenken, dass sie noch durch unwegsames Gelände zurück zum Bus mussten. Seither, sagt Wessel, enthielten die Einladungen den Wink, dass festes Schuhwerk zum Jahresausflug angeraten sei.

Viele ehemalige Studierende gehören dem Freundeskreis Botanischer Garten an, Forschende, wissenschaftlich Interessierte, sagen die drei Fachmänner: „Menschen, die Pflanzen kennen.“ Moos: „Es gibt sie noch, die klassischen Amateurbotaniker.“ Den wissenschaftlichen Anspruch des Gartens zu verteidigen, sei auch die Aufgabe für die Zukunft des Gremiums. Nicht Zierpflanzenschau, nicht Eventstätte, sondern Arzneipflanzengarten und Lernort im Senckenbergischen Sinne. Gegründet durch Johann Christian Senckenberg vor mehr als 250 Jahren am Eschenheimer Tor, zog der Garten vor dem Zweiten Weltkrieg um an den jetzigen Standort zwischen Grüneburgpark und Palmengarten, wurde aber erst 1958 fertig. Die Prämisse: für alle offen, kostenlos, wie von Senckenberg festgelegt.

Seit vor fast zehn Jahren die Stadt den Garten übernahm, tat sich manches; ein Leitsystem für Barrierefreiheit mit Smartphone-App etwa. Nur auf dem benachbarten Gelände der ehemaligen Uni-Biologie, immer noch hessisches Hoheitsgebiet, tat sich nichts. Die leerstehenden Gebäude harren, seit die Naturwissenschaften samt neuem Lehrgarten auf den Riedberg zogen, der Dinge. Hier endlich Nägel mit Köpfen zu machen oder wenigstens die frühere Dienstwohnung zum dezenten Besucherzentrum auszubauen: Das wäre ein Gewinn, sagt Moos. Und zeigt, wo heute die Grenze zwischen der Zuständigkeit des Landes und jener der Stadt verläuft, „mitten durch diesen Mammutbaum“. „Der zweitdickste Mammutbaum in Deutschland“, sagt Manfred Wessel. Aber das, kichert der Eisvogel, sei eine andere Geschichte.

Der Botanische Garten ist ein Ort ...,
... der seine Besucherinnen und Besucher so verzaubern kann ... ,
... dass sie manchmal viel länger bleiben als geplant ...
... und die Atmosphäre aufsaugen wie beispielsweise der ...
... FR-Fotograf. Am 31. Oktober schließt der Garten für den Winter.

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